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Absurde PR-Blüten der TV-Zeitschriften

Die exklusive Revolution der neuesten Generation?

 

Klappern gehört zum Handwerk der PR-Branche. Kaum eine Pressemitteilung, die nicht übertreibt und schönt. Was sich aber die Verlage im Markt der Programmzeitschriften einfallen lassen, ist an Absurdität schwer zu überbieten. DWDL.de-Chefredakteur Thomas Lückerath wirft einen Blick auf "tv14", "tv life" und "TV Guide".

von Thomas Lückerath
12.06.2007 - 11:49 Uhr

Foto: CoverBeispiel 1
"Jetzt noch aktueller": Das Märchen von der Aktualität


Anfang des Jahres machte Bauers sehr erfolgreicher Programmie "tv14" gleich zweimal Schlagzeilen. Über den Jahreswechsel druckte man in Ausgabe 1/2007 zunächst einmal drei Programmwochen ab - anstatt der üblichen zwei. Die Folge: Quer über das Cover der nachfolgenden Ausgabe 2/2007 war dann zu lesen: "NEU: Jetzt noch aktueller". Im geänderten 2-Wochen-Rhythmus gab es damals schon das Programm für die übernächste Fernsehwoche.

"Jetzt noch aktueller"? Natürlich eine Milchmädchen-Rechnung. Nichts ist aktueller geworden bei "tv14". Man hat sich nur gegen den gemeinsamen Rhythmus aller 14-tägigen Programmies entschieden. Dass in der Woche nach dem Erscheinen der jeweiligen "tv14"-Ausgabe alle anderen Programmies neu am Kiosk und damit in Bauer-Logik aktueller sind - wollte man bei der Bauer Verlagsgruppe damals auf DWDL.de-Anfrage nicht weiter kommentieren.

Wirklich aktuellere Programmies wären dabei durchaus wünschenswert: Redaktionsschluss ist bei vielen Programmzeitschriften genau eine Woche vor Erscheinen. Oft fehlen kurzfristige Programmänderungen der Fernsehsender. Die Quote der fehlerhaften Programminfos würde sich reduzieren lassen - ganz im Sinne der Programmies selbst. In Zeiten von Internet und EPG sind gerade jüngere Leser flexibel und bei Unzufriedenheit schnell als Leser verloren. Bei aktuelleren Alternativen hilft auch das ab und an zu vernehmende Klagen der Programmzeitschriften über die kurzfristigen Änderungen der Sender nicht mehr: Das Problem liegt bei dem Thema auch beim offenbar zu langsamen Medium Print.

Foto: CoverBeispiel 2
Der "TV Guide" oder: Darf's ein bisschen weniger sein?

Vor gut drei Monaten, am 8. März, erschien zum ersten Mal Springers Billig-Programmie "TV Guide" - eine Antwort auf Bauers Erfolg mit dem ebenfalls sehr günstigen "tv14". Gibt es bei Bauer für einen Euro allerdings noch einen ausführlichen Mantelteil mit Wissensmagazin, reduziert Springer beim anfangs 50 Cent teuren "TV Guide" den redaktionellen Teil auf ein kaum erwähnenswertes Minimum. "Weniger ist mehr", so ein Verlagssprecher auf DWDL.de-Anfrage. Noch deutlicher: Der Wert von "TV Guide" liege in dem, was nicht gedruckt wird - könne man sagen. Chefredakteur Christian Hellmann sprach in der Pressemitteilung ebenfalls von der Konzentration "auf das Wesentliche".

Bei einem Kampfpreis von zunächst 50 Cent, inzwischen 70 Cent, setzt Springer beim "TV Guide" auf schnellen Reichweiten-Gewinn. Schon im Vorfeld war zu lesen, dass Springer seinen Anzeigenkunden im Programmie-Markt endlich auch eine Kombi aus hochpreisigem und niedrigpreisigem 14-täglichen Titel anbieten will. Mit "TV Digital" und "TV Guide" ist das geschafft. Geht es aber um den Verkauf von Werbung, hakt das Konzept von "TV Guide". In der Erstausgabe Anfang März waren gerade einmal vier Werbeseiten zu finden. Sehr wenig, wenn auch kaum Platz für mehr gewesen wäre. Ein Verlagssprecher betonte auf Nachfrage des Medienmagazins DWDL.de, dass zwischen den Programmlistings ohnehin keine Anzeigen platziert werden sollen. Es gehe ja um die Konzentration auf das Wesentliche und die schnelle Übersicht.

