Die Amerikaner prägen uns bis heute

Nachdem die deutsche Synchronisation hierzulande immer präsenter wurde, gab es zum Beginn der NS-Zeit einen ordentlichen Dämpfer für die Vertonungsindustrie. Spätestens mit dem Kriegseintritt der USA reduzierte sich die Akquirierung ausländischer Filme auf ein Minimum. Lediglich wenige spanische und italienische Produktionen wurden vorgeführt, um dem Volk kein Gefühl der völligen Abschottung zu geben. Bereits vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden die Filme in der Synchronisation auf "deutsche Linie" gebracht, die Dialoge also so angepasst, dass die Nationalsozialisten im richtigen Licht stehen. Die Synchronisationsbranche war in diesem Zeitraum beinahe ausschließlich für Propaganda zuständig und übersetzte in diesem Zuge nun vor allem deutsche Filme in andere Sprachen.

Tobias Kunze© Synchronverband - Die Gilde
Mit dem Kriegsende 1945 verhängten die Alliierten deswegen erst einmal ein weitreichendes Arbeitsverbot für die gesamte deutsche Filmindustrie, welches nicht lange anhielt. Nachdem es der amerikanische Sektor vorgemacht hatte, wurde 1946 auch all den restlichen Synchronstudios des Landes die Lizenz erteilt, ihre Arbeit wieder aufnehmen zu können. "Ohne die Amerikaner würde unsere Industrie heute komplett anders aussehen", erzählt Tobias Kunze, Geschäftsführer der Synchronisationsfirma RC Productions im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de. "Die Dominanz amerikanischer Produktionen wäre sicher nicht so stark, wie im Moment."

Der Grund dafür ist simpel: Es gab dank des Unterhaltungsgrades der Lichtspielhäuser kaum einen besseren Weg, das deutsche Volk "umzuerziehen" und die demokratischen Normen mit den richtigen Filmen einzuprägen. Über die Synchronisation, so erkannten es die Alliierten, gab es die Möglichkeit eine Verbindung zu den Bürgern zu finden. Nach all den Kriegsjahren waren die deutschen Einwohner gegenüber Fremden äußerst reserviert und haben das Re-Education-Programm natürlich nicht mit offenen Armen empfangen. Dank der deutschen Synchronisation konnte ein Kulturtransfer auf Augenhöhe stattfinden. "Außerdem haben die Amerikaner so dem Sowjetkommunismus entgegengewirkt", ergänzt Kunze.

Die nächsten Jahrzehnte: Ausufernde Zensur und schwäbische Koreaner

Die 50er Jahre stellen infolgedessen eine Hochkonjunktur für die Branche dar. Erstmals gab es in Deutschland mehr Produktionen aus den USA, als aus heimischen Studios zu sehen, die alle vertont werden wollten. Hinzu kamen die technischen Verfeinerungen, die dafür sorgten, dass der übersetzte Text immer besser auf die Lippen der englisch-sprechenden Darsteller passt. Der Beruf des Synchronsprechers wurde vermehrt zum begehrten Nebenerwerb für Schauspieler: "Das war lange Jahre so, denn auch heute kennt man zwar die Stimmen, aber nur selten die Persönlichkeiten hinter der Stimme. Um bekanntzuwerden, musste der Schritt ins Fernsehen gemacht werden. Erst in den 80er-Jahren, als das Privatfernsehen kam und die Werbung die Stimmen für ihre Zwecke entdeckte, wurde der Beruf 'Synchronsprecher' populärer."

Ohne Manko blieb aber auch diese Zeit nicht: Den Deutschen sollte nicht jeder Originaldialog zugemutet werden, weshalb inhaltlich rigoros geschnitten und umgeschrieben wurde. So wurden beispielsweise Andeutungen auf den Faschismus und die Zeit des Nationalsozialismus nicht geduldet und einfach entfernt. Als Beispiel kann hier Michael Curtiz Klassiker "Casablanca" angeführt werden, wo die Erwähnung von Nationalsozialisten durch eine simple Agentengeschichte ersetzt wurde, in der sich internationale Spione auf die Jagd nach der Formel eines skandinavischen Wissenschaftlers machten. Wer die Originalversion kennt, weiß, dass der Film seiner inhaltlichen Aussage so komplett beraubt wurde. Erst 1975 hat die ARD die korrekte Version ausgestrahlt.

Casablanca

Casablanca

Ebenfalls in den 70ern kam es zu einer synchronisatorischen Sinnkrise. Nachdem die Produktionen in der Vergangenheit eigentlich nur wegen ihren ideologischen Inhaltsveränderungen kritisiert werden konnten – die technische Qualität der Synchronisationen war mittlerweile auf einem herausragenden Niveau – wurden Filme auf andere Weise aufs Gröbste verändert. Um die Gunst der Zuschauer zu gewinnen, wurden flache Kalauer und eindimensionale Slapstick-Witze in die Geschichten geschrieben, ebenso wie völlig aus der Luft gegriffene deutsche Mundarten in schier unpassenden Umgebungen. So sächselte der Inder plötzlich, während der Koreaner süddeutsch schwätzte. Nach der Methode "Hauptsache, es passt zum Bild" wurde der Ton in der Synchronisation sogar gänzlich abgedreht und alles auf den Mund des Darstellers geschrieben, was teilweise äußerst komisch klang.

Mit der DVD gegen kulturelle Entfremdung

Die klingelnden Kinokassen, die mit dieser Herangehensweise gefüllt wurden, verstummten jedoch schnell. Dafür war der eingesetzte Humor deutlich zu plump, dass er sich bei der Masse auf lange Sicht durchsetzen konnte. Dadurch musste ab den 80er-Jahren erneut ein gewisser Respekt für die Synchronisation aufgebaut werden, der bis heute dafür sorgt, dass Originale nicht mehr ins Unkenntlichste verzerrt werden. Bis in die frühen 90er-Jahre wurden also alle Fehler erkannt und ausgemerzt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten angesammelt haben und ein Standard entwickelt, der sich im weltweiten Vergleich alles andere als verstecken muss.

Als die DVD 1995 auf den Markt kam, hatte der Zuschauer obendrein die Möglichkeit, zwischen mehreren Sprachen hin- und herzuwechseln, wodurch die kulturelle Entfremdung auf das wohl kleinstmögliche minimiert wurde. Dass zu Hause nun jedermann ohne Probleme in die Originalversion hören konnte, schaffte außerdem einen direkten Vergleich, der ebenfalls dafür sorgte, dass Synchronstudios fortan einen höheren Qualitätsanspruch an den Tag legen müssen. 

Nun hat die Synchronbranche gleich zwei Aufgaben zu bewältigen: So soll nicht nur die Nähe zur Originalversion beibehalten werden, sondern auch der Tonfall und die Eigenheit der eigenen Sprache Entfaltung finden. Dass der Beobachter kein Bild präsentiert bekommen soll, welches asynchron zum Ton verläuft, versteht sich von selbst. Näher betrachtet ist es also nicht nur ein Handwerk, einen Film oder eine Serie neu zu vertonen, sondern eine Kunstform, die größte Behutsamkeit verlangt. Wie diese heutzutage genau aussieht, erfahren Sie im nächsten Teil unseres Synchronisations-Specials.