Rotlichtreport Deutschland © kabel eins
Doku-Reihe über das älteste Gewerbe der Welt

"Rotlichtreport": Jetzt geht kabel eins auf den Strich

 

Spiegel TV hat für kabel eins eine Doku-Reihe über die Sex-Industrie gemacht. Das hätte schlüpfig werden können, doch das Gegenteil ist der Fall. Liegt's daran, dass die Filme von vier Frauen stammen? Wir haben mit einer der Autorinnen gesprochen.

von Alexander Krei
24.11.2018 - 18:12 Uhr

Wer eine Dokumentation über das älteste Gewerbe der Welt macht, läuft schnell Gefahr, in die Nähe der Sensationsgeilheit abzurutschen. Entsprechend skeptisch konnte man sein, als kabel eins kürzlich den "Rotlichtreport Deutschland" ankündigte. Die hat glücklicherweise nichts mit dem gescripteten "Blaulichtreport" zu tun, der lange bei RTL im Nachmittagsprogramm lief. An diesem und den drei darauffolgenden Sonntagen befasst sich die Doku-Reihe stattdessen mit den Rotlichtvierteln deutscher Großstädte und will, so das Versprechen, nicht nur Prostituierte und Bordellbetreiber zu Wort kommen lassen, sondern auch Reinigungskräfte, Lieferdienste und Hausmeister.

Produziert werden die Filme von Spiegel TV. Hinter jeder einzelnen Folge steht eine Autorin: Melanie Britz widmet sich der käuflichen Liebe in Stuttgart, Monika Niedzielski blickt nach Hamburg und Karina Voges schaut in der Kölner Szene nach dem Rechten. Den Anfang macht der Film von Inga Turczyn, die in Berlin nach dem Geschäft mit der Liebe Ausschau hielt. Keine leichte Aufgabe, wie sie einräumt. "Es war sehr schwer, als Auftragnehmerin einer TV-Sendung ein solides Vertrauensverhältnis aufzubauen und die Menschen für das Projekt zu gewinnen", sagt Turczyn gegenüber DWDL.de.

Inga Turczyn
© kabel eins
"Gerade in den letzten Jahren hatten viele von ihnen schlechte Erfahrungen mit den großen TV-Anstalten gemacht, fühlten sich weder gefragt noch repräsentiert, wenn es um das Thema Prostitution ging", erklärt die Autorin, die die Protagonisten nach eigenem Bekunden nicht als als "Darsteller" für einen Dreh nutzen wollte, deren Thema und Meinung von vornherein feststehen. Dabei ist Turczyn (Foto) bewusst, dass sich das Thema selbst in 90 Minuten allenfalls anreißen lässt. "Es ist groß, breit, divers, bezieht alle Gesellschaftsschichten mit ein und verursacht aus unterschiedlichsten Gründen Bauchschmerzen - und darüber sollte gesprochen werden."

Dass sie als Frau eine andere Herangehensweise an das Thema hat, glaubt Inga Turczyn indes nicht. "Bei diesem Dreh zählte einzig Empathie und das 'filmische Denken' - ohne dabei die Würde der Protagonistinnen und Protagonisten aus dem Blick zu verlieren. Ich glaube, diesen Job hätte jeder Mann ebenso gut oder schlecht machen können wie ich." Dankbar sei sie letztlich vor allem für "die vielen mutigen Männer und Frauen, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin und die mir dadurch geholfen haben, mir überhaupt erst eine Meinung zum Thema bilden zu können".

Was also bleibt nach dem Dreh in der Hauptstadt hängen? "Die Ausmaße der niedrig-preisigen Straßen-Prostitution unter Zwang haben mich ebenso erschüttert wie die diskreditierende Haltung vieler Medien, Organisationen und Verbände gegenüber selbstbestimmten SexworkerInnen", sagt Turczyn zu DWDL.de. "Gleiches trifft auf das Klientel zu: Auch wenn das mehrheitlich männlich ist, entspricht es in der Masse ebenso wenig den Klischees, wie die Frauen und Männer, die mit Sex Geld verdienen. Der Diskurs ist gefärbt von der Emotionalität, die das wirklich widerwärtige Thema Zwang und Menschenhandel mit sich trägt."

Doch es passiere schnell, dass im Zuge dieser Aufgeladenheit, wie die Autorin sagt, die Selbstbestimmung der Frauen und Männer in der Sexarbeit generell in Frage gestellt werde. "Gerade in Zeiten von politischer Polemik und dem angsteinflößenden Erstarken reaktionärer Strömungen sollte stets das Individuum im Fokus bleiben – und nicht die Pauschalisierung." Mit ihrem Film kann Inga Turczyn nun zur besten Sendezeit ein Stück dagegen ankämpfen.

kabel eins zeigt "Rotlichtreport Deutschland" sonntags um 20:15 Uhr.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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