Wo aber sollen Werbekunden dann ihre Anzeigen platzieren, wenn sie "TV Guide" für sich entdecken? Ein kaum vorhandener Mantelteil ist schließlich Teil des Konzepts der Zeitschrift. Die Erklärung des Verlags führt den Grundgedanken dann aber schnell ad absurdum. Man werde den Mantelteil gegebenenfalls ausbauen, so ein Verlagssprecher gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de.
 

 
Foto: CoverBeispiel 3
Bauer startet "tv life": Die völlig unterschätzte Revolution

Der Markt der Programmzeitschriften ist wie kaum ein anderes Printsegment von der Gewohnheit der Leser geprägt. Das Nutzungsverhalten ist sehr intensiv, die persönlichen Bindungen an einen Titel waren - zumindest früher - meist groß. Schon Änderungen im Detail sind mit Vorsicht zu genießen, um Stammleser nicht zu verprellen. Details lassen sich aber schwer verkaufen, so wird aus kleinen Änderungen schon einmal eine Revolution.

Genau die rief die Bauer Verlagsgruppe mit dem Start von "tv life" aus. Von einem ganz neuen Programmzeitschriften-Typ war die Rede, der das Ergebnis einer aufwendigen Marktforschung sei. USP des neuen Titels: Alle Hauptprogramme werden gleichwertig dargestellt. Hat man "tv life" in den Händen, sucht man die Revolution leider vergeblich. Je auf drei Doppelseiten finden sich die täglichen Programmlistings. Auf den ersten beiden Doppelseiten je 8 Sender, danach kleinteiliger. Alles schon einmal gesehen. Die Programmtipps des Tages und die Aufmachung des kleinen Mantelteils sind gleich 1:1 aus "tv14" übernommen.

Immer wieder toll sind die Formulierungen in Pressemitteilungen. Da heißt es zum Start von "tv life": "Ganz an den Fernsehgewohnheiten der Zuschauer von heute ist die neue vierzehntägliche Programmzeitschrift 'tv life'". Man ist fast versucht die Gegenfrage zu stellen: Sind das die anderen Bauer-Programmies etwa nicht?
 
Foto: CoverBeispiel 4
"Exklusiv in tv14": Wenn der Leser für dumm verkauft wird
 
Den Gipfel der Peinlichkeit erreichte vor einigen Tagen aber "tv14" - auch aus dem Hause Bauer. Verschickt wurde eine Pressemitteilung mit dem irreführend komischen Titel "Internet-TV - jetzt exklusiv in 'tv14'". Das ist natürlich völlig gelogen. Für YouTube, MyVideo und Co. braucht man natürlich auch weiterhin keine "tv14". Die bietet ab sofort zwei Seiten mit abgedruckten Links zu ausgesuchten Webvideos. Wem es zu umständlich ist, die teils kryptischen URLs aus dem Heft abzutippen, der findet alle Infos auch auf der Website von "tv14" - innovativerweise als PDF-Version der gedruckten Seiten.

Einmal bis dahin durchgeschlagen, führt eine Video-Ampel "blitzschnell zum Wunsch-Clip". Hier wird es noch alberner. Wofür steht die Video-Ampel? Rot für "Ins Internet gehen auf: www.tv14.de", Gelb für "Klicken Sie auf: web-tv.de" und Grün für "Wunsch-Video: einfach auswählen". Auf tv14.de wird es dann völlig sinnfrei: Da bedeutet die Videoampel "Video aussuchen", "Videoanklicken" und "Spaß haben".
 
Der Ansatz ist ja ehrenhaft, aber peinlich umgesetzt und dazu noch überhaupt nicht innovativ: Das Abdrucken von Weblinks ist sicher kein "einzigartiger Service", wie der Bauer Verlag mitteilt. Das gab es schon so oft - und vorallem auch besser gelöst. Schlimm erscheint es dann, wenn Ralf Meyke, Verlagsleiter "tv14" sagt: "Mit dieser Innovation stärken wir die Kompetenz der 'tv14' im Themenfeld CrossMedia."
 
tv14-Chefredakteur Uwe Bokelmann hat es kurioserweise selbst erkannt: "Die junge Leserschaft der 'tv14' hat eine ganz besondere Affinität zu den aktuellen Entwicklungen im Internet. Video-Portale wie clipfish und YouTube werden täglich millionenfach angeklickt." Eben. Die eigenen Leser sind vermutlich weiter als "tv14". 

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