Im Frühjahr 2024 hat Amazon angekündigt, die Schlagzahl seiner deutschen Eigenproduktionen für Prime Video deutlich zu erhöhen - und hat seither auch ordentlich geliefert. Die Liste der deutschen Originals bei Prime Video hat inzwischen erstaunliche Ausmaße angenommen und ist nicht nur erheblich länger als etwa bei Netflix, sie umfasst auch eine breitere Genre-Auswahl. Den Mainstream will Amazon erklärtermaßen erreichen. In den letzten Jahren war weitgehend unklar, wie gut das gelingt. Doch seit November vergangenen Jahres nimmt Amazon nun an der AGF-Messung teil, es liegen also erstmals unabhängig gemessene und mit deutschen Anbietern vergleichbare Zahlen vor.
Die Bilanz nach den ersten sieben Monaten unter Messung zeigt ein gemischtes Bild: Prime Video gelingen mit seinen Produktionen immer wieder richtige Hits, die im Streaming-Bereich alle anderen Angebote weit in den Schatten stellen. Es ist aber trotzdem nicht so, als würde Prime Video in einer anderen Liga spielen, viele Produktionen reihen sich im Vergleich mit den deutschen Angeboten im Mittelmaß ein - und einige tauchten in den AGF-Rankings gar nicht erst auf und dürfen damit wohl als echte Flops abgehakt werden.
Fiction: Vor allem "Maxton Hall" und "Der Tiger" überzeugen
Die AGF-Zahlen zeigen: Mit nichts anderem kann Prime Video im Fiction-Bereich so stark punkten wie mit Young Adult/New Adult-Stoffen. Über den weltweiten Erfolg der ersten Staffel von "Maxton Hall" wurde viel geschrieben, für Staffel 2 liegen nun konkrete Zahlen für Deutschland vor: Im November wurde Folge 1 der 2. Staffel über 4,6 Millionen Mal gestartet (die AGF-Messung sagt hier nichts darüber aus, wie lange die Folge lief oder ob sie vom selben Nutzer mehrfach gestartet wurde), auf die Folgen 2 und 3 rund vier Millionen Mal. Die wöchentliche Nettoreichweite stieg in der Spitze auf mehr als zwei Millionen Personen. Keine andere deutsche Serien-Produktion kam in den letzten Jahren in der AGF-Streaming-Messung auf solche Zahlen.
Wie angesagt das Genre ist, zeigt aber auch der jüngste Serienhit "Off Campus": Die US-Serie brachte es mit Folge 1 im Mai sogar auf über 4,7 Millionen Views. Und generell sind es im Serien-Bereich die US-Produktionen, die Prime Video immer wieder gute Zahlen bescheren. "Young Sherlock", "Fallout" oder "The Boys" sind Serien, die für wöchentliche Nettoreichweiten jenseits der Millionen-Grenze gesorgt haben - und damit deutlich mehr Eindruck hinterlassen haben als weitere Serien-Eigenproduktionen aus Deutschland.
Der Versuch mit "Miss Sophie - Same Procedure as Every Year" rund um Silvester auf den alljährlichen Dinner-for-One-Zug aufzuspringen, wollte nicht so recht gelingen. Über Weihnachten und auch über Silvester tauchte die Produktion gar nicht in den Top 5 von Amazon auf, erst in der ersten Januar-Woche gab es einmalig einen etwas größeren Ausschlag mit einer Wochen-Nettoreichweite von knapp unter 400.000. Nach und nach stießen also offenbar noch einige auf die Serie, ein Hit sieht aber anders aus. Die zusammen mit Sat.1 umgesetzte Neuauflage des "Letzten Bullen" kam bei Prime Video, das die Serie vorab zeigte, in der Wochen-Nettoreichweite nie über 300.000 hinaus.
