Marco Schreyl © RTL
Die Angst vor dem unbekannten Publikum

Schwule vor der Kamera: Die verlorene Generation

 

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Bislang hat sich in Deutschland kein Profi-Fußballer geoutet. Das Problem mag nicht mehr die Reaktion der eigenen Mannschaft sein, nicht die der Vereinsleitung oder die des DFB. Aber die große unbekannte Masse - die Fans - scheinen unberechenbar. In der "Tatort"-Folge zum Thema gab es am Ende ein HappyEnd mit Standing Ovations für den geouteten Spieler. Ohje. Das war dann schon wieder verkehrter Irrsinn, denn niemand soll benachteiligt, aber auch nicht gefeiert werden für das was er ist. Doch dieser umgekehrte Druck, plötzlich als Ikone oder Held im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, ist inzwischen ein weiterer Grund sich nicht zu outen. Auch bei der TV-Prominenz, wie man über die Jahre mitbekommt.

Der Erwartungsdruck der Öffentlichkeit, der Medien, wäre wohl in der Tat hoch. Und doch würde jeder, der damit den Schritt aus dem Doppelleben wagt, nicht nur sich selbst eine Last von den Schultern nehmen. Bleiben wir noch kurz beim Fußball: So mancher schwule Teenager in Deutschland wünscht sich nichts sehnlicher als einen Helden, der übrigens Held ist, weil er gut in dem ist, was er tut - nicht weil er schwul ist - der sich outet. Ein Vorbild, das Freunde und die eigene Familie, vielleicht der Fußball-begeisterte Vater schätzt. Einer, der beweist, dass man sein kann wie man ist und im Leben machen kann, was man will. Aber gut, es gibt natürlich keine Verpflichtung, Vorbild zu sein. Offenbar aber umgekehrt auch leider nur selten die moralische Verpflichtung, die, von denen man lebt, nicht zu täuschen.

Die Fernsehbranche hat in einem Punkt etwas mit dem Profi-Fußball gemein: Egal ob auf dem Platz oder vor der Fernsehkamera - junge Schwule scheint es in beiden Welten nicht zu geben. Im Fußball ist es die Angst vor den Fans, im Fernsehen die vor den Zuschauern. Was heutzutage wie von gestern klingt, ist Realität. Es gibt die üblichen schrägen Vögel und Verdächtigen des Showgeschäfts - Bach, Kerkeling, Hermanns und andere - die allerdings schon zu den eher älteren Semestern gehören. Aber geht schwul nur schrill und bunt im deutschen Fernsehen? Und wo bleibt die nächste Generation? Wo ist sie, die schwul-lesbische U40-Mannschaft? Es wirkt so als sei sie verloren gegangen. Klar ist: So wie es sie im Fußball gibt, gibt es sie auch im Fernsehen. Das ist keine Spekulation sondern Gewissheit.

Die meisten schwulen Schauspieler oder Moderatoren bleiben offiziell lieber unverbindlich. Schön zu sehen bei Interviews mit der Klatschpresse, wo man bei den Themen Beziehungen, Liebe und der Suche nach dem richtigen Partner auf geschickte Formulierungen zurückgreift, die sowohl Lüge wie Outing vermeiden sollen. Wer dort zwischen den Zeilen liest, erfährt oft mehr. Früher als selbst die Presse um keinen Preis von der eigenen Homosexualität erfahren durfte, war der Umgang mit Journalisten ein Spießrutenlauf. Heute ist das einfacher: Weder in der Branche noch der Presse ist es ein Geheimnis, wer schwul oder lesbisch ist. Nur gegenüber den Fans, den Lesern bzw. Zuschauern schweigt man. Mehr oder weniger geschickt wird das Thema in der Presse umschifft. Weil es ja Privatsache sei und dem Wort Outing fast schon eine gewisse Verwerflichkeit anhaftet.

Doch wieviel Privatsphäre kann man für sich reklamieren, wenn man sich selbst öffentlich über das Privatleben anderer auslässt? Und wie sieht es mit der Moral aus, die, von denen man lebt, nicht zu belügen? Und dann heißt es ja, niemand soll wegen seiner sexuellen Orientierung benachteiligt werden. Verkehrt man dies aber nicht ins Absurde, wenn sich schwule und lesbische Prominente mit dem Argument der Privatsphäre besser schützen können als ihre heterosexuelle Kollegen? Weil alleine der Verdacht ihrer sexuellen Orientierung von manchem Promi-Anwalt als Eingriff betrachtet wird? Sonderbehandlung mit Samthandschuhen. Das Versteckspiel mancher Prominenter ist auch deshalb nicht nachvollziehbar, weil sie damit aus der Tatsache anders zu sein, eine größere Sache machen als es doch eigentlich sein soll. So schafft man selbst erst die nötige Fallhöhe für die Boulevardpresse.

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