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Crime © Dennis Skley / Flickr (CC BY-ND 2.0)
Die Sorge vor "posthumer Glorifikation"

Wie deutsche Medien mit Bildern von Terroristen umgehen

 

In Frankreich ist eine Debatte über die Darstellung von Attentätern entbrannt. Die Zeitung "Le Monde" und ein Nachrichtensender wollen künftig darauf verzichten. Wie reagieren die deutschen Medien auf den Vorstoß? Ein erstes Stimmungsbild...

von Alexander Krei
28.07.2016 - 14:28 Uhr

Die jüngsten Terror-Attacken in Frankreich führen zu einem Umdenken einiger Medienhäuser. Zunehmend stehen Zeitungen und Fernsehsender vor der Frage, wie sie in ihrer Berichterstattung mit den Tätern umgehen sollen, immerhin handelt es sich immer wieder um Bilder und Videos, die die Terrormiliz IS ins Internet gestellt hat. Die französische Tageszeitung "Le Monde" hat sich nun klar positioniert und entschieden, jene Bilder nicht mehr zu veröffentlichen, "die aus den Propaganda-Dokumenten des Islamischen Staats stammen". Man wolle mit diesem Schritt eine "posthume Glorifikation" verhindern, erläuterte der Chefredakteur in einem Leitartikel. Auch der französische Nachrichtensender BFMTV schloss sich dieser Argumentation inzwischen an. Doch wie handeln eigentlich die deutschen Medien? WIr haben uns umgehört:

ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke
© NDR/Thorsten Jander
Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-aktuell:

"Nach Beratung durch namhafte Kriminologen und Psychologen verzichtet ARD-aktuell bei Amokläufen komplett auf erkennbare Fotos der Täter, so dass es nicht zu einer Heroisierung kommt, die sie anstreben und die außerdem Nachahmer zu ähnlichen Taten animieren kann. Bei politisch bzw. religiös motivierten Terroranschlägen gelten diese Grundsätze zwar nicht, dennoch halten wir uns auch hier bei Täterfotos sehr stark zurück, da es bei den Persönlichkeitsmerkmalen der Täter durchaus Schnittmengen zu Amoktätern gibt. Einen generellen Verzicht auf Täterfotos bei Terroranschlägen gibt es aber nicht."

Sonja Schwetje
© n-tv/Hardy Welsch
n-tv-Chefredakteurin Sonja Schwetje:

"Hier gibt es keine pauschale Regel, jeder Fall muss einzeln betrachtet werden. Es ist immer eine Abwägung zwischen unserer Aufgabe, die Zuschauer und Nutzer so umfassend wie möglich zu informieren und der Verantwortung, die wir bei der Auswahl von Informationen haben. Ein offen gezeigtes Täterbild kann zum Beispiel zu Hinweisen an die Ermittler führen. Ein unkenntlich gemachtes Bild lässt schnell den Eindruck entstehen, hier habe eine Art unmenschliches Monster ein Verbrechen begangen. Das würde den Eindruck von verbreitetem Schrecken unterstützen. Wir haben uns nach längerer Diskussion entschieden, die Täter von Würzburg, München und Ansbach inklusive des sogenannten Bekennervideos ab einem bestimmten Zeitpunkt unkenntlich zu machen, weil eventuell die Gefahr besteht, dass sich eine perfide Art von Personenkult um sie entwickelt. Diesen Stellenwert wollten wir ihnen nicht einräumen. Wie gesagt, es gibt hier kein generelles 'richtig' oder 'falsch'. Für jede Entscheidung gibt es in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Argumente, die man dann gewichten muss."

Helge Fuhst und Michaela Kolster
© WDR/Phoenix/Annika Fußwinkel/Thomas Kierok
Michaela Kolster, Phoenix-Programmgeschäftsführerin, und Helge Fuhst, stellvertretender Programmgeschäftsführer:

"Da wir uns der Hintergrundberichterstattung verpflichtet fühlen, herrscht bei uns ohnehin eine hohe Sensibilität bezüglich des Einsatzes von Bildern. Das gilt umso mehr für den sog. Islamischen Staat, der ganz bewusst Bilder für seine Propaganda einsetzt. Wir stellen uns die Frage, ob ein Bild oder Video wirklich notwendig ist, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wenn überhaupt, zeigen wir solche Bilder nicht unkommentiert. Bei ARD und ZDF, zu denen Phoenix gehört, werden Bilder ohnehin unter hohen journalistischen Ansprüchen auf ihre Authentizität geprüft."

RTL
© RTL
RTL-Sprecher Christian Körner:

"Nach Ereignissen wie denen am Wochenende diskutieren wir bei uns ganz regulär die eigene Berichterstattung sowie die der Medien generell, Social Media inklusive. Im Ergebnis pixeln wir seit vorgestern die Täter (Berichterstattung Würzburg und München) und sowie jetzt auch den Täter aus Ansbach. Das Zeigen etwa von Tätern kategorisch auszuschließen, fällt schwer angesichts der Tatsache, dass solche Ereignisse sehr unterschiedlich sein können. So oder so steht für uns nicht der Täter im Vordergrund, sondern die Aufgabe, dem Zuschauer zu erklären und einzuordnen, warum so etwas passiert, wieso jemand so handelt und was die Hintergründe sind. Richtig und wichtig ist jedoch ohne Zweifel, gerade auch nach München, zu bewerten, in welcher inhaltlichen Gewichtung in solchen teils ungeklärten Situationen berichtet wird."

N24 Logo
© N24
N24-Sprecherin Kristina Faßler:

"Da wir uns unserer Wirkung sehr bewusst sind, entscheiden wir bei jeder Berichtererstattung aufs Neue, nach ethischen und journalistischen Kriterien, was wir zeigen. Dabei gibt es sehr klare Eckpfeiler, die für uns unumstößlich sind: Wir zeigen grundsätzlich keine IS-Propaganda-Videos und auch keine arabischen Schriftzeichen in diesem Zusammenhang. Ein Screenshot als Beleg der Existenz ist Pflicht der journalistischen Berichterstattung. Mehr ist nicht notwendig. Die Frage, ob Täter gezeigt werden, wägen wir immer wieder anhand der aktuellen Situation ab. Bei allem, was wir bewusst zeigen, komplett weglassen oder teilweise verpixeln, müssen wir uns darüber bewusst sein, dass in den sozialen Medien bereits unzählige nicht eingeordnete  Bilder und Videos zum Geschehen existieren. Das ist nicht änderbar. Umso mehr ist es unsere Aufgabe zügig präzise zu informieren und zeitnah auch einzuordnen."

Stv. ZDF-Chefredakteur Elmaß Theveßen:

"Die 'Le Monde'-Entscheidung hat auch im ZDF für Diskussionen gesorgt. Alle Fotos von Terrorverdächtigen, Terroristen und Amokläufern unkenntlich zu machen, kommt für uns aber weiterhin nicht in Frage. Ein solcher Schritt könnte als Zensur empfunden werden - und die Täter würden im Auge des Zuschauers Teil einer gesichtslosen, grauen Masse. Wir prüfen deshalb weiterhin im Einzelfall und auf Grundlage des geltenden Rechts, ob wir die Bilder verpixeln oder nicht. Wir wollen aber die Gründe, warum wir uns für oder gegen das Zeigen eines Bildes entschieden haben, transparenter in Beiträgen oder Moderationen kommunizieren."

Axel-Springer-Sprecherin Bianca-Maria Dardon:

"Ein verantwortlicher Umgang mit Fotos und anderem Material heißt für uns: Wir berichten frei, immer basierend auf Einzelentscheidungen. Natürlich muss vermieden werden, was aus Tätern Helden oder Märtyrer macht oder zu Folgetaten ermuntert. Aber bei Axel Springer wird es keine Grundsatzentscheidung geben."

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