International Drama Summit 2019 © C21 Media
Branchendiskussion zum Serienmarkt

Globale Giganten treiben die Preise steil nach oben

 

Der Kapitalbedarf für die Produktion von immer mehr hochwertigen Serien ist gewaltig. Weitere Herausforderungen, die auf dem International Drama Summit in London diskutiert wurden: Streaming-Deals ändern sich rasant. Und Sprache ist noch lange nicht gleich Sprache.

von Torsten Zarges , London
06.12.2019 - 09:14 Uhr

Wer ins Spiel um den nächsten großen Serienhit einsteigen will, sollte sich auf steigende Kosten und zunehmenden Aufwand gefasst machen. Zwar nimmt mit jeder neuen Streaming-Plattform die Zahl der potenziellen Kunden für Kreative und Produzenten zu. Doch gleichzeitig wird auch das Buhlen um die Aufmerksamkeit der Konsumenten immer härter, und die Budgets kennen nur eine Richtung – steil nach oben. So lässt sich der Status quo der globalen Serienlandschaft nach drei Tagen C21 International Drama Summit zusammenfassen. "Neue Anbieter wie Apple TV+, Disney+ und HBO Max machen ihre Präsenz deutlich spürbar", sagte etwa Michael Wright, Chef des US-Pay-TV-Senders Epix. "Alle im Markt sind mit Herausforderungen wie steigenden Honoraren konfrontiert. Außerdem gibt es so viel gutes TV da draußen, dass die Auffindbarkeit immer schwieriger wird – erst recht, wenn man solchen Giganten mit riesigen Marketingbudgets gegenübersteht."

Rund 100 Milliarden Dollar haben die 16 größten Inhalte-Anbieter weltweit in diesem Jahr investiert – in etwa das Marktvolumen der amerikanischen Ölindustrie. Diese Zahl hatte in London jedenfalls Sebastien Raybaud, Gründer und CEO des britischen Projektfinanzierers Anton Corp, zur Hand, der mit privatem Kapital Produktionen wie "His Dark Materials", "McMafia" oder "Gentleman Jack" ermöglicht hat. "Derzeit befinden sich 40 Serien in Produktion, deren Budgets pro Episode über acht Millionen Dollar liegen", so Raybaud. "Lokale Programmanbieter wie die BBC brauchen zusätzliches Kapital, um mit den globalen Giganten konkurrieren zu können."

Im Fall der europäischen Pay-TV-Plattform Sky sind es frische Mittel vom neuen US-Gesellschafter Comcast, die dafür sorgen sollen, dass die hauseigene Produktionstochter Sky Studios ihr Investment in eigene Serien innerhalb der kommenden fünf Jahre verdoppelt – von gegenwärtig 52 in Produktion befindlichen Serien – und im Norden Londons einen neuen Produktionskomplex mit 14 Studios errichtet. "Von guten Inhalten kann man gar nicht zu viel haben", sagte Sky-Studios-Chef Gary Davey. "Unsere Kunden fordern sie ganz klar ein. Also ist es unser Job, zu liefern."

Von den so oft erwähnten Giganten hatte WarnerMedia mit HBO Max den größten Aufschlag auf der C21-Konferenz. Kevin Reilly, Chief Content Officer der im Mai 2020 zunächst im US-Markt startenden Plattform, gab den Startschuss für die Akquisition nicht-amerikanischer Programminhalte. HBO Max sicherte sich in London zwei bevorstehende britische Serien: das von All3Media für ITV produzierte Crime-Drama "White House Farm" und Russell T. Davies' 80er-Jahre-Serie "Boys" für Channel 4. Bislang erwirbt HBO Max ausschließlich Rechte für die USA. Dies soll sich laut Reilly ab Anfang 2020 auf Lateinamerika ausweiten, wo die Plattform innerhalb von sechs Monaten nach US-Launch an den Start gehen will, und im weiteren Verlauf des Jahres dann vermutlich auch auf europäische Märkte. Anders als bei global aufgestellten Plattformen wie Netflix haben Produzenten bei HBO Max also momentan noch die Chance, US-Rechte zu verkaufen und andere Territorien selbst zu vermarkten.

International Drama Summit 2019 / Nicole Clemens"Das ist zurzeit sicherlich ein strategischer Vorteil für uns", sagte Sandra Dewey, President Business Operations & Productions von HBO Max. "Allerdings kann ich nicht versprechen, wie lange das so bleibt." Wie rasant sich die Rechte- und Deal-Strukturen bei den Streamern verändern, wusste auch Nicole Clemens (Foto), Chefin der ViacomCBS-Tochter Paramount Television, zu berichten. Mit derzeit in Vorbereitung befindlichen Produktionen wie der SciFi-Serie "Station Eleven" von "Maniac"-Creator Patrick Somerville oder dem Beziehungsdrama "Made for Love" mit "Everybody Loves Raymond"-Star Ray Romano profitiert sie von der Aufbauphase bei HBO Max. "Umgekehrt wäre ein Deal, wie wir ihn noch vor einigen Monaten mit Hulu für 'Looking for Alaska' geschlossen haben, heute schon weitaus schwieriger", so Clemens. "Seit Übernahme der unternehmerischen Kontrolle durch Disney versucht Hulu in Vorbereitung auf seine internationale Expansion, mehr Rechte für sich zu behalten."

Auf Seiten jener Studios und Konzerne, die keine eigene Streaming-Plattform haben, führt die Marktentwicklung dazu, dass neben Auftragsproduktionen für Netflix & Co. vor allem eigene unabhängige Finanzierungen attraktiver werden – mit dem Ziel, entsprechende Programmrechte zu generieren. "Die Zeit der großzügigen Gewinnaufschläge bei Produktionen für Netflix ist vorbei", plauderte Cheryl Lynch aus dem Nähkästchen, als Executive Vice President für International Production, Business Affairs und Scripted Formats bei Sony Pictures Television verantwortlich. "Seit unserem oft beneideten Deal für 'The Crown' sind fast fünf Jahre vergangen und der Markt hat sich verändert."

"Hier in Europa kostet eine ganze Staffel
so viel wie in den USA ein Pilot"

Cheryl Lynch, EVP International Production, Business Affairs & Scripted Formats, Sony Pictures Television

 

Globale SVoD-Deals seien keine gute Strategie, wenn man eigene Assets aufbauen wolle, und für Sony daher inzwischen eher die Ausnahme. Stattdessen tendiere man dazu, auch außerhalb Hollywoods mehr Projekte zu hundert Prozent selbst zu finanzieren, um sie dann bestmöglich auswerten zu können. So verfuhr Sony etwa jüngst mit der britischen Teeanger-Spionage-Serie "Alex Rider", die auf der gleichnamigen Young-Adult-Romanreihe von Anthony Horowitz basiert und 2020 bei ITV laufen wird. "Im Vergleich zu den klassischen US-Piloten sind Budget und Risiko überschaubar", so Lynch. "Hier in Europa kostet eine ganze Staffel so viel wie in den USA ein Pilot."

Bemerkenswert sind insbesondere die nach wie vor gravierenden Budgetunterschiede zwischen englisch- und nicht-englischsprachigen Serien. Während Apple, Disney und Warner noch gar nicht ins Fremdsprachliche vorgedrungen sind, definieren hauptsächlich Netflix und Amazon sowie diverse regionale Plattformen das internationale Storytelling in etlichen verschiedenen Sprachen. Netflix stellte in London etwa seine ersten Originals aus Norwegen, Südafrika oder Nigeria vor, Amazon die spanische Romanverfilmung "La Templanza". Und Aussagen wie die von Georgia Brown, Director of European Originals bei Amazon Studios, fielen sinngemäß häufiger: "Sprache spielt heutzutage keine Rolle mehr, seit die Zuschauer so sehr an Untertitel oder Synchronisationen gewöhnt sind." Das scheint freilich nicht für die ökonomische Werteinschätzung und Budgetierung der Projekte zu gelten.

International Drama Summit 2019 / Kelly LuegenbiehlAls Showrunnerin in Europa müsse sie den letzten Tropfen aus der Traube pressen, sagte "Deutschland 83"- und "Unorthodox"-Schöpferin Anna Winger, die derzeit ihre erste englischsprachige Serie vorbereitet. "Die Preproduction-Meetings hauen mich regelrecht um", so Winger. "Kürzlich bin ich gefragt worden, ob denn wohl 15 Drehtage pro Episode ausreichen würden. Das habe ich noch nie gehabt. Es wäre besser und gerechter, wenn Serien, die eh weltweit vermarktet werden, auch etwas höhere Budgets bekämen." Auch Kelly Luegenbiehl (Foto), bei Netflix als Vice President für International Originals aus dem EMEA-Raum verantwortlich, gab zu bedenken, dass es noch "ein langer Weg" sei, bis die volle Gleichwertigkeit nicht-englischsprachiger Serien von allen Partnern im Markt anerkannt werde.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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