Media Convention Berlin 2015 © Marc Jaspers
Eindrücke von der Media Convention Berlin

On-Demand gegen Linear: So rasseln die Säbel

 

Netflix-Boss Reed Hastings verkündet einmal mehr den Tod des linearen Fernsehens. In der Tat rüsten die VoD-Anbieter auf. Aber das klassische TV gibt sich nicht so schnell geschlagen. Szenen eines Wettstreits von der Media Convention und re:publica in Berlin.

von Torsten Zarges
06.05.2015 - 23:20 Uhr

Für Reed Hastings ist die Sache klar. "Das lineare Fernsehen ist wie ein Faxgerät", ruft der Netflix-Boss der versammelten Netzgemeinde entgegen. "Es hat die Gesellschaft zu seiner Zeit entscheidend verändert, aber jetzt gibt es eben etwas Besseres - das Internet." Nicht mehr allzu viel Lebenszeit gibt der Video-on-Demand-Pionier aus Kalifornien dem herkömmlichen TV-Verbreitungsmodell. Und erntet für seine These auf der re:publica - wo laut Handzeichen im Saal an die 90 Prozent des Publikums Netflix-Abonnenten sind - kaum Widerspruch.

Selbst auf die Nachfrage nach dem künftigen Stellenwert von Sport- oder Nachrichteninhalten mag Hastings keine Hoffnung für klassische Sender erkennen. Immer mehr spezialisierte Apps und Live-VoD-Angebote würden das Geschäft übernehmen - wie etwa beim jüngsten Boxkampf Mayweather vs. Pacquiao, der geschätzte 400 Millionen US-Dollar an Pay-per-View-Erlösen eingebracht hat. Für aktuelle Nachrichten, so Hastings, warteten junge Konsumenten schon heute mehrheitlich nicht mehr aufs Fernsehen.



Auch wenn man Hastings' Radikal-Prognose nicht unumschränkt folgen möchte, ist die massive Aufrüstung der On-Demand-Anbieter unbestreitbar. Wohin ihre Reise in näherer Zukunft gehen dürfte, war im Rahmen der re:publica vor allem auf der vom Medienboard Berlin-Brandenburg ausgerichteten Media Convention Berlin zu erkennen. "Noch dominieren Modelle der alten Medienwelt die Finanzierung von Film- und Fernsehinhalten", konstatierte etwa Ben McOwen Wilson, Director Content Partnerships von YouTube EMEA. "Das hat zur Folge, dass Online-Video höchstens als nachrangige Priorität gedacht wird." Dies ändere sich jedoch gerade, wenn beispielsweise Vice oder US-amerikanische Late-Night-Stars ihre massenwirksamen Inhalte noch vor der TV-Ausstrahlung auf YouTube ausspielten. Um die Entwicklung zu beschleunigen, investiert YouTube in den kommenden Monaten - zunächst im US-Markt - in eigene Formate und Serien, die von einigen der erfolgreichsten US-YouTube-Stars entwickelt werden.

Für Yahoo kündigte Robert Bridge, Vice President of International Editorial & Marketing, den globalen Start des Casting-Formats "Ultimate DJ" an. Gemeinsam mit Syco Entertainment, der Produktionsfirma von Simon Cowell, wird der beste DJ der Welt gesucht, der einen Vertrag mit Sony Music gewinnen kann. "Um den Anspruch an hochwertigen Bewegtbild-Content zu erfüllen, benötigen wir einzigartige Angebote für eine immer anspruchsvollere Zielgruppe", so BridgeZunächst in den USA wird Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres die Comedy-Serie "The Pursuit" auf Yahoo zu sehen sein, die Bridge als eine Art "edgy Millennial-Version" der Kult-Sitcom "Friends" umschrieb. Doch auch in Europa will Yahoo künftig mehr Gas geben: "Wir haben gerade 18 neue Shows auf den NewFronts in New York vorgestellt", so Bridge. "Für alle davon sind die Rechte für eine weltweite Distribution geklärt. Sie können also bald mehr von uns erwarten."

Keine Pläne, eigenen Content zu produzieren, hegt dagegen Facebook, wie Martin Ott, Managing Director Northern, Central & Eastern Europe, betonte. Dabei kann das soziale Netzwerk mittlerweile die stolze Zahl von über 4 Milliarden Videoviews pro Tag vermelden - mehr als 75 Prozent davon mobil. Medienwissenschaftler und Blogger Bertram Gugel verwies darauf, dass bereits heute Videos auf Facebook deutlich häufiger geteilt würden als auf YouTube. Dort dominierten Algorithmen und Sendeplan, die Viralität nehme ab. Gugels Fazit: "Die Macht von YouTube bröckelt."

Dass das klassische Fernsehen den Kampf noch längst nicht verloren gibt, stellte in Berlin etwa Lutz Marmor, NDR-Intendant und ARD-Vorsitzender, klar. Mehr anspruchsvolle, horizontal erzählte Serien wie "Babylon Berlin" oder "Die Stadt und die Macht" will er als bewusste Reaktion auf die veränderten und von der VoD-Welt vorangetriebenen Sehbedürfnisse jüngerer Zielgruppen verstanden wissen. "Wir werden unsere Angebotspalette entsprechend ergänzen und dann im Zweifelsfall auch damit leben, dass manche Sendungen keine Riesen-Reichweiten erzielen, aber vom Feuilleton gefeiert werden", so Marmor.

Allen guten Vorsätzen zum Trotz hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen freilich noch Nachholbedarf bei der Förderung von Innovationen. Lebhafte Beispiele lieferten auf der Media Convention ein paar der kreativsten Macher. Etwa Matthias Murmann, Gründer und Geschäftsführer der bildundtonfabrik ("Neo Magazin Royale"). Sein unlängst Grimme-Preis-gekröntes Format "Mr. Dicks" (Einsfestival/WDR) hat vorerst wohl keine Zukunft - weil "zu edgy und zu teuer", so laut Murmann das Sender-Feedback. "Nicht nur in unserem Fall fehlt es da an Vision und Strategie", sagte der Produzent. Moderatorin Jeannine Michaelsen, deren ARD/SWR-Satireshow "Die Fernseher" auch keine zweite Folge in Aussicht hat, unterstützte die These: "Um etwas Neues auszuprobieren, bekommt man einen bestimmten Etat - und dabei bleibt es dann oft. Vieles verebbt, weil es keinen Platz und keine durchlässige Struktur gibt." Trotz solcher Erfahrungen betonten die jungen Macher übereinstimmend, dass ihr Optimismus in Bezug auf Erneuerungen immer noch überwiege.

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