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Tag 2

TV Series Festival: "Deutschland ist zu intellektualisiert"

 

Am zweiten Konferenztag des Berliner TV Series Festivals wurde über internationale Koproduktionen diskutiert, die Bedeutung des inflationär gebrauchten Begriffs "Original" - und über die Qualität deutscher Autorenleistungen

von Kevin Hennings , Berlin
15.06.2019 - 10:20 Uhr

Mit der gleichen Wohnzimmergemütlichkeit, mit der das Berlin TV Series Festival begonnen hat, ging es auch zu Ende. Sogar noch ein gutes Stück entschleunigter, was vor allem daran lag, dass am Vorabend des letzten Konferenztages standesgemäß die Siegerehrung des Festival-Wettbewerbs zelebriert wurde. Unter den sechs internationalen Einreichungen wurde die israelische Thriller-Serie "Magpie" von der siebenköpfigen Jury zur best-geschriebenen ernannt - was sich ideal in das Drehbuch des Festivals selbst einfügt, da noch einmal viel über israelische Produktionen gesprochen wurde. 

Ko-Produktionen: Hölle oder Garten Eden?

So wurde etwa über das israelisch-palästenensisch konfliktgefüllte "Fauda" diskutiert, das hierzulande bei Netflix gestreamt werden kann. Welch eine hervorragende Serie dieses "israelische Homeland" es doch sei, die dem Land in der internationalen Serienlandschaft zu Bekanntheit verhilft. Allerdings kam auch die Frage auf, wie eine schon etablierte Serie auf einen solchen internationalen Erfolg reagiert. Bei der spanischen Hitserie "Haus des Geldes", die ebenfalls bei Netflix zu sehen ist, verhält es sich wie bei "Fauda": Wird sich etwas an der Qualität ändern, wenn dem Team bewusst ist, dass die Produktion weltweit gesehen wird? 

Magpie

Magpie

"Davor gab es diesen Gedanken gar nicht. Wir produzierten für unser Land und hatten es gar nicht im Hinterkopf, ausländische Fans gewinnen zu können“, sagt Produzentin Danna Stern von den yes Studios. Ob die Erfolgsformel nun potenziell verloren geht? "Das weiß niemand von uns. Wir machen genauso weiter, wie es sich für uns richtig anfühlt." Stern spricht außerdem von "Regularieren aus der Hölle", wenn eine israelische und internationale Ko-Produktion umgesetzt werden soll. Die Regierung setzt beispielsweise voraus, dass die Serie trotz des internationalen Anspruchs lediglich in hebräisch gedreht werden darf. Das mache es schwer, Partner zu finden.

Trotzdem sind Ko-Produktionen derzeit angesagt wie nie. Und so ergeben sich auch Partnerschaften für Projekte , die man so bislang kaum für möglich gehalten hatte. Ein Beispiel ist "Survivors", eine Mystery-Serie, die RAI u.a. gemeinsam mit ZDFneo umsetzt. "Hätten wir vor zehn Jahren einen ausländischen Sender gefragt, ob er Lust hat, eine neapolitanische Serie im O-Ton zu drehen - wir hätten den Vogel gezeigt bekommen", schmunzelt RAI-Produzent Michele Zatta. Heute schwärmt er von den Möglichkeiten der Neuzeit: "Es ist simple Mathematik: Mehr Partner, mehr Budget, mehr Möglichkeiten."

Dass immer mehr Partner zusammenarbeiten, teils aber vor allem als Geldgeber dabei sind,  wirft auch die Frage nach der Bedeutung des Wortes "Original" auf, das Netflix mal als Kennzeichnung für Eigenproduktionen eingeführt hat und das sich nun weltweit durchgesetzt hat. Doch Netflix nutzt diese Bezeichnung längst nicht nur für eigene Serien, sondern für auch für Produktionen, die lediglich in einem anderen Land exklusiv bei dem Streamingdienst laufen. Beispiel "Undercover": "In Belgien, Holland und Deutschland darf die Serie nicht als Netflix Original betitelt werden", erzählt Moritz von der Groeben von den Good Friends. Im Rest der Welt wird sie dank der Rechtelage aber eben als genau solche vermarktet. Das wirft die Frage auf, ob die Bedeutung der Bezeichnung "Original" längst ausgehöhlt ist.

"Ich habe noch nie ein gutes, deutsches Script bekommen."

Auf Oliver Berben folgt Edward Berger als prominenter Schlusspunkt des zweiten und letzten Konferenztages. Nachdem bereits Berben im Gespräch erzählte, dass die Nachwuchs-Autoren seiner Meinung nach nicht ideal ausgebildet werden, setzt Berger noch einen drauf: "Ich habe noch nie ein gutes, deutsches Script bekommen", sagt er auf die Frage, wie das letzte außerordentliche Script aussah, dass er von einem deutschen Autoren zu sehen bekam. Um die Aussage direkt etwas zu entschärfen: Er meine nicht, dass es keine guten, deutschen Scripts gebe, aber erreicht hätte ihn bislang eben keines. Besonders ärgere er sich über die Angebote, die einen 90-Minüter für die ARD oder ZDF betreffen. "Das sind für mich die wirklich schlimmen Filme."

Edward Berger

"Die besseren Storyteller sitzen in Amerika", behauptet "Deutschland 83"-Regisseur Berger. "Deutschland ist zu intellektualisiert. Das zeigen Leute wie Günter Grass: Ein überragender Schriftsteller, aber auch sehr verwinkelt in seinen Aussagen." Wenn es ein Script in seine Hände schafft, dass ihm schlussendlich gefällt, möchte er experimentieren. "Nicht in jeder Szene, aber in vielen." Kopieren sei nicht sein Stil, wenn dann holt er sich Inspirationen aus vielen verschiedenen Plätzen. Ein passendes Beispiel für seinen gänzlich eigenen Stil zeigt seine Emmy-nominierte Serie "Patrick Melrose" mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle, die auch nicht die letzte Zusammenarbeit der Beiden darstellen soll: "Wir haben zwei weitere Projekte im Blick, einmal einen Film und einmal eine Serie. Da ist aber noch nichts in trockenen Tüchern."

- Hier finden Sie die Themen des ersten Konferenztages -

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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