Bad Banks @ Berlinale 2018 © Federation Entertainment
Serien auf der Berlinale

Starke Frauen als Leitmotiv und die Kraft des Free-TV

 

Auf den Drama Series Days der Berlinale begeistern komplexe, selbstbestimmte Frauenfiguren in "Bad Banks" oder "Picnic at Hanging Rock". Die Serienmacher identifizieren neue Chancen der internationalen Verbreitung – und die Power des guten, alten Free-TV.

von Torsten Zarges , Berlin
22.02.2018 - 10:30 Uhr

Frank Spotnitz, Autor von "Akte X" und Showrunner von "The Man in the High Castle" oder "Medici: Masters of Florence", hat mutmaßlich noch nie etwas von Alexander Thies gehört und ist wohl auch nicht mit der aktuellen Diskussion vertraut, die der Vorsitzende der Produzentenallianz am Rand der Berlinale losgetreten hatte. Und doch lieferte der Amerikaner den perfekten Kontrapunkt.

Seine Keynote bei den Drama Series Days der Berlinale nutzte Spotnitz für ein flammendes Plädoyer fürs Free-TV. "Bei aller Begeisterung für Netflix, Amazon, Apple und andere Plattformen, die viel neues Geld in die Fiction bringen: Lasst uns nicht das Free-TV vergessen! Es erreicht viele Millionen Menschen, die kein Streaming-Abo haben, und ist immer noch ein kultureller Einflussfaktor wie kein anderer", so Spotnitz. Im Moment sei es wichtiger denn je, dieses Publikum mit "unseren besten Einfällen" zu bedienen, mit "Geschichten, die auf populäre Weise menschliche Werte transportieren".

Spotnitz und die israelische Autorin Keren Margalit, die mit "Sleeping Bears" im diesjährigen Serienprogramm der Berlinale vertreten war, führten auf der Bühne des Berliner Zoo-Palasts ein emotionales Gespräch. Margalit rief dazu auf, Stoffe für Serien aus einer persönlichen Perspektive heraus zu erzählen. Dann sei es auch leichter, ein Publikum dafür zu begeistern. Je spezifischer ein Stoff erzählt werde, desto interessanter sei er auch für andere Märkte außerhalb des Produktionslandes, stimmte Spotnitz zu. An alle europäischen Serienmacher appellierte er, sich stärker gegenseitig zu unterstützen: "Wir sitzen alle im selben Boot. Wenn einer von uns scheitert, schadet es allen. Da hilft der traditionelle europäische 'Auteur'-Gedanke nicht mehr weiter. Serie heißt Team, nicht Ego", so Spotnitz, der seit Jahren in Europa lebt und arbeitet.

Dass der Serienboom völlig neue, vor wenigen Jahren noch undenkbare Konstellationen möglich macht, lässt sich an manchen Projekten ablesen, die auf den Drama Series Days diskutiert wurden. Der US-Pay-TV-Sender HBO wird im Herbst mit der Elena-Ferrante-Verfilmung "My Brilliant Friend" seine erste rein italienischsprachige Serie ausstrahlen, nachdem "The Young Pope" noch überwiegend englischsprachig war. "Die jüngere Zielgruppe ist aufgewachsen damit, gleichzeitig TV zu schauen und Text auf dem Smartphone zu lesen", so Sarah Doole, Director Global Drama bei FremantleMedia, der Produktionsgruppe hinter beiden Serien. "Dementsprechend ist die Zeit vorbei, als Sender sagten: Wir können keine fremdsprachigen Serien zeigen, weil die Zuschauer dann Untertitel auf dem Bildschirm lesen müssten." Doole zufolge ist die Zufriedenheit bei untertitelten Originalversionen sogar oft höher: "Du bügelst nicht, du isst nicht. Du konzentrierst dich voll auf die Serie, was das Erlebnis umso intensiver macht."

