Hackerville © Turner
Einsteigen lohnt sich

"Hackerville" bei TNT Serie: So machen Koproduktionen Sinn

 

Bei TNT Serie geht die Serie "Hackerville" heute mit Folge 2 weiter - und es lohnt sich, schnell noch Folge 1 nachzuholen und einzusteigen. Den Machern gelingt es, eine spannende Cybercrime-Geschichte mit einem fast vergessenen Kapitel deutsch-rumänischer Vergangenheit zu verbinden

von Uwe Mantel , München
15.11.2018 - 11:30 Uhr

Internationale Koproduktionen eilt nicht der allerbeste Ruf voraus. Zu oft hat man es in den vergangenen Jahren schon erlebt, dass es eben doch den Brei verdirbt, wenn mehr als ein Koch versucht, seine Vorstellungen durchzusetzen. Bei "Hackerville" hingegen, einer deutsch-rumänischen Zusammenarbeit, fügt sich alles fast schon organisch zu einem stimmigen Ganzen, ohne dass man aufwendig eine Hintergrundgeschichte hätte konstruieren müssen, um beide Koproduktionspartner einzubinden.

Die Serie beginnt mit dem Hackerangriff auf eine deutsche Großbank, bei dem offenbar mühelos alle Sicherungssysteme umgangen werden - letztlich aber zur Überraschung aller kein Geld gestohlen wird. Das umgehend eingeschaltete BKA entdeckt eine Spur, die in die rumänische Stadt Timișoara führt. Lisa Metz, die Spezialistin für Internetkriminalität beim BKA arbeitet, wird nach Rumänien geschickt, um dort zu ermitteln. Dass die Wahl auf sie fiel, liegt nicht zuletzt an ihrem Hintergrund: Sie hat selbst rumänische Wurzeln und ist dementsprechend auch der rumänischen Sprache mächtig - was aber nicht heißt, dass sie auf weniger Widerstände bei ihren rumänischen Kollegen stößt. Sie wird aber nicht nur mit dem Chaos des modernen Rumänien konfrontiert, sondern auch ihrer eigenen Familiengeschichte, der ominösen Rolle ihres Vaters - und einem unerwarteten Verdächtigen: Dem nur 16 Jahre alten Cipi, der sich als wahres Wunderkind erweist, auf den es längst auch die organisierte Kriminalität abgesehen hat.

Während "Hackerville" also zum Einen eine spannende Cybercrime-Geschichte ist - die eigentliche Bedrohung unserer Zeit - erhält sie durch das Umfeld, in dem sie spielt, noch das gewisse Etwas obendrauf. Jörg Winger, der "Hackerville" gemeinsam mit Ralph Martin ursprünglich für UFA Fiction kreiert hat, erklärt im Gespräch mit DWDL.de: "Ein Teil der Geschichte handelt von einer der größten Migrationsbewegungen, die es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westdeutschland gab und die man fast vergessen hat. Hunderttausende Rumäniendeusche wurden damals vom Ceaușescu-Regime nach Deutschland verkauft. Gerade weil heute Migration so ein wichtiges Thema ist, ist es wichtig, daran zu erinnern."

Dabei war die Serie ursprünglich mal anders geplant. Winger erinnert sich: "Im ersten Pitch war die Hauptfigur noch ein FBI-Agent, der nach Hackerville geschickt wurde. Dass es schließlich eine ausschließlich deutsch-rumänische Geschichte wurde, war ein Wunsch von HBO Europe, die kurz zuvor eine sehr erfolgreiche Doku über den Verkauf der Rumänien-Deutschen in den 80ern gemacht hatten." Da kam es gerade recht, dass auch ein deutscher Partner schnell gefunden war. Hannes Heyelmann, der das Turner-Geschäft unter anderem im deutschsprachigen Raum leitet: "Ich habe mich mit Anthony Root, der bei HBO Europe die Eigenproduktionen verantwortet, unterhalten, ob man nicht mal etwas zusammen machen sollte. HBO gehört ja wie Turner zu Warner Media, wir hatten aber beide noch nie Koproduktionen realisiert. Als er 'Hackerville' vorgeschlagen hat, haben wir die Idee sofort gemocht, weil die länderübergreifende Geschichte nicht künstlich arrangiert wirkt, sondern sich durch den historischen Hintergrund ganz natürlich ergibt."

Tatsächlich liegt geschichtliche Dimension der Erzählung nahe, wie Anca Miruna Lazarescu, eine der Regisseurinnen, erklärt: "Sobald du in Rumänien eintriffst, triffst du automatisch auf die Geschichte. Man spürt sofort die Hinterlassenschaften der österreich-ungarischen Vergangenheit ebenso wie der Ceaușescu-Ärä. Es ist eigentlich gar keine Frage, ob man diese Welt betreten will oder nicht - man kommt gar nicht drum herum."

