Screenshot: DWDL.deDie "Berliner Zeitung", zuletzt vor allem durch die Streitigkeiten zwischen Chefredakteur und Geschäftsführer Josef Depenbrock und der Redaktion sowie das Bekanntwerden der Stasi-Tätigkeit zweier Mitarbeiter aufgefallen, präsentiert sich seit Donnerstag-Morgen mit einem überarbeiteten Online-Auftritt.

Auf den ersten Blick ein Schritt nach vorn: Die Seite wirkt auf den ersten Blick nun luftiger, arbeitet mehr mit Weiß-Flächen sowie einem großen Aufmacher-Bild. Auch passte man sich dem derzeitigen Trend an und setzt nun auf eine vertikale Navigation mit wenigen Oberpunkten anstatt der bisherigen Navigationsliste an der linken Seite. Doch auf den zweiten Blick macht sich schnell Ernüchterung breit.

So scheint es zwar zunächst löblich, dass die "Berliner Zeitung" anders als bisher nicht mehr nur die Artikel der aktuellen Ausgabe online stellt, sondern die den ganzen Tag über aktualisiert wird. Doch schon die Ankündigung von Domenika Ahlrichs, Chefredakteurin der "Netzeitung", die nun als Chefredaktions-Mitglied auch die "Berliner Zeitung" online auf Vordermann bringen soll, wirkt seltsam: Halbstündlich werde die Seite nun mit neuesten Meldungen aktualisiert - ein Takt, der im Internet-Zeitalter irgendwie seltsam wirkt. Warum werden Meldungen nicht gleich veröffentlicht, sobald sie vorliegen?

Zumal sich bei näherem Hinsehen herausstellt, dass die aktuellen Meldungen offensichtlich nur 1:1 von der dpa übernommen werden. Selbst im Berlin-Teil, dessen Wichtigkeit schon dadurch hervorgehoben wird, dass er sich in der Navigation ganz vorne findet, bekleckert man sich mit der Übernahme von dpa-Meldungen nicht gerade mit Ruhm. Ein weiteres Nachrichtenportal, das Agenturmeldungen nachbetet, war nun wirklich das Letzte, was Deutschland gefehlt hätte.

Dabei bietet die "Berliner Zeitung" doch durchaus Lesenswertes wie etwa das renommierte Feuilleton - doch wo sich das nun online findet, erschließt sich erst nach längerem Suchen. Auch die meisten Kommentare, die die "Berliner Zeitung" online nun zumindest stellenweise zulässt, beschäftigen sich mit diesen Fragen: Wo ist das Feuilleton? Wo ist die Medien-Seite? Wo gibt's den Brandenburg-Teil? Wo sind die Artikel aus der gedruckten Berliner Zeitung, die über reine Agenturmeldungen hinausgehen und die doch das Aushängeschild einer Qualitätszeitung auch im Netz sein müssten?

Die gute Nachricht: Es gibt sie noch. Teilweise sind sie in den normalen Rubriken der Seite zu finden, die sich nun allerdings auf die Bereiche Berlin, Politik, Wirtschaft, Vermischtes, Sport und Wissenschaft beschränken. Der Rest wie etwa das Feuilleton oder die Medien-Seite findet sich nur noch versteckt. Will man auf die Übersichtsseite über alle Texte der gedruckten Ausgabe gelangen, so muss man auf der Startseite schon zufällig auf den Link "Analyse und Hintergründe" klicken. Intuitiv ist anders. Immerhin: Befindet man sich nicht mehr auf der Startseite, sondern auf den Rubriken-Seiten, dann heißt der Link "Artikel aus der heutigen Zeitung". Warum man sich auf der Startseite dann für etwas anderes entschieden hat, bleibt schleierhaft.

Doch hat man den Link erstmal gefunden, hält die "Berliner Zeitung" dahinter ein wirklich ein umfangreiches Angebot bereit. Alle Artikel aller Ausgaben bis ins Jahr 1994 zurück können dort abgerufen werden - und das kostenfrei. Das ganze funktioniert sowohl sortiert nach Datum, geordnet in Dossiers oder über die Suchfunktion - ein vorbildliches Angebot, auch wenn es an der Präsentation etwas hapert. Setzt man auf der Startseite noch auf ein luftigeres Auftreten, wird hier der Inhalt zwischen einer linken und einer rechten Spalte eingequetscht.

Alles in allem wirkt der Relaunch aus optischer Sicht halbwegs gelungen, nur inhaltlich legt die "Berliner Zeitung" online ihren Schwerpunkt falsch. Ziel müsste es sein, sich von anderen Angeboten abzuheben. Das gelingt aber nicht durch das Nachbeten von Agentur-Meldungen.