Séries Mania © Séries Mania
Neue Events in Frankreich und Berlin

Die (viel zu) große Inflation der Serienfestivals

 

Gefördert vom französischen Staat, soll 2018 ein neues Serienfestival von Weltrang starten. Die Rivalität zwischen den Städten führt dazu, dass es nun zwei werden. "Veranstaltungsdarwinismus", sagt der Bürgermeister von Cannes. Und auch in Berlin wird Neues probiert.

von Torsten Zarges
17.04.2017 - 09:55 Uhr

Angesichts des weiter steigenden Serienaufkommens sprechen die einen vom "New Golden Age of Television", die anderen – etwas skeptischer – von "Peak TV". Mit letzterem Schlagwort ist gemeint, dass vor allem im US-Markt mit fast 500 neu produzierten Serien pro Jahr die Decke bald erreicht sein dürfte und die schöne Blase dann platzen könnte.

Bei den Serien mögen die Amerikaner noch Weltmeister sein. Geht es jedoch um Serienfestivals, dann sind es definitiv die Franzosen. Nun drängt sich der Eindruck auf, dass es die Grande Nation ein wenig übertreibt mit den TV-Feierstunden. "Peak Festival" sozusagen. Wo soll der ganze Stoff herkommen, um von 2018 an vier statt zwei große Serienfestivals allein in Frankreich zu füllen?



Seit Gründonnerstag läuft in Paris zum achten Mal die "Séries Mania". Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte es dem Team des kommunalen Forum des Images gelingen, den eigenen Vorjahresrekord zu brechen. Knapp 40.000 Normalzuschauer und 1.300 Fachbesucher strömten 2016 zum größten und bedeutendsten Serienfestival Europas. Diesmal stehen noch mehr Veranstaltungen an noch mehr Locations auf dem Programm – im Kern 150 Screenings an zehn Tagen für die Öffentlichkeit sowie das viertägige "Co-Production Forum" nach Ostern als mittlerweile wichtigste Branchenplattform der globalen Serienmacher.

"Lost"- und "The Leftovers"-Showrunner Damon Lindelof sitzt der internationalen Fachjury vor, der u.a. auch Golden-Globe-Preisträgerin Agnieszka Holland ("House of Cards", "Burning Bush") angehört. Zu befinden haben die Experten über eine hochkarätige Auswahl, darunter die Weltpremieren von Jim Carreys Showtime-Serie "I'm Dying Up Here", Jimmy McGoverns BBC-Serie "Broken", "Borgen"-Creator Adam Prices DR-Arte-Koproduktion "Ride Upon the Storm" oder die Europapremiere von Jill Soloways neuer Amazon-Serie "I Love Dick". Aus Deutschland ist die TNT-Serie "4 Blocks" von Marvin Kren, Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf im Wettbewerb.

Beim Pitch neuer Serienideen auf der Suche nach Koproduktionspartnern – in Paris zuletzt stets auf deutlich höherem Niveau als bei vergleichbaren Veranstaltungen – sind dieses Jahr erstmals 50.000 Euro für das beste Projekt in Entwicklung ausgeschrieben. Die Marke "Séries Mania" ist sogar exportfähig: Ende Juli steigt in Kooperation mit zwei staatlichen australischen Institutionen die erste "Séries Mania Melbourne".

Als die französische Regierung Ende 2015 den Ehrgeiz entwickelte, eine der Weltgeltung des Filmfestivals von Cannes ebenbürtige Kombination aus Festival und Markt für Serien hervorzubringen, schien die "Séries Mania" also die perfekte Ausgangsbasis für diesen Ausbau zu sein. Fraglich schien zunächst nur die sinnvolle Koordination mit anderen Events im Lande: Keine 80 Kilometer vom Pariser Forum des Images entfernt findet in Fontainebleau seit sechs Jahren immer Ende Juni die "Série Series" statt, ein deutlich kleineres, auf europäische Serien konzentriertes, aber ebenso sorgsam kuratiertes Festival. Nicht zu vergessen die Veranstaltungen, die nicht nur, aber auch Serien zeigen, etwa das FIPA-Festival im Januar in Biarritz, die "MIPDrama Screenings" im April in Cannes und das Filmfestival von La Rochelle im Juli.

