Tod im Internat © ZDF/Reiner Bajo
Pubertät und Hochfinanz

Warum es das Fernsehen immer wieder ins Internat zieht

 

Wenn der Schulalltag fiktional verdichtet werden soll, zieht das Fernsehen seit jeher gern ins Internat. So wird auch im ZDF-Zweiteiler "Tod im Internat" eine verschwindend kleine Minderheit am Bildschirm zur gefühlten Mehrheit. Warum bloß?

von Jan Freitag
09.10.2017 - 13:39 Uhr

Schulen sind Schmelztiegel der vermeintlich klassenlosen Gesellschaft. Unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Vermögen und Intelligenz bereiten sie den Nachwuchs kollektiv aufs Morgen vor, in dem es schon trennend genug zugeht. So weit die Theorie. Praktisch jedoch sind Schulen Brennpunkte der Differenz. Ab Klasse 5, je nach Güte des Wohnviertels auch früher, wird gesiebt, gnadenlos. Herkunft, Hautfarbe, Vermögen, aber nur selten die Intelligenz entscheiden dann, wer im gymnasialen Töpfchen landet, wer im Hauptschulkröpfchen. Und da ist vom Inbegriff der Elitenbildung noch gar nicht die Rede: Internate.

Hier, so geht das Vorurteil, lernen Töchter und Söhne reicher Eltern uniformiert, aber erhaben für ein Leben in den Oberen Zehntausend. Und viel mehr sind es auch nicht auf den Lernschlössern der High Society. Zumindest in der Realität. Am Bildschirm dagegen sieht das Mengenverhältnis anders aus. Spätestens seit „Das fliegende Klassenzimmer“ ein Internat zum Spielort eines Kassenschlagers gemacht hat, ist die kostenpflichtige Schulform aus Film und Fernsehen kaum wegzudenken. Im Gegenteil: Würde man errechnen, wie viel Sendezeit auf private 24/7-Anstalten entfällt und wie viel auf deren staatliche Pendants – es könnte den Anschein erwecken, Internate seien Regel, nicht Ausnahme.

Heute zum Beispiel steht wieder eines im Fokus der Primetime. Es heißt genretypisch „Erlengrund“ und beherbergt die Mehrzahl der Protagonisten eines ZDF-Zweiteilers mit dem wenig subtilen Titel „Tod im Internat“. Als die Tochter des designierten LKA-Chefs aus der abgeschotteten Privatschule verschwindet, entspinnt sich ein dichtes Geflecht aus Nepotismus und Intrigen, SED-Erbe und Achtzigerjahre-Demos, in das auch Isabell Mosbach verstrickt ist, die als verdeckte Ermittlerin in den Erlengrund geschleust wird. Mit weitreichenden Folgen.

Vorweg: Es ist trotz aller Längen ein guter Film – schlüssig verfasst von Frauke Hunfeld, klug inszeniert von Torsten C. Fischer, eindrücklich fotografiert von Holly Fink, glanzvoll gespielt von Joachim Król über Nadja Uhl bis Hanno Kofler. Interessanter als die Handlung ist jedoch der Filmset. Dort nämlich tummeln sich Stereotype des Internatszöglings, wie sie hochmütiger kaum sein könnten. Bis auf eine Ausnahme namens Till bereitet das noble Anwesen nämlich nur die Kinder des Geldadels aus dem nahen Frankfurt auf ihre Karrieren in der Hochfinanz vor. Entsprechend arrogant agieren Teenager wie Felix (Valentino Fortuzzi) und Maara (Anna Bullard-Werner) – und sind damit das Gegenteil von Mila oder Orkan.

Verkörpert durch Ada Lüer und Flavius Budean bilden sie die Rückseite der Medaille namens TV-Internat. Während der Erlengrund das klassenbewusste Extrem bewusster Differenz zum Pöbel jenseits vom Burgtor bildet, geht es beim KiKa sozialer, ach: fast kommunistisch zu. Annähernd 20 Jahre beschult die weltweit langlebigste Kinderseifenoper im „Schloss Einstein“ bereits wechselnde Bewohner, deren Darsteller einst Josefine Preuß oder Constantin von Jascharoff hießen. Und im Gegensatz zum ZDF löst das Fantasie-Internat vom Kinderkanal seit fast 900 Folgen alle Schichten im arglosen Potpourri aus Pubertät, Unterricht und Resten von Realität auf. Das macht „Schloss Einstein“ wie „Mensch, Pia!“ oder „Mia and Me“, wie „Hanni und Nanni“ oder die unverwüstliche Hörspielreihe „TKKG“ zum Melting Pot der fiktionalen Schulpädagogik und wirft dabei umso mehr die Frage auf: Was macht diesen Ort eigentlich so fernsehkompatibel?

Eine Antwort gibt der Direktor des deutschen Elite-Internats schlechthin: „Wir haben es mit der Generation Harry Potter zu tun“, erklärte Bernd Westermeyer kürzlich in der Süddeutschen Zeitung. So wie die „Geschichten über Freundschaft, Abenteuer und Zusammenhalt im Internat“ in der Realität viele Kinder ins Schloss Salem führten, entfalten sie fürs wichtige Genre der Coming-of-age-Story auch dramaturgisch enorme Sogkraft. Das Erwachsenwerden auf engstem Raum, Tür an Tür mit der Obrigkeit, eingehegt in ein fotogenes Ambiente – das ist nicht nur aus Kostengründen außergewöhnlich kompakt, sondern schafft auch atmosphärisch eine Art Kammerspiel im Großformat.

Dass die Kaderschmieden des Establishments locker für 95 Prozent aller Kinder trotz einer Handvoll Stipendien fest versperrt bleiben, sofern sich Papa und Mama Normalverdiener nicht einige Tausend Euro Schulgeld pro Monat aus den Rippen schneiden, bleibt zumindest in der glückseligen Wertegemeinschaft des KiKa-Internats unerwähnt. Für die kapitalistische Wesensgemeinschaft vieler Krimi-Schlösser hingegen ist gerade der Abstand zur Mehrheitsbevölkerung entscheidend. All die aufwendig sanierten Landsitze mit ihren Lüstern und Türmchen, Codexen und Eitelkeiten, den Reit- und Geigenlehrern stehen für exakt den Graben, der sich zusehends durchs Land zieht.

Die Zicken sind hier keine Zicken weil sie eben Zicken sind, sondern reich an Besitz, Macht, Geld und das oft mit genüsslichem Zynismus. Als der selbstgefällige Felix nach allerlei Gehässigkeiten gegen den einzigen Schüler aus armem Elternhaus im Erlengrund ermordet wird, hält sich das Mitleid des Publikums daher vermutlich in Grenzen. Das ist gewollt. Internate machen es ihm einfach.

Das ZDF zeigt "Tod im Internat" am Montag um 20:15 Uhr, der zweite Teil folgt am Mittwochabend.

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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