Jürgen von der Lippe © WDR/Andre Kowalski
Vor 30 Jahren startete der Klassiker

"Ein Gläschen Sekt?": Warum "Geld oder Liebe?" fehlt

 

Auf den Tag genau 30 Jahre ist es her, dass "Geld oder Liebe?" erstmals über den Bildschirm flimmerte - vermutlich die bis heute entspannteste Samstagabendshow. Auch wenn ein neues Comeback wohl ausgeschlossen ist: Diese Sendung fehlt.

von Alexander Krei
28.09.2019 - 10:30 Uhr

"Ein Gläschen Sekt?" Mit diesen Worten überbrückte Jürgen von der Lippe einst gerne die Wartezeit, wenn sich die Umbauarbeiten bei "Geld oder Liebe?" mal wieder etwas in die Länge zogen. Mühsam erklärte er in jeder Ausgabe der Kuppelshow aufs Neue, wie sie nun genau funktioniert, diese Sache mit dem Telefonvoting. Denn: Wer als Zuschauer das Paar des Abends wählen wollte, musste die richtige Endziffer eigenständig zusammensetzen.

Schon an der Tatsache, dass von der Lippe seinen Zuschauern im Studio das berühmte Gläschen Sekt anbot, zeigt: "Geld oder Liebe?" war die mit Abstand gemütlichste aller Samstagabendshows. Seinerzeit begrüßte Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" Weltstars wie Michael Jackson in seiner Sendung, Jürgen von der Lippe aber machte Stars. Bei "Geld oder Liebe?" erhielten neben Weltstars dieser Güteklasse auch Newcomer eine Chance - und für nicht wenige war die Show der Startschuss zu einer großen Karriere.

Unvergessen sind Lippes minutenlange Ankündigungen, denen viele Zuschauer womöglich gar nicht folgen konnten, die aber für den auftretenden Künstler in jedem Fall als Zeichen besonderer Wertschätzung verstanden wurden. Bei Gottschalk verkommen die Music-Acts auch heute noch in schöner Regelmäßigkeit zu Abschaltern, bei "Geld oder Liebe?" hing dagegen ein jeder gespannt an den Lippen des Moderators - interessiert an dem, der im Folgenden nun auftreten würde, auch wenn er heute rückblickend im Interview mit der "Süddeustchen Zeitung" sagt, dass ihn jeder Music-Act anderthalb Millionen Zuschauer gekostet habe.

Mindestens genauso interessiert war von der Lippe allerdings stets an seinen Kandidaten, besonders dann, wenn diese ein eindrucksvolles Hobby oder einen spannenden Beruf zu bieten hatten. Das wichtigste Erfolgsrezept der Show aber ein ganz anderes: "Geld oder Liebe" nahm sich selbst nie zu ernst. Das begann gleich mit den Kinderwitzen für die heißt begehrten "Schokolinsen", steigerte sich im mitunter kuriosen Fotowettbewerb mit von der Lippes noch kurioseren Erklärungen ("Paule, sach doch watt!") und mündete schließlich Kiosk-Spiel, das immer dann besonders schräg wurde, wenn der besagte Kiosk mal wieder nicht funktionierte und ein Zuschauer im eingebauten Hochsitz zur Hilfe eilen musste, um die Apparatur wieder in Gang zu bringen.

Scherze über Lippes eingebaute "Hörhilfe" im Sofa und die später eingeführte "Ferkelkasse" für besonders schlüpfrige Witze taten ihr Übriges. Ja, "Geld oder Liebe?" war wirklich eine besondere Samstagabendshow - und vermutlich war es einer der größten Fehler, dieses Format jemals einzustellen, sowohl für die ARD als auch für den Moderator selbst. Zumal sich Lippes spätere Sat.1-Show "Blind Dinner" als größter anzunehmender Flop entpuppte. Mit "Lippe blöfft" versuchte sich die ARD wenige Jahre später zwar noch einmal an einem Aufguss, doch mehr als Geld ohne Liebe war das nicht.

Vor fünf Jahren versuchte sich der WDR einigermaßen erfolglos an einer Wiederauflage. Auf die Frage von Hans Hoff, ob er "Geld oder Liebe" noch einmal moderieren wolle, winkt Jürgen von der Lippe ab: "Nein", sagt er. "Ich halte das für sinnlos, weil die Bedingungen nicht mehr stimmen. Die Sendung war damals ja auch deshalb so gut, weil wir diese unglaublichen Möglichkeiten hatten. Heute macht man zwei Sendungen am Tag oder so einen Reihenabwurf, also acht Sendungen in 14 Tagen. Da ist eine solche Qualität nicht herstellbar."

Lippe erinnert sich an sechs Spielautoren, von denen jeder eine komplette Sendung schrieb. "Das war das Material, aus dem ich für eine Show aussuchen konnte. Was da für eine Manpower dahinter war. Es gab Zeit und Muße, und die braucht man auch. Heute macht das alles keinen Spaß mehr, zumindest nicht einem wie mir, der die goldenen Zeiten erlebt hat." Und doch fehlt "Geld oder Liebe" dem Fernsehen noch immer. Auf den 30. Geburtstag sollte daher angestoßen werden – natürlich standesgemäß mit einem Gläschen Sekt.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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