Anlässlich des International Journalism Festival riefen Amazon, "La Stampa", "El Pais", "The Times" und DWDL.de Nachwuchsjournalisten auf, ein Essay über die Zukunft des Journalismus zu schreiben. In dieser Woche veröffentlichen wir die Gewinner-Beiträge. Der prämierte Text aus Frankreich stammt von Gabriel Macé, Studentin der Politikwissenschaften am Catholique d'Etudes Supérieures.
Papier ist tot. Und begraben. Es ist fast 40 Jahre her, seit wir die letzten gedruckten Zeitungen gesehen haben. Manchmal trifft man in Bars alte Männer, die an Tischen einen Humpen nach dem anderen leeren, und nichts lieber tun als ungefragt zu erzählen, dass zur Wende des Jahrhunderts noch jeden Tag Tausende von Zeitungen gedruckt wurden. Kaum zu glauben.
Als Journalist habe ich Zugriff auf Bibliotheken und ich durfte Papier berühren und alte Bücher lesen. Manche Menschen leben ihr ganzes Leben, ohne diese Chance zu haben. “Wozu auch”, höre ich Sie sagen: "Es gibt digitales Papier, das funktioniert doch.” Wenn Sie einer dieser Menschen sind, dann haben Sie wahrscheinlich noch nie das Vergnügen gehabt, die staubigen Seiten eines alten Buches umzublättern, diesen Duft aus einer Mischung von Vanille und Mandel einzuatmen; den Geruch zu wissen, dass die Zeit sich nicht ändert, oder wenn sie das tut, dann tut sie dies mit himmlischer Langsamkeit. Ein digitaler Artikel kann viel zu schnell gelöscht werden; nur die Zeit hat die gleiche Wirkung auf einen alten gedruckten Artikel.
Meine Beruf ist inspirierend, fesselnd, spannend - und die Liste der Adjektive, mit der man Journalismus verherrlichen kann, könnte sehr lang werden. Trotzdem gibt es da immer eine Art ständige Leere. Das unerklärliche Gefühl, etwas vergessen zu haben, oder dass dich jemand verfolgt, ohne dass du weißt warum. Das Gefühl, dass immer etwas fehlt, kommt jedesmal zu mir zurück, wenn ich den Schlusspunkt meiner Artikel auf meiner Tastatur eingebe. Vielleicht habe ich einfach Angst, dass ich keine Spur von meiner Existenz zurücklasse.
Journalisten schreiben für den Moment und sollten sich nicht allzu viel über die Nachwelt kümmern. Warum dann dieses Gefühl? Da die Artikel mit dem Moment ihrer Veröffentlichung bereits veraltet sind. Soziale Netzwerke machen die Nachrichten, sie werden nicht mehr zur Verbreitung genutzt. Die am meisten weitergeleiteten Beiträge zeigen sehr schnell die aktuellen Themen, die den Leser interessieren. Wir können nur noch das Phänomen analysieren und versuchen, es zu aus der Ferne zu verfolgen.
Hat der Journalismus seinen Zenit überschritten? Ist es ein veralteter Beruf, den wir hartnäckig dazu zwingen, im digitalen Zeitalter zu überleben? Sollte er sich entwickeln, anpassen? Um diese Frage zu beantworten, habe ich beschlossen, meine Arbeit zu tun und diese Frage zu untersuchen. Immerhin sind Journalisten als Detektive der Gegenwart auf der Spur, und was ich gefunden hatte, war ein sehr guter Grund, genau dies zu tun.
Recherchieren ist gut und schön, aber ich brauchte einen Ausgangspunkt. Ich erinnerte mich dann, dass es einige alte Zeitungen in den nationalen Archiven der Hauptstadt von Europa, Berlin, gab. Ein Freund hatte mir von diesen riesigen Bahnen aus dünnem Papier erzählt, die noch aus dem alten Europa stammten, den Tagen, als die einzelnen Regionen noch eigenständige Länder waren.
