Online-Redaktion der heute-show © Prime Productions
Wie die Nachrichtensatire im Netz funktioniert

Haha trifft Aha: Im Online-Maschinenraum der "heute-show"

 

Weil sich die Welt auch dann weiterdreht, wenn Oliver Welke Sendepause hat, bespielt die "heute-show" seit einiger Zeit mit großem Aufwand die sozialen Medien. Doch nicht alles, was im TV funktioniert, ist auch im Netz ein Lacher. Ein Besuch in der Online-Redaktion...

von Alexander Krei , Köln
07.08.2017 - 09:58 Uhr

Fans der "heute-show" müssen tapfer sein. Erst Anfang September wird sich Oliver Welke mit seiner erfolgreichen Nachrichtensatire im Fernsehen zurückmelden. Wer in diesen Wochen die Redaktionsräume von Prime Productions in Köln-Mülheim besucht, wird dennoch nicht alleine sein. Als DWDL.de der Redaktion an einem Nachmittag im Juli einen Besuch abstattet, arbeiten rund ein halbes Dutzend Mitarbeiter daran, die Entzugserscheinungen beim Publikum so gering wie möglich zu halten. Sie tun das mit allem, was ihnen zur Verfügung steht. Mit Sprüchen, Grafiken, Videos – und im Idealfall auch mit Köpfchen. Freilich nicht fürs Fernsehen, sondern für die sozialen Netzwerke, wo die "heute-show" inzwischen ebenfalls zu den populärsten Formaten zählt.

Jochen Voß
© Prime Productions
"Als die Kollegen 2010 begonnen haben, waren sie mit sehr kleinem Gerät unterwegs. Sie haben die Facebook-Seite mit viel Liebe, aber ohne Ressourcen und langfristige Strategie gepflegt", erinnert sich Jochen Voß (Foto). "Darauf haben wir zunächst mit Bedacht aufgebaut und die Schlagzahl langsam erhöht." Wo einst vereinzelt Sendehinweise zu lesen waren, sind jetzt Profis am Werk, die vermutlich noch im Schlaf über Späße für die Community sinnieren. Voß, bis vor einigen Jahren Redakteur bei DWDL.de, ist seit 2014 Crossmedia Producer bei der "heute-show" und gewissermaßen Brückenbauer des Projekts. "Meine Aufgabe ist es, dem Team eine Bühne zu bauen, die es bespielen kann", sagt er. "Es geht darum, die inhaltliche und gesamt-strategische Richtung zu entwickeln, in die wir gehen möchten und dann die dazu passende Personal- und Infrastruktur aufzubauen und zu pflegen."

Kurz gesagt: Bei der "heute-show" wird inzwischen auch online kein Gag mehr dem Zufall überlassen. Los geht’s in der Regel morgens um halb 10, wenn die Online-Redaktion gemeinsam die Stoßrichtung für den Tag festlegt. Danach überlegen das Kölner Team um Peter Nouvertné, Nicolas Miehlke, Peter Wittkamp, Felix Scharlau zusammen mit anderen Kreativen aus dem virtuellen Writers' Room, wie man die aktuellen Themen des Tages humorvoll umsetzt. Mitte des Monats stößt mit Marcus Schwarze zudem noch der bisherige Digital-Chef der "Rhein-Zeitung" als Redaktionsleiter hinzu. Sie alle stehen vor der Herausforderung, die Gags ohne großen Vorlauf umsetzen zu müssen.

"Der ganz große Teil dessen entsteht aus dem Tag für den Tag", sagt Jochen Voß. Immer geht es dabei um die Frage, mit welcher Haltung man die Sachen angeht. Wenn Donald Trump mit seinem Vorhaben scheitert, Obamacare abzuschaffen, dann sieht man den Präsidenten als wild gestikulierendes Kleinkind, und zum "Diesel-Gipfel" witzelten die Autoren jüngst: "Das ist so, als würden die Kinder selbst zum Elternabend gehen." Rund drei bis vier Posts dieser Art lädt die Redaktion täglich bei Facebook hoch, an Sendungstagen wird die Dosis hochgefahren. Hinzu kommen Veröffentlichungen bei Twitter, Instagram und YouTube. "Jeder Weg bringt eigene Zwänge mit", erklärt Redakteurin Karolina Salamon, die das Projekt zusammen mit ihrem Kollegen Christian Kleinau für das ZDF betreut und somit als eine Art Schnittstelle auf allen Ebenen fungiert.

"Manche Darstellungsformen, die im Fernsehen gut funktionieren, tun sich im Social Web schwer – und umgekehrt."
Jochen Voß, Crossmedia Producer bei der "heute-show"

Tatsächlich muss ein Gag, über den auf Twitter gelacht wird, nicht zwangsläufig auf Facebook funktionieren. So gelingen beispielsweise einige Tweets nur, wenn sie parallel zur TV-Ausstrahlung gepostet werden, weil ansonsten der Kontext fehlt. Ganz entscheidend ist die Hinführung. "Wir wollen politische Inhalte so erzählen, dass man sie versteht. Manchmal reicht schon ein einziges Schlagwort, bei anderen Themen muss ein Halbsatz vorausgeschickt werden", erklärt Voß. Um zum gleichen Ergebnis zu kommen, müssen die Social-Media-Strategen daher anders vorgehen als die Kollegen vom Fernsehen. "Manche Darstellungsformen, die im Fernsehen gut funktionieren, tun sich im Social Web schwer – und umgekehrt."

Regelmäßig wird versucht, einzelne Elemente aus der Show fürs Internet noch einmal größer zu machen, beispielsweise besonders gelungene Zitate, die im dichten Pointen-Takt während der Ausstrahlung schnell wieder in Vergessenheit geraten. Manches, wie die Rubrik "What the Fakt", in der Aussagen aus der Show einem Realitätscheck unterzogen werden, geschieht im Zusammenspiel mit der Redaktion. Den größten Teil erarbeiten sich die Onliner allerdings selbst. Das ist gerade jetzt, wo sich die "heute-show" in der Sommerpause befindet, nötig. Ein großer Teil des Bundestagswahlkampfs muss die Nachrichtensatire online bestreiten, schließlich kehrt die Sendung erst drei Wochen vor dem Urnengang auf den Bildschirm zurück.

Karolina Salamon
© ZDF
Umso wichtiger ist es, die Erwartungen der "heute-show"-Fans auch in der Phase der TV-Abstinenz zu erfüllen. Gerade versucht man das etwa mit der Komikerin Hazel Brugger, die Politiker in einer Art Do-it-Yourself-Show interviewt, demnächst soll dann auch Zuschauer-Liebling Gernot Hassknecht im Netz für Likes sorgen. "Es ist unser Anspruch, dass die 'heute-show' online den gleichen Standard erfüllt wie im Fernsehen", betont Karolina Salamon (Foto) vom ZDF. "Am Ende geht es darum, Haha und Aha zusammenzuführen." Der Gradmesser für Erfolg sei dabei zunächst die inhaltliche Qualität, ergänzt Jochen Voß. "Wenn ein guter Inhalt auch noch geil verpackt ist, dann lässt sich oftmals noch etwas mehr herausholen."

Entscheidend sei daher nicht nur die Reichweite der einzelnen Posts, sondern auch die Interaktion, die man damit auslöse – und die haben es mitunter in sich. Klar, dass bei mehr als einer Million Facebook-Fans auch ein paar dabei sind, die sich nicht an die Regeln halten. Zwar habe man ein "relativ gesittetes Publikum", sagt Voß, dennoch sei die Betreuung der Community sehr zeitintensiv. Zwei bis drei Leute sind in der Regel pro Tag damit beschäftigt, die Kommentare zu lesen. Wer das jeden Tag lesen muss, bekommt übrigens praktischerweise eine Supervision angeboten, für die man die Grimme-Akadmie als Partner gewonnen hat. Ohne dickes Fell geht es dennoch nicht, weiß Voß: "Dadurch, dass wir Satire machen, ist quasi an jedem Tag Shitstorm."

Für Karolina Salamon ist das jedoch kein Problem. "Wenn sich die Leute aufregen, dann haben wir meistens einen wunden Punkt getroffen", sagt sie. Dennoch: Rechtswidrige oder menschenverachtende Inhalte können nicht stehen gelassen werden, "ansonsten tolerieren wir alles, was unter Meinungsfreiheit fällt", ergänzt Jochen Voß. Zusammen mit seinem Team hat er im Laufe der Zeit ein recht gutes Gespür dafür entwickelt hat, mit welcher Stimme sich die "heute-show" in den Kommentaren an die Nutzer wendet. "Wir reagieren dosiert, aber sehr klar – und wenn, dann nur äußerst selten frei von Witz", erklärt der Crossmedia Producer, der in den vergangenen beiden Jahren auch lernen musste, mit Reaktionen von Politikern umzugehen. Sein Credo: "Man muss nicht auf alles antworten." Das kann im Zweifel Oliver Welke erledigen, wenn er im September wieder das Studio betreten wird.

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