Doch dann kam alles anders. Außer Paris warfen auch Bordeaux, Cannes, Lille und Nizza ihren Hut in den Ring, um Austragungsort des neuen, vom Staat großzügig geförderten Mega-Serienfestivals zu werden. Die Intrigen und Winkelzüge, die während des mehrstufigen Auswahlprozesses zwischen September 2016 und März 2017 zum Einsatz kamen, veranlassten französische Zeitungen zu Anspielungen auf "House of Cards" oder "Dallas". Als sich abzeichnete, dass Paris und Lille in der engeren Wahl der staatlichen Filmförderungsbehörde CNC waren, kündigte der Bürgermeister von Cannes ein privat finanziertes Festival ab April 2018 parallel zur MIPTV an und engagierte als dessen Präsidentin ausgerechnet Ex-Kulturministerin Fleur Pellerin, die in ihrer Amtszeit den ursprünglichen Anstoß zum staatlichen Großevent gegeben hatte.

"Anstatt ein bestehendes Festival zu stärken, hacken wir ihm die Beine ab und werfen zwei neue Rivalen in den Topf"

Caroline Benjo, Produzentin, Haut et Court


Lille und die politische Spitze der Region Hauts-de-France im äußersten Norden Frankreichs verbündeten sich wiederum mit den "Série Series"-Machern. Und erhielten Ende März zur allgemeinen Überraschung den Zuschlag der Regierung. Das könnte auch damit zu tun haben, dass gerade im Wahljahr die Provinz bedacht werden muss, die ohnehin neidisch auf den zentralistischen Moloch Paris blickt. Premiere in Lille soll voraussichtlich im Juni 2018 sein. Ein Viertel des rund 4 Millionen Euro teuren Festivals soll staatlich finanziert werden. Noch unklar ist, was das für die Zukunft der "Séries Mania" bedeutet, die vom CNC bislang mit 750.000 Euro jährlich gefördert wird. Dieses Geld könnte künftig nach Lille fließen. Zugleich will sich der CNC jedoch die Expertise der Teams von "Séries Mania" und "Série Series" für das neue Festival sichern.

"Anstatt ein bestehendes Festival zu stärken, hacken wir ihm die Beine ab und werfen zwei neue Rivalen, Cannes und Lille, in den Topf", kritisierte eine der führenden französischen TV-Produzentinnen, Caroline Benjo ("Les Revenants", "The Young Pope"), gegenüber "Variety". In der Tat ist es kaum vorstellbar, wie ein Festivalkalender funktionieren soll, der im April "Cannes Series" und "Séries Mania" sowie im Juni Lille und "Série Series" enthält. Zumal mit voller Aufrüstung: Auch Cannes will – gestützt von den Partnern Canal+ und Reed Midem – rund 4 Millionen Euro investieren, ähnlich wie bereits "Séries Mania" und wohl auch Lille eine Wettbewerbsauswahl von etwa zehn Serienpremieren zeigen, eine fünfköpfige internationale Fachjury berufen, ein Koproduktionsforum für die Branche veranstalten und das Ganze mit rund 200 öffentlichen Screenings anreichern. Da passt es ins Bild, dass David Lisnard, der Bürgermeister von Cannes, vorige Woche am Rande der MIPTV das Wort "Veranstaltungsdarwinismus" in den Mund nahm.

Und bei uns in Deutschland? Ein vergleichbares Serienfestival gibt es hierzulande bisher nicht. Am nächsten dran sind wohl die "Drama Series Days" des European Film Market (EFM), des kommerziellen Arms der Berlinale, die bei ihren Koproduktionspitches im Februar mit der "Séries Mania" kooperieren. Für Mai ist in der Hauptstadt freilich Nachschub angesagt: Eine italienische Firma namens HollywoodInRome veranstaltet vom 10. bis 14. Mai das erste "TV Series Festival Berlin". Geplant sind Serienscreenings, Fachpanels sowie mehrtägige Seminare für professionelle Filmschaffende und Nachwuchstalente. Galionsfigur der neuen Veranstaltung ist der 75-jährige US-Amerikaner Robert McKee, seines Zeichens Lehrer für Drehbuchschreiben, Seminaranbieter und Autor des Standardwerks "Story". Auf dass sich der Kalender von Serienmachern und Serienfans weiter füllen möge.

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