Ein großes Publikum erreicht Prime Video unterdessen regelmäßig mit seinem großen Film-Angebot, das weit überwiegend aus US-Ware besteht. Auch dort gelang zu Jahresbeginn mit "Der Tiger" aber ein großer Erfolg aus Deutschland: Allein im Januar wurden hier über drei Millionen Views verzeichnet. Der Pastewka-Film "Fabian & die mörderische Hochzeit" konnte daran zwar nicht anknüpfen, fast 1,4 Millionen Sendungsstarts im Februar können sich aber ebenfalls sehen lassen und brauchen sich nicht hinter US-Ware zu verstecken.
Reality: "The 50" stark, "7 vs. Wild" ordentlich, "FBoy Island" mau
Ein großes Portfolio hat Prime Video längst auch im Reality-Bereich aufgebaut. Als größter Erfolg hat sich in den letzten Monaten dabei "The 50" mit einer Wochen-Nettoreichweite von in der Spitze knapp über 800.000 Personen herausgestellt. Mit den erfolgreichsten Formaten des Reality-Krösus RTL+ konnte "The 50" damit gleichwohl nicht mithalten, die knacken regelmäßig sogar die Millionen-Marke. Während "The 50" aber sein Publikum fand, blieb "FBoy Island" im Herbst ziemlich blass. Selbst in der erfolgreichsten Woche lag die Nettoreichweite nur bei knapp über 300.000 Personen.
Daneben setzt Prime Video verstärkt auf Adventure-Formate. "7 vs. Wild" lieferte dabei mit Wochen-Nettoreichweiten von etwas mehr als einer halben Million Personen im Herbst ordentliche, aber unspektakuläre Zahlen, knapp darunter liegt derzeit die zweite Staffel von "Mission Unknown". Wie viele sich im letzten Jahr für "The Summit" interessiert haben, lässt sich leider nicht nachvollziehen, die Folgen feierten noch vor Beginn der AGF-Messung Premiere. Alles in allem ergibt sich jedenfalls das Bild, dass Prime Video im Reality-Bereich inzwischen mit seinen Eigenproduktionen durchaus eine Größe ist, aber RTL+ hier bislang trotzdem die Nase vorn hat.
"LOL" bleibt ein Hit, Amazons erste Quizshow geht unter
Einen echten Abräumer hat Amazon aber weiter mit "LOL: Last One Laughing" im Programm. Ob sich im Vergleich zu vorherigen Staffeln ein paar Abnutzungserscheinungen zeigen, lässt sich mangels Vergleichszahlen leider nicht nachvollziehen. Dass Bully nun erstmals selbst teilgenommen hat, war aber ein guter Kniff, um nochmal neue Aufmerksamkeit zu erzeugen. Der Lohn: Seit mittlerweile vier Wochen führt "LOL" das anbieterübergreifende Programmmarken-Ranking nun mit großem Vorsprung an, in der Spitze mit einer Wochen-Nettoreichweite von 2,7 Millionen Personen.
Als größten Flop der Saison muss Amazon hingegen wohl seinen Versuch abhaken, auch noch das Quizshow-Genre zu erobern. Die "Yes or No Games", die im Januar online gestellt wurden, legten dann vielleicht doch ein wenig zu viel Wert auf eine XXL-Optik als aufs Konzept und drangen beim Publikum damit gar nicht durch. In keinem der AGF-Rankings tauchte die Produktion jemals auf.
Auch die Champions League sucht man dort übrigens vergebens - allerdings nur, weil Prime Video seine Sport-Übertragungen überraschenderweise nicht von der AGF messen lässt, obwohl sie sicherlich zu den stärksten Zugpferden gehören. Hier bleibt man also weiterhin auf die selten gestreuten eigenen Zahlen von Prime Video angewiesen. Einen Einblick gab es nach dem spektakulären 5:4 zwischen Paris Sait-Germain und dem FC Bayern, das bei Prime Video über fünf Millionen Haushalte erreichte - ob es sich hier um eine Nettoreichweite oder eine durchschnittliche Sehbeteiligung handelt, ist allerdings völlig unklar, Amazon wollte das auch auf Nachfrage nicht präzisieren. Hervorragend ist die Zahl für Streaming-Verhältnisse aber auf jeden Fall, für Prime Video war es ein neuer Allzeit-Rekord - auch wenn Reichweiten wie im Free-TV noch nicht erreicht werden.
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