Aus deutscher Sicht ist es durchaus ein spannendes Experiment, wenn Netflix dem US-Publikum derzeit Serien wie "Babylon Berlin" oder "Dark" sowohl untertitelt als auch englisch synchronisiert anbietet. "Wir kennen noch keine Ergebnisse", so Beta-Film-Geschäftsführer Moritz von Kruedener. "Allerdings hören wir Gerüchte, dass die Leute noch die Untertitel bevorzugen." Ein weiterer Trend, den Fremantle-Managerin Doole ausgemacht hat, betrifft die Hauptfiguren neuer Serien. "Wenn man die Welt durch die Augen eines oder mehrerer junger Menschen sehen kann wie bei 'Deutschland 83' oder 'Picnic at Hanging Rock', hilft das aktuell enorm bei der internationalen Verbreitung", so Doole. "Die längste Zeit meiner Karriere standen immer mittelalte weiße Typen im Vordergrund – das ist zum Glück jetzt abwechslungsreicher geworden."

Picnic at Hanging Rock
© FremantleMedia

"Picnic at Hanging Rock" mit Samara Weaving, Madeleine Madden, Natalie Dormer, Lily Sullivan (v.l.)

In der Tat zählt "Picnic at Hanging Rock" zu jenen Serien, die in Berlin besondere Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die von FremantleMedia Australia produzierte Miniserie, die Anfang Mai auf Foxtel startet und ihre Deutschland-Premiere im Laufe des Jahres auf der Telekom-Plattform EntertainTV feiert, ist eine ungewöhnliche Mischung aus Mystery, Coming-of-Age- und Period Drama. Erzählt wird vom mysteriösen Verschwinden dreier Internatsschülerinnnen und ihrer Lehrerin bei einem Ausflug am Valentinstag des Jahres 1900. "Wir zeigen Frauen, die das Heft in die Hand nehmen und ihr Schicksal selbst bestimmen", so Jo Porter, Fiction-Chefin der australischen Fremantle-Tochter. "Sie rebellieren gegen die überkommenen Rollen, die die Gesellschaft ihnen aufgezwungen hat."

Die Aussage trifft nicht nur auf "Picnic at Hanging Rock" zu, sondern steht wie ein Leitmotiv über erfreulich vielen Werken, die bei den Drama Series Days vorgeführt oder angekündigt wurden. In Keren Margalits "Sleeping Bears" etwa, vertrieben von Keshet International, muss die Protagonistin Hadas über sich hinauswachsen, als ihr Psychotherapeut stirbt und ein Unbekannter sie mit den Aufzeichnungen ihrer Sitzungen erpresst. "Ich mache keinen großen Wind darum, eine starke, komplexe Frauenfigur zu erzählen", so Autorin und Regisseurin Margalit. "Ich möchte sie als ganz normal und legitim zeigen, wie es sein sollte."

Ähnliches lässt sich auch über Investmentbankerin Jana sagen, die von Paula Beer gespielte Hauptfigur in "Bad Banks". "Von einem Objekt der Manipulation entwickelt sie sich zu einer machtvollen Spielerin, die die Regeln neu definiert", so Lisa Blumenberg, Produzentin des Sechsteilers bei der Studio-Hamburg-Tochter Letterbox Filmproduktion. Mit seiner Weltpremiere auf der Berlinale am Mittwochabend dominierte "Bad Banks" nicht nur das dortige deutsche Seriengeschehen. Der Finanzwelt-Thriller von Headautor Oliver Kienle und Regisseur Christian Schwochow – eine deutsch-luxemburgische Koproduktion mit französischem Weltvertrieb, am 1./2. März bei Arte, vom 3. bis 5. März im ZDF zu sehen und jetzt schon in der Mediathek – ist in puncto Figurenzeichnung, Psychologie und Suspense so überragend gut geworden, dass er mächtig Mut macht fürs High-End-Genre im Free-TV.

Kein Wunder also, dass Cast und Crew nach den ersten zwei Folgen im Zoo-Palast frenetisch bejubelt wurden. Vertrieb Federation Entertainment konnte pünktlich zur Premiere Verkäufe an HBO Europe für Skandinavien und Osteuropa, an Walter Presents in Großbritannien, RTÉ in Irland, SundanceTV Iberia in Spanien und Portugal, RTP in Portugal, SBS in Australien und Rialto in Neuseeland vermelden.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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