Mein erster Instinkt war, auf meiner Smartwatch zu recherchieren. Das Hologramm drehte sich ein paar Sekunden, dann erschien das Ergebnis. Der nächste Hyperloop nach Berlin sollte in fünf Minuten abfahren. Wenn ich mich beeilte, könnte ich schon in einer halben Stunde in den Archiven und bis zum Abendessen wieder zurück sein.
Als ich die Schutzhülle öffnete, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Das Blatt Papier war so dünn und weiß wie Zigarettenpapier, ein wahres Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Was ich in der Hand hatte, war eine deutsche Zeitung, und da ich diese Regionalsprache nicht spreche, musste ich mir die nächste Hülle vornehmen.
Dieses Mal war es eine französische Zeitung. Da ich mit diesem Dialekt vertrauter bin, durchsuchte ich die Zeitung nach allem, was meine Recherche weiterbringen würde. Eine Adresse - perfekt. Die Recherche würde weitergehen...
Und so fuhr ich nach Paris, eine vergessene Stadt, die einmal eine wunderschöne Hauptstadt gewesen war. Wie konnte sie in so kurzer Zeit so stark verfallen sein? Ich verbrachte mehr als eine Stunde auf der verzweifelten Suche nach Straßennamen, die noch an den zerstörten Gebäuden angebracht waren. Die Stadt war in einem so stark fortgeschrittenen Zustand des Verfalls, und ihre Bewohner so elendig anzusehen, dass mich ein Gefühl von Trauer überkam. Da standen wir an der Schwelle zum 22. Jahrhundert, und gleichzeitig befanden wir uns immer noch in diesem Zustand...
Rue Lecourbe. Treffer. Das Lager war voll von Maschinen, die wahrscheinlich einmal für den Druck verwendet worden waren, und ich war überrascht, wie groß die Maschinen waren. Nachdem ich alle Ecken und Winkel im Raum durchwühlt hatte, stieß ich auf eine alte, vergilbte Zeitung. Ich entfernte sie vorsichtig aus dem Schrank, in dem sie vergessen worden war, und brachte sie zum Lesen ans Tageslicht. Das Papier war abgegriffen und die Buchstaben waren praktisch unleserlich. Aber es gab eine Sache, die ich in dem, was wohl einmal eine Zeitung gewesen war, sehen konnte: ein Foto. Von einem kleinen Kind am Strand.
Im Sand liegend, regungslos.
Tot, ohne Zweifel.
"Oh, mein Gott ...", sagte ich laut und voller Entsetzen. Kinder sollen geschützt, geschätzt, geliebt werden. Wie konnte dieses Kind nur tot an diesem Strand landen? Kinder spielen am Meer, sie bauen Sandburgen, sie lachen und manchmal weinen sie ... aber sie sterben nicht.
Was für eine Schande für die Menschheit, beim Beschützen ihrer Kinder so versagt zu haben... Warum wird versucht, dies zu rechtfertigen, indem ein Foto veröffentlicht wird? Ich brauchte mehrere Minuten, um zu verstehen. Die Journalisten damals waren dagewesen, um andere zu warnen, sie waren die Wachtposten der Menschheit.
Als ich die Druckerei verließ, um mich auf meinen Weg zurück durch die Stadt zu machen, wurde mir plötzlich klar, dass die digitale Technologie Themen Bedeutung verliehen hatte, die keine eigene Bedeutung hatten, und dass Journalisten ihre Rolle als Wachtposten vergessen hatten.
Schweren Herzens stapfte ich zurück durch das Elend, einen alten Zeitungsfetzen in der Hand, und ich traf die Entscheidung über das Problem zu schreiben... Ich wollte die Wunde aufreißen, etwas tun, das den Sinn und Zweck des Journalismus verdeutlicht… Nicht nur über alles zu schreiben, aber auch die Menschen vor dem zu warnen, vor dem sie gewarnt werden müssen. Nicht nur Informationen für die Massen aufzubereiten, aber ihr Wachtposten zu sein. Kurz gesagt, ein richtiger Journalist, unter allen Umständen... und auch im digitalen Zeitalter.



