Neue Gesichter, altes Konzept und jede Menge Potenzial

Foto: RTLBetritt man das Studiofoyer D auf dem Gelände der MMC-Studios in Hürth, dann weht einem die Fernsehvergangenheit ins Gesicht. Erinnerungen an die gloriosen Zeiten werden wach, in denen RTL Erfolge über Erfolge zu verzeichnen hatte und die Fernsehnation gebannt die neuen bunten Programme verfolgte. Hier schob Ilona Christen Talkshow-Dienst und Walter Freiwald verkaufte noch keine Heimelektronik, sondern verschenkte sie zusammen mit Harry Wijnvoord bei „Der Preis ist heiß“. Erinnernd an die Boom-Zeiten steht das legendäre Rad aus der Gameshow aufgebart im Foyer und lässt einen kurzen Moment die Augen der Zuschauer wieder leuchten. Eine besondere Ehrung wurde den großen Helden zu Teil, die die Comedy-Welle in Deutschlands Fernsehstudios einläuteten: Die Comedians von „RTL Samstag Nacht“ – als Airbrush verewigt an der Wand. Ein schlichtes und dadurch fast schon geniales Format mit damals noch unbekannten Künstlern, das in einer Mischung aus Live-Sketchen, Einspielfilmen, hochwertigen Musik-Acts und bekannten Comedians jeden Samstag Abend die Zusschauer vor die Schirme zog.

Hohe Erwartungen

Heute Abend nun wird dieses Konzept bei RTL wieder auferstehen. Neun Nachwuchs-Comedians treten an um und wollen bei der „RTL Comedy Nacht“ – so der Pressetext von RTL – „Den Sinn im Un-Sinn wiederentdecken“. Thematisch geht es laut Meldung um „Management, Mobbing und andere moderne Freizeitgestaltung“. Comedy aus dem Alltag also. Die Zuschauer in Foyer D sind skeptisch. „Es ist schwierig an das Original ranzukommen. Entweder es wird richtig schlecht oder richtig gut“, sagt einer, der schon seit zehn Jahren begeisterter Studiozuschauer ist. Die Erwartungen sind hoch, schließlich war der Vorläufer vor knapp zehn Jahren eine der wenigen Sendungen im deutschen Fernsehen, bei der die Studiotickets nahezu auf Jahre im Vorfeld ausverkauft waren.

Da die erste Sendung – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – als die wichtigste gilt, steigt die Spannung, als gegen 20 Uhr die cirka 300 Zuschauer ins Studio eingelassen werden. Der Zeitplan stimmt. Noch. Für eine erste Sendung keine Selbstverständlichkeit. Im Studio selbst macht die Deko einen aufgeräumten Eindruck. Schlichter Bühnenbau in zeitgemäßen gedeckten Farben. Links die Band, in der Mitte der Aktionsraum für die Comedians, ganz rechts die Showbühne für die Liveacts. Es folgt ein überraschend angenehmes Warmup mit der üblichen Animation. Vor der Premiere ist die Anspannung im Team zu spüren. Auch die Bühnentechnik scheint an einigen Punkten – besonders an der automatischen Schiebetür – noch nicht ganz ausgereift. Höhepunkt der Preluminarien: Da das Studio zum ersten Mal vollbesetzt ist, müssen nun noch die Mikrofone des Publikums gepegelt werden. Lacher werden aufgezeichnet. Ein in der Tat rasend komisches Band mit lustigen Heimvideos aus den 90er Jahren wird vorgeführt. Ob es in der Sendung auch so witzig wird? Ist ein Frettchen, das graziös und zielgenau in einen Papierkorb mit Schwingdeckel springt, noch zu toppen?

Junge Comedians legen los

Foto: DWDLDie Sendung beginnt. Zum ersten Mal bekommt das Publikum die neuen Comedians zu Gesicht. Der eine oder die andere könnte dem Publikum bereits bekannt sein: Johannes Flöck zum Beispiel trat bereits in der SAT.1 Show „Star Search“ an. Carolin Kebekus war mehrere Male in Sendungen wie „Freitag Nacht News“ und „Was guckst Du?!“ als Sketchpartnerin zu sehen. Auch Adriana Zartl konnte schon erste Erfahrungen im Fernsehen sammeln. Die Österreicherin stand beim Quizsender 9live vor der Kamera. Zumindest vom Hören sollte Jürgen Bangert bekannt sein. Im NRW-Lokalradio ist er als Elvis Eifel unterwegs. Sven Nagel und Attik Karga sind auch alte Hasen im Geschäft: Sie arbeiteten bereits als Autoren für verschiedenste Formate. Verhältnismäßig neu dabei: Sina Valeska, Rüdiger Brans und Christoph Scheichinger. Über sie ist bislang wenig bekannt.