Das Besondere an der Produktion von "Hackerville" ist, dass viele Beteiligte persönliche Erfahrungen mit einbringen konnten, auch Anca Miruna Lazarescu. "Ich wurde in Timișoara geboren und war sozusagen 'Quoten-Rumänin' in einer deutschen Klasse. Minderheiten wurden in Rumänien toleriert, aber Schulklassen sollten nicht zu 100 Prozent aus einer Minderheit bestehen. Ich bin also als Rumänin mit den Banater Schwaben aufgewachsen. Nach jeden Ferien wurde die Klasse kleiner, weil Leute verschwunden sind, ob nun geflohen, verkauft oder aus welchen Gründen auch immer."

"Es war uns wichtig, Personen mit rumänien-deutschem Hintergrund ins Projekt mit einzubinden", sagt Jörg Winger. Und das gelang mustergültig beim Cast:  Anna Schumacher, die die Hauptrolle der Lisa Metz übernahm, ist auch tatsächlich Rumänien-Deutsche. Und ihr Vater in der Serie wird von ihrem echten Vater Ovidiu Schumacher verkörpert. Anna Schumacher erzählt im Gespräch mit DWDL.de: "Ich konnte kaum glauben, dass jemand gesucht wurde, der fließend deutsch und rumänisch mit deutschem Akzent spricht. Das erste Mal meine Muttersprache in meinem Beruf zu sprechen war etwas ganz Besonderes für mich. Seit ich Schauspielerin bin, habe ich mir gewünscht, irgendwann mal in Rumänien zu arbeiten. In dem Ausmaß, wie das jetzt geklappt hat – und dann noch zusammen mit meinem Vater – hätte ich mir das nie träumen lassen." Sogar manche Schauspieler, die gar keine deutsch-rumänischen Rollen spielen, haben genau diesen Hintergrund, wie etwa Sabin Tambrea.

So wurde "Hackerville" für viele ein Herzens-Projekt. Anna Schumacher: "Für mich war das nicht nur ein berufliches Abenteuer, sondern auch privat der Anlass, mich viel mehr mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen. Jetzt weiß ich, dass ich eine verrückte Mischung aus zwei gleichwertigen Teilen bin. Und dass ich es mit Stolz trage und positiv sehe, dass ich aus zwei Kulturen, in denen ich aufgewachsen bin, schöpfen kann." Sabin Tambrea stimmt ihr zu: "Ich erkenne auch beide Seiten in mir wieder - spätestens jetzt weiß ich, woher vieles kommt." Und er fügt hinzu: "Ich finde es großartig, dass man nicht gerade erwartet, dass aus dieser Richtung ein so gutes Produkt kommt. Ich bin stolz darauf, dass aus meiner Heimat etwas kommt, das alle überraschen wird."

Auch wenn man Rumänien als Serien-Standort bislang nicht auf dem Schirm gehabt haben sollte: Das Land bietet mit seiner Vergangenheit einen besonderen Reiz. Anca Miruna Lazarescu fasst das so zusammen: "Osteuropa ist der neue Wilde Westen. Die Konflikte liegen hier sprichwörtlich auf der Straße. Die Leute sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, die sich selbst für zweitklassig gehalten hat. Mein Vater hat immer gesagt, wir seien auf der falschen Seite der Welt geboren. Und wenn jemand nur 300 Euro im Monat verdient, aber solche Fähigkeiten hat, dann ist das natürlich nochmal ein anderer Antrieb, ein existentiellerer Konflikt verglichen mit einem Student im Westen, der alle Unterstützung von seinen Eltern bekommt."

Und auch Hannes Heyelmann zeigt sich überzeugt, dass man künftig häufiger Serien auch aus ungewöhnlichen Ländern sehen wird. "Es fügt eine neue Note hinzu, die eine amerikanische Produktion nicht bieten kann. 'Hackerville' ist auch ein unterhaltsames, spannendes Drama – aber man sieht darüber hinaus eine Stadt, die man vielleicht noch nie gesehen hat, hört eine andere Sprache, sieht andere Schauspieler. Die Leute wollen nicht immer nur mehr vom Gleichen sehen."

TNT Serie zeigt "Hackerville" immer donnerstags im rumänisch-deutschen Originalton mit Untertiteln um 21:50 Uhr. Die erste Folge ist noch bei Abrufdiensten wie Sky Go verfügbar.

Über den Autor

Uwe Mantel ist stellvertretender Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Schaut seit den 80ern Fernsehen und schreibt seit 2004 auch darüber. Kann sich sowohl in gute Serien als auch trockene Zahlen vertiefen. Und seine fränkische Herkunft nicht verleugnen.

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