The Masked Singer © ProSieben/Willi Weber
Erfolgsfaktoren und Konsequenzen

"The Masked Singer"-Effekt: Die Lust am Lagerfeuer

 

Der Erfolg von "The Masked Singer" lässt in diesen Tagen längst nicht nur ProSieben jubeln: Die Rate-Show injiziert eine gehörige Portion Zuversicht ins lineare Broadcasting, wo endlich ein Knoten geplatzt ist. Eine Analyse des Sommerhits und dessen Folgen.

von Thomas Lückerath
01.08.2019 - 13:55 Uhr

Am Abend wird das Finale einer Show, bei der selbst Fans des Formats eigentlich völlig egal ist, wer am Ende gewinnt, mit ziemlicher Sicherheit weit mehr als 30 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe holen und damit den erfolgreichsten TV-Neustart in Deutschland seit vielen Jahren und größten Sommerhit 2019 besiegeln - was für eine herrlich verrückte Fernsehwelt. Am Freitagmorgen wird erst einmal nur ProSieben darüber jubeln, dabei ist "The Masked Singer" befreiend für die ganze Branche, auch wenn man die Freude gerade bei RTL sicher erst einmal nicht teilen wird.

„The Masked Singer“ ist jüngster Höhepunkt einer Entwicklung, die man als Befreiungsschlag für das lineare Fernsehen bezeichnen kann. Seit der Boom von Highend-Serien in der Sparte bzw. im Pay-TV das Golden Age of Televison eingeläutet hat und später Streamingdienste dem Genre noch den Komfort des Bingewatching hinzugefügt haben, suchen lineare Broadcaster nach einer schlagkräftigen Antwort auf den neuen Wettbewerb, der zuvor zu lange ignoriert wurde. Wer seinem Publikum im Jahr 2019 also fixe Uhrzeiten vorgibt, sollte die Notwendigkeit einer solchen Verabredung auch rechtfertigen können.

Warum sollte ich mich noch nach dem Programmplan eines Senders richten? Der Erfolg von Netflix, Prime Video und Co. liegt schließlich in der sehr wirksamen Predigt des freien Invidiual-Konsums. Gucken Sie doch was Sie wollen, wann Sie wollen! Das ist viel kundenfreundlicher und unvergleichbar praktisch, weil flexibel. Gegen diesen Hype ums Bingewatching schien in den vergangenen Jahren kein Kraut gewachsen. Die Idee des Broadcasting wirkte regelrecht anachronistisch in diesen Zeiten der maximalen Individualisierung in fast allen Lebensbereichen.

Wie das Broadcasting seine Rolle im Wettbewerb mit SVoD findet

Das lineare Fernsehen dagegen war ein festgefahrenes Gewohnheitsmedium. Berauscht von eigenen Höhenflügen vergangener Jahre haben viele Sender zu lange den Fehler gemacht, Fernsehen für die zu machen, die noch da sind. Das funktioniert mit immer mehr vom Gleichen. Bei Privatsendern muss man schließlich auch im Hinterkopf behalten: Fernsehen wird auch für die Werbekunden gemacht - und immer gleicher Nachschub bedeutet weniger Diskussionen und Erklärungsbedarf gegenüber denen, die das Programm finanzieren. Für ein (junges) Publikum auf der Suche nach Neuem ist das jedoch kein besonders reizvolle Perspektive.

In Zeiten, in denen SVoD-Dienste regelmäßig mit neuen Programmen immer wieder neue Impulse setzen, wurde im Broadcasting zu lange in alten Denkmustern der Kontinuität gedacht. In der alten Fernsehwelt wurde RTL zum Beispiel für diese Verlässlichkeit von Sendeplätzen gefeiert, in der neuen Welt jedoch fehlen die überraschenden Impulse. Kein Wunder, dass auch RTL gerne „The Masked Singer“ gehabt hätte, denn die Rateshow ist nicht mehr vom Gleichen, damit die Verbliebenen nicht abschalten. Sie ist ein überraschender Impuls mit „What the Fuck?“-Effekt, der Menschen zum Einschalten bewegt.

The Masked Singer

"The Masked Singer“ beweist gerade nicht als einziges, aber erfolgreichstes Format: Das lineare TV-Lagerfeuer ist nicht tot. Serienfans kennen das Dilemma des sonst so komfortablen Bingewatching-Zeitalter: Wenn jeder individuell konsumiert, kann man sich kaum noch über konkrete Folgen, Figuren und Storylines unterhalten. Diese Lücke eines gemeinschaftlichen Fernseherlebnis, die sich durchs Bingewatching von Serien aufgetan hat, füllten in den vergangenen Jahren schon erfolgreich Reality- und insbesondere Datingshows, die nicht ohne Grund ihren zweiten Frühling erlebten. Und wer dort am nächsten Tag mitreden können will, muss es „live“ gesehen haben. Das funktioniert nicht on demand.

Diese Dynamik hat „The Masked Singer“ durch das Ratespiel und die Demaskierungen noch einmal gesteigert. Aber langsam, dazu später mehr. Der große Erfolg der Rateshow liegt in aufeinander aufbauenden Faktoren begründet und die Grundlage von allem ist zunächst einmal der "What the fuck?"-Moment. Ob bei den Trailern, der Plakat-Werbung oder beim Einschalten der ersten Sendung: Die Show mit ihren schrägen Kostümen fällt auf und irritiert. Was ist das denn für ein Quatsch? Im heute so unglaublich intensiven Wettbewerb um Aufmerksamkeit erfüllte "The Masked Singer" damit die grundlegendste und gleichzeitig schwierigste Voraussetzung: Sie fällt auf!

Denkwechsel bei den Sendern: Der Knoten ist geplatzt

Will lineares Fernsehen 2019 durchdringen, muss es überraschen. Das klingt so selbstverständlich, wurde aber bislang selten beachtet. Erst in den vergangenen Monaten haben sich gleich mehrere Marktteilnehmer dies wirklich zu Herzen genommen. Aktuelle Sondersendungen hier, spontane 15 Minuten mit Joko & Klaas dort. Nichts davon steht in den Wochen zuvor gedruckten Programmzeitschriften - und funktionierte trotzdem. Das lineare Fernsehen befreit sich von den Fesseln der langfristigen Programmplanung und entdeckt Sendungsbewusstsein und Spielfreude. Früher voraufgezeichnete Shows kommen plötzlich live. Der Knoten ist geplatzt, so scheint es.

„The Masked Singer“ passt in diese Zeit. Bei wem der "WTF"-Moment für den wichtigen Einschaltimpuls sorgte, bei dem entwickelte der ganz große Quatsch auf der Showbühne im Kölner Coloneum dann einen enormen Sogeffekt, wie die Kurvenverläufe der Einschaltquoten zeigen. Irrwitzige Bilder dank kurioser Auftritte der witzigen Figuren werden flankiert vom Ratespiel und einem erfreulichen Show-Comeback von Matthias Opdenhövel. In ProSiebens Heimat München würde man sagen: Das ist eine ganz große Gaudi. Stichwort Opdenhövel: Zum zweiten Mal nach "Schlag den Raab" ist er mit seiner Schlagfertigkeit eine wichtige Stütze einer Show-Renaissance, die "The Masked Singer" zweifelsohne auslösen wird.

Live-Unterhaltung, das erklärten die Programmmacher von ProSiebenSat.1 wie auch der Mediengruppe RTL Deutschland auch schon zuvor unabhängig von dieser Show bei den Screenforce Days im Juni in Köln, spiele künftig eine viel größere Rolle. "The Masked Singer" funktioniert übrigens wie auch einst "Wetten, dass..?“ besser in Gemeinschaft als allein, egal ob die Gemeinschaft nun auf dem heimischen Sofa sitzt oder über Social Media verbunden ist. Es ist ein Stück weit Lagerfeuer wie früher. Dass sich Endemol Shine Germany und ProSieben entschieden haben, für Deutschland eine Live-Version zu versuchen statt wie in den USA alles vorab zu produzieren, hilft dabei enorm: Die Social-Media-Begleitung muss so nicht nachträglich inszeniert werden; das Rätselraten ist authentischer und das Risiko eine Leaks im Übrigen geringer.

Wer vom Privatfernsehen über Jahre erfolgreich auf überinszeniertes Schnipselfernsehen konditioniert wurde, dem mögen bei der Länge der Show manchmal die Reize fehlen. Aber Live-Fernsehen hat immer eine andere Taktung als auf Sekunden optimierte Zusammenschnitte. Auch das übrigens ein Vorwurf, den die große ZDF-Show einst regelmäßig aushalten musste. Aber wer bei "The Masked Singer" in Gemeinschaft rätselt und spekuliert, dem fällt das weniger auf. Auf die x-the Nachfrage von Opdenhövel ans Rateteam (insbesondere in den zweiten Runden) dürfte man aber trotzdem gerne bei der zweiten Staffel verzichten, um ein wenig zu straffen. Wünschenswert wäre auch eine klügere Auswahl der wöchentlich wechselnden Gäste im Rateteam.

The Masked Singer

Auch Ruth Moschner, Max Giesinger und Collien Ulmen-Fernandes wirkten im Vorfeld nicht wie eine sich förmlich aufdrängende Besetzung für ein Rateteam - aber wer wäre das schon gewesen? Sie haben im Laufe der Staffel ihre Rolle gefunden. Herrlich, wie sie nebenbei die Eignung von Halb-Promi-Deutschland aburteilen und dabei deftige Urteile fällen. Und selbst wenn man sich über ihre manchmal unrealistischen Tipps aufregt, ist das Ziel schon erreicht: Man reagiert auf die Show. Das Involvement der Zuschauerinnen und Zuschauer ist durch das simple Ratespiel, befeuert durch immer neue Indizien, noch einmal weitaus höher als bei Reality- oder Datingshows.

Wer erst einmal auf einen Namen gesetzt oder aber einen ausgeschlossen hat, fiebert den Demaskierungen entgegen. Nichts befriedigt schließlich so sehr, wie Recht zu haben. Diese Neugier schürt bei Fans der Sendung die Vorfreude auf das Finale, in dem es eigentlich ja um nichts geht - aber gleich fünf Demaskierungen anstehen. Das große Sommerrätsel dieses Fernsehsommers kommt zu einem Ende. Manche Demaskierung sorgte schon für Ernüchterung. Sicher, für die zweite Staffel werden sich angesichts des wahnsinnigen Erfolgs erfreulicherweise nochmal ganz andere Namen bekommen lassen, auch weil sich bei „The Masked Singer“ niemand blamiert. Wer im Dschungel Hoden isst, wird Bilder davon für immer im Netz finden. Hier aber entstehen keine zweifelhaften Bilder. Ein heiterer Wettstreit mit der Möglichkeit, sich zunächst unerkannt mal von einer anderen Seite zu zeigen.

Die Kritik an der vermeintlichen Irrelevanz der teilnehmenden Prominenten ist aber auch ein Spiegelbild einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung, die die eigene Kenntnis zum Maß aller Dinge macht: "Wen ich nicht kenne, der kann nicht prominent sein. Was ich nicht weiß, kann nicht wichtig sein.“ Enttäuschung ist verständlich, abfällige Äußerungen oder die Bewertung von z.B. Schauspieler Heinz Hoenig oder Schlager-Sängerin Stefanie Hertel als C-Prominente, ist hingegen leider Ausdruck eines schwindenden Konsenses und einer Individualisierung des Prominenz-Begriffs.

Der nächste große Hit ist auch im fragmentierten Markt möglich

Da schlägt "The Masked Singer" sozusagen Brücken und ist das große Risiko eingegangen, eine Show für alle sein zu wollen. Für ProSieben-Verhältnisse erreicht die Rateshow auch viele ältere Zuschauer, die kennen eher Heinz Hoenig oder Stefanie Hertel. Mancher noch spekulierte Promi, der heute Abend die Maske lüften könnte, wird wiederum eher der jüngeren ProSieben-Kernzielgruppe ein Begriff sein. Ein solcher Mainstream-Erfolg - wenn auch im insgesamt Zuschauer-schwächeren Sommer - ist ein Hoffnungsschimmer über ProSieben hinaus für die ganze Branche: Der nächste große Hit ist möglich.

Nachdem es einst mal "Newtopia" oder "Rising Star" sein sollten und dann derart enttäuschten, ist im internationalen Formathandel der vergangenen drei Jahre der Glaube verloren gegangen, dass es das ganz große Ding noch einmal geben könnte. Es bleibe immer noch die Nische, hieß es. Jetzt haben wir "The Masked Singer" und die Hoffnung lebt. Der große Erfolg der von Endemol Shine Germany und ProSieben neu interpretierten Version des ursprünglich koreanischen Formats hat übrigens Folgen: International wird "The Masked Singer" nun als Live-Format vermarktet. Sorry, USA.

Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Formatideen wir in den kommenden Jahren dank "The Masked Singer" auf dem internationalen Markt erleben werden. Sie können sicher sein: Jede Produktionsfirma versucht gerade die Essenz von "The Masked Singer" zu extrahieren, um daraus neue Formate abzuleiten. Andere versuchen seit Wochen schon jede koreanische TV-Idee der vergangenen zwanzig Jahre zu verstehen. So funktioniert die Branche halt. Vielleicht aber erinnern sich auch genügend Fernsehmacherinnen und -macher daran, was für "The Masked Singer" ganz grundlegend von Bedeutung war: Der "What the fuck?!"-Moment. Denkt mal gänzlich anders. Überrascht. Dann folgt das Publikum auch gerne einer fixen Verabredung zum Lagerfeuer.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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