Auch wenn da ein frisches vielversprechendes junges Team steht, dem man anmerkt, dass sie ganz heiß auf ihren Einsatz sind: Den Anfang macht Mario Barth. Wie immer super drauf, urkomisch und zudem frisch gebackener Träger des Deutschen Comedypreis. Im weiteren Verlauf der Sendung erwartet den Zuschauer heute Abend eine gewohnt illustre Mischung: Stand-up-Comedy zu Themen wie Kindheit in Köln-Ostheim und dänischen Pornos, gelungenen Parodien, Einspielfilme und Musik (Heute Abend: Bon Jovi). Wirklich freuen darf man sich auf eine herrlich überzogene Volksmusik-Persiflage und eine im Ansatz gelungene Rubrik, die sich mit den deutschen Charity-Ladies auseinandersetzt. Auf so wichtige Elemente wie die Nachrichtenparodie muss der Zuschauer auch nicht verzichten. Allerdings wird sie heute nicht wie damals mit einem Xylophon-klöppelnden Hans Meiser eingeläutet, sondern läuft in neuem Gewand über den Bildschirm. Fraglich bleibt allerdings, ob sich Polit-Comedy wieder und wieder an der äußeren Erscheinung von Angela Merkel festmachen muss.

Alte Hasen machen Programm

Heute wie damals hat jeder der neuen Comedians seinen Schwerpunkt und zeigt in verschiedenen Solo-Nummern, was in ihm steckt. Verschiedenste Gaststars aus dem RTL-Programm tauchen zudem in den eingespielten Sketchen als Partner auf. Kurz aber grandios: Die Ankündigung der neuen Serien-Highlights bei RTL unter anderem mit Henry Gründler, Bernd Stelter und Oliver Welke. Nicht jeder Gag ist ein Meisterwerk und neu sind die Rezepte auch nicht. Doch das ist auch nicht nötig. Neu erfinden lässt sich Comedy auf diesem Sendeplatz ohnehin nicht. Schließlich muss eine neue Sendung von Anfang an funktionieren. Der Erfolg wird davon abhängen, wie sich die Comedians in ihre Rollen einfinden und ob es der Sendung gelingt, eigene Figuren und Wortmarken zu etablieren, wie es „RTL Samstag Nacht“ mit den „Doofen“, „Zwei Stühle, eine Meinung“ und nicht zuletzt „Kentucky schreit Ficken“ oder das SAT.1-Pendant „Wochenshow“ mit Sätzen wie „Danke, Anke“ und „Komm ich jetzt im Fernsehen?“ geschafft haben. Und gelingen könnte das, schließlich stecken hinter der „RTL Comedy Nacht“ alte Hasen im Geschäft mit den Lachern. Produzent der Show ist Jacky Drecksler mit seiner Firma Pacific Productions. Das Unternehmen stellte bereits den Vorläufer her, und Drecksler könnte man als einen der Ur-Väter des deutschen Fernseh-Unsinns bezeichnen. Bereits in den 80er Jahren war er Autor für über 70 verschiedene Sendungen und prägte als Gag-Autor für RTL-Radio die deutsche Humorlandschaft mit. Zudem war maßgeblich beiteiligt an der richtungsweisenden Sendung „Alles nicht, oder?!“. Nach einer Ruhepause und der jährlichen „Exhumierung, um Jury-Mitglied des Deutschen Comedypreises zu spielen“ (Selbstdarstellung), ließ er sich von seinem langjährigen Freund Hugo Egon Balder wieder anfixen. Den Anfang machte das von Hurricane produzierte Format „Frei Schnauze“. Im März dieses Jahres wurde schließlich die Pacific wieder zum Leben erweckt. Und so gibt es nun wöchentlich die „RTL Comedy Nacht“.

Einfach mal reinschauen

DWDL-Tipp: Einfach mal reinschauen. Die wahre Qualität einer neuen Sendung zeigt sich meist jedoch erst nach vier bis fünf Folgen. Doch in welche Richtung es gehen könnte, das sollte sich bereits bei der Premiere abzeichnen. Und wer weiß, vielleicht wird die Sendung für den einen oder die andere der Beginn einer erfolgreichen Bühnenlaufbahn. Wigald Boning, Olli Dittrich und Co. haben es vorgemacht. Wer im Studio live dabei sein will, der kann in den Pausen zudem hervorragende Live-Musik von Jupp und der RTL-Allstar-Band genießen. Tickets gibt es beim TV Ticketservice unter 02233-963640 oder unter www.ticketservice.tv.