Lutz Marmor © NDR/Kirsten Haarmann
Letzter Arbeitstag für NDR-Intendant Lutz Marmor

Ein Freiräumer mit der gewissen Portion Leichtigkeit

 

Am 10. Januar geht er noch einmal ins Büro und dann in den Ruhestand: Lutz Marmor hat den NDR neu aufgestellt und in der ARD vieles möglich gemacht. Was den begeisterten Karnevalisten von anderen Intendanten unterscheidet und was der WDR zu bedauern hat...

von Torsten Zarges
09.01.2020 - 16:20 Uhr

Sein Selbstverständnis als Intendant stand für Lutz Marmor außer Frage. "Freiräume schaffen – das ist meiner Ansicht nach das Wichtigste, was ich tun kann", sagte er 2013 in einem DWDL.de-Interview, als er gerade für seine zweite Amtszeit an der Spitze des NDR bestätigt worden war. "An jeder Stelle im Sender und auf jeder Hierarchieebene sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, dass sie ein Grundvertrauen genießen und dass Ausprobieren ausdrücklich erwünscht ist."

Wenn man Marmors zwölf Intendantenjahre an diesem Anspruch misst, wird man zu dem Ergebnis kommen, dass hier ein Freiräumer par excellence in den Ruhestand tritt. Einer, der sowohl im NDR als auch ARD-weit überdurchschnittlich viele Dinge ermöglicht hat, und das fast immer geräuschlos. Dabei vermittelte Marmor nach außen meist den Eindruck, als gehe ihm der Job irgendwie leichter von der Hand als seinen Kollegen aus anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Als Intendant ist man(n) eine bedeutsame Persönlichkeit und trägt schwer an seiner enormen Verantwortung – dieses Bild hat sich über Jahrzehnte festgesetzt und wurde von vielen der Amtsträger selbst nur zu gern kultiviert. Dass die ARD von den drei großen Anstalten WDR, NDR und BR dominiert wurde, ging rund um die Jahrtausendwende einher mit der starken Trias aus Fritz Pleitgen, Jobst Plog und Albert Scharf, deren Gravitas manch einer im Nachhinein noch zusätzlich verklärte. Wer sich als Leisetreter in dieses System einzureihen versuchte, hatte die öffentliche Wahrnehmung nicht gerade von Anfang an auf seiner Seite. Zumal in der ersten 2000er Dekade plötzlich landauf, landab Journalisten auf die Intendantenstühle vorrückten.

Marmor war kein Journalist, sondern BWLer und innerhalb der ARD lange Zeit nicht einmal auf einen Sender festgelegt. Dennoch setzte er sich beharrlich durch und gewann da, wo er gerade war, die Menschen mit seiner Mischung aus Kompetenz und Herzlichkeit für sich. Der gebürtige Kölner hatte seine Karriere im Rechnungswesen des WDR begonnen, ehe er Anfang der 90er erster Verwaltungsdirektor des neu gegründeten Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) wurde und vier Jahre später in gleicher Funktion zum NDR nach Hamburg wechselte. 2006 holte ihn sein Heimatsender WDR zurück nach Köln – als Verwaltungsdirektor und stellvertretenden Intendanten. Nicht wenige sahen ihn bereits als potenziellen Pleitgen-Nachfolger, so wie sie ihn Jahre später als potenziellen Monika-Piel-Nachfolger sahen.

Aus Kölner Sicht ist Marmor "the one that got away", und aus heutiger Sicht spricht vieles dafür, dass der WDR wohl besser dastünde, wenn die Hamburger das Buhlen um die unprätentiöse Führungskraft damals nicht gewonnen hätten. Vergleicht man den NDR von 2008 mit dem NDR von 2020, so hat sich die Wettbewerbsposition seiner Programmangebote nach fast jeder zur Verfügung stehenden Metrik verbessert. Nach innen wie nach außen hat Marmor die Anstalt neu aufgestellt, für mehr Transparenz und einen höheren Frauenanteil in der Hierarchie gesorgt, den crossmedialen Umbau angestoßen, als ARD-Vorsitzender mit viel Diplomatie das Jugendangebot Funk mit dem ZDF auf die Schiene gebracht. Gegen immense Widerstände setzte er in den ersten zwei Jahren seiner Intendanz die Zusammenarbeit mit Stefan Raab und ProSieben beim Eurovision Song Contest oder die Verpflichtung von Kai Pflaume für die ARD-Unterhaltung durch. Hinterher wollten es viele in der ARD gewesen sein.

ARD-Hauptversammlung September 2019© SWR/Alexander Kluge
Einen Kopf größer: Lutz Marmor (2.v.l.) im Kollegenkreis der ARD-Intendanten

Und doch ist es typisch Marmor, dass er zum Abschied erstmal über ein "persönliches Manko" spricht. "Ich hätte den Sender gern mit einer gesicherten finanziellen Basis an meinen Nachfolger übergeben", sagte er Ende Dezember in einem Interview mit "epd medien" und zog sich damit noch den Schuh der laufenden Finanzbedarfsklärung an, in der die KEF eine weitaus niedrigere Beitragserhöhung vorschlägt als von der ARD gewünscht. In diesem Zusammenhang sorgt Marmor sich auch um die "Sprengkraft" für den Senderverbund, die aus der ungleichen Verteilung der von der KEF festgestellten Eigenmittel resultiert: "Wir haben immer dazu gestanden, aber jetzt ist da die Sorge: Entsolidarisiert sich die ARD? Wir haben immer gesagt, das Erste, die nationale Bühne, muss stark bleiben. Wir haben uns da sehr engagiert, das werden wir möglicherweise zurücknehmen müssen."

Aus der ARD-Truppe von sechs Intendanten und drei Intendantinnen ragte Marmor stets heraus – er ist mindestens einen Kopf größer als die anderen. In aller Regel wirkte er gut vorbereitet, aber dabei nicht so streberhaft wie BR-Kollege Ulrich Wilhelm, und gut gelaunt, aber nicht so demonstrativ wie WDR-Chef Tom Buhrow. Wer den bekennenden Karnevalisten je bei einer Abendveranstaltung mit Musik erlebt hat, weiß, wie klatsch- und feierfreudig Marmor ist. Apropos Buhrow: Vom Krankenhausbett seines Vaters in einer Live-Sendung anzurufen und sich voreilig für einen Beitrag seiner Mitarbeiter zu entschuldigen – das wäre Marmor mit ziemlicher Sicherheit nie passiert. Schon allein die Selbstinszenierung wäre ihm ein Graus, von der fahrlässigen Gefährdung der Integrität des eigenen Hauses mal ganz zu schweigen.

Joachim Knuth, Lutz Marmor© NDR/Hendrik Lüders
Nach der Amtsübergabe an seinen langjährigen Vertrauten und Hörfunkdirektor Joachim Knuth (Foto), ein NDR-Gewächs seit 35 Jahren, will Marmor nach eigenen Angaben "zwei Monate lang versuchen, den Kopf klar zu kriegen, und dann will ich gern etwas Ehrenamtliches machen". Seine Stimme, so er sie denn erheben mag, wird im medialen und gesellschaftlichen Diskurs auch weiterhin Gewicht haben.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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