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Quibi startet heute im US-Markt

Katzenbergs riskante Wette auf die mobile Video-Zukunft

 

So viel hat noch niemand in Kurzinhalte fürs Smartphone gesteckt: Quibi, kurz für "quick bites", will mit 2 Milliarden Dollar Investment das Streaming für zwischendurch revolutionieren. Gründer Jeffrey Katzenberg und CEO Meg Whitman planen schon den weltweiten Rollout.

von Torsten Zarges
06.04.2020 - 07:40 Uhr

Auch ohne Corona-Krise wäre das Vorhaben schon riskant gewesen. Immer wieder bekamen Jeffrey Katzenberg und Meg Whitman zu hören, die Welt habe nicht unbedingt auf eine neue Streaming-App für mobile Kurzinhalte gewartet. Dem zwei Milliarden Dollar teuren Projekt des Ex-Disney-Filmstudiochefs und der Ex-eBay-Chefin steht man in Hollywood seit Monaten ambivalent gegenüber: Einerseits ist jeder skeptisch, weil ähnliche Angebote wie Go90 oder Blackpills in der Vergangenheit gescheitert sind. Andererseits sind viele mit einer Produktion dabei, weil Quibi gut zahlt und weil als Mantra gilt: Wer, wenn nicht Katzenberg?

Dass Streaming an sich in Zeiten der flächendeckenden sozialen Isolation kein schlechtes Geschäftsmodell ist, merken Netflix, Amazon und Disney+ durchaus. Viele Menschen haben schließlich viel Zeit zu füllen. Doch was heißt das für ein Angebot, das explizit für kurze Nutzungsdosen zwischendurch konzipiert wurde, fürs Pendeln mit der Bahn oder fürs Warten auf den Bus? Der Weg zwischen Küche und Wohnzimmer erfordert solche Überbrückungen nicht. Katzenberg ist dennoch optimistisch: "Wir haben nach wie vor solche Zwischendurch-Momente, sie sehen nur anders aus", sagte der Quibi-Gründer dem "Hollywood Reporter".

Pünktlich zum US-Launch am heutigen Montag geht die App mit 50 Formaten in Betrieb. Die vier fiktionalen Serien aus dem Startportfolio waren rechtzeitig vor dem allgemeinen Produktionsstopp fertig geworden. Liam Hemsworth spielt in dem Action-Thriller "Most Dangerous Game" einen tödlich erkrankten Mann, der seine schwangere Frau absichern will, indem er an einer "Millionenspiel"-artigen Jagd teilnimmt. Sophie Turner und Corey Hawkins müssen in dem düsteren Thriller "Survive" als einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes ihren Weg aus der Wildnis finden. "Spider-Man"- und "Evil Dead"-Macher Sam Raimi lässt in seiner Horror-Anthologie "50 States of Fright" Mythen und Schauergeschichten aus verschiedensten Orten der USA nachspielen. An der Comedy-Front sollen Will Forte und Kaitlin Olson als chronisch vom Pech verfolgte Hausrenovierer in der HGTV-Parodie "Flipped" für Lacher sorgen.

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Diese und etliche weitere Serien laufen bei Quibi unter der Rubrik "Movies in Chapters". Ihre Gesamtlänge ist die eines abendfüllenden Spielfilms, veröffentlicht werden sie in sieben- bis zehnminütigen Episoden mit täglicher Frequenz. In der Kategorie "Unscripted & Docs" finden sich zum Start 19 verschiedene Doku-, Talk- und Factual-Entertainment-Formate, die mit je einer zehnminütigen Folge pro Woche erscheinen. In der Reihe "Thanks a Million", produziert von Jennifer Lopez, revanchieren sich Prominente bei jenen Menschen, die ihnen auf dem Weg zum Erfolg geholfen haben. In "Chrissy's Court" verhandelt Model-Influencerin Chrissy Teigen als eine Art Laienrichterin kleinere Justizfälle. In "Elba vs. Block" tritt Idris Elba in zusehends verrückteren Auto-Stunts gegen den Rallyefahrer Ken Block an, um zu testen, wer von beiden der bessere Fahrer ist. Die umfangreichste Kategorie von Quibi sind die "Daily Essentials", von denen zum Start mehr als zwei Dutzend auf der Plattform stehen. Dabei handelt es sich um tagesaktuelle News- und Entertainment-Formate von jeweils fünf bis sechs Minuten. NBC News liefert mit "Morning Report" und "Evening Report" zweimal täglich Nachrichten, für den internationalen Überblick sorgt die BBC mit "Around the World by BBC News". "Last Night's Late Night" aus dem Hause "Entertainment Weekly" fasst die besten Momente aus den US-Late-Night-Shows vom Vorabend zusammen. Natürlich sind die "Daily Essentials" von der Pandemie besonders betroffen. Der Host der täglichen Musiksendung "Pop5" moderiert vorerst aus seiner Garage, sein Kollege vom Gaming-News-Format "Speedrun" aus dem eigenen Wohnzimmer.

Quibi ist die erste Streaming-Plattform, die ihren Launch von Grund auf aus dem Shutdown managen muss. Ihren Firmensitz in Hollywood haben die 265 Mitarbeiter am 16. März in Richtung Home Office verlassen, die geplante Party wurde abgesagt. Dafür trommeln nun an die 200 Stars, die in Quibi-Produktionen mitwirken, umso lauter über ihre Social-Media-Kanäle für die App. Nutzer, die sich gleich zu Beginn anmelden, bekommen die ersten 90 Tage gratis. Danach kostet das Monatsabo 4,99 Dollar mit Werbung oder 7,99 Dollar in der werbefreien Version. Innerhalb des ersten Jahrs sollen insgesamt 175 verschiedene Formate mit 8.500 Episoden laufen. In den Startlöchern stehen Serien von und mit Steven Spielberg, Ridley Scott, Steven Soderbergh, Antoine Fuqua, Guillermo del Toro, Reese Witherspoon, Queen Latifah, Drake, Kiefer Sutherland, Kevin Hart, LeBron James, Tyra Banks, Trevor Noah, Diane Kruger, Laura Dern oder Lena Waithe.

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Die sogenannte "Turnstyle"-Technologie ermöglicht es Nutzern, jederzeit fließend zwischen horizontaler und vertikaler Videoansicht zu wechseln und dadurch je nach Inhalt unterschiedliche Perspektiven zu sehen. Anders als bei den meisten Shortform-Inhalten auf YouTube oder Snapchat zahlt Quibi weitaus höhere Budgets, bei manchen Serien über 100.000 Dollar pro Minute. Zum Vergleich: Eine Minute "The Walking Dead" kostet rund 85.000 Dollar, eine Minute "Westworld" um die 160.000 Dollar. Ungewöhnlich produzentenfreundlich ist zudem der Umgang mit den Rechten: Nach zwei Jahren können die Macher ihr komplettes Werk am Stück auch anderswo verkaufen, nach sieben Jahren fallen alle Rechte an sie zurück.

Der 69-jährige Katzenberg, der die chinesische Alibaba Group, alle großen Hollywood-Studios und einige Venture-Capital-Firmen als Investoren für Quibi gewonnen hat, kümmert sich vor allem um die Inhalte, während die 63-jährige Whitman rund 150 Millionen Euro an Werbeerlösen von Kunden wie Procter & Gamble, Walmart oder PepsiCo sowie eine Technologiepartnerschaft mit Google und eine Distributionsvereinbarung mit T-Mobile US an Land gezogen hat. Die amerikanischen Mobilfunkkunden der Telekom-Tochter – etwa 100 Millionen nach der Fusion mit Sprint – bekommen Quibi wie auch Netflix in höherwertigen Laufzeitverträgen ein Jahr lang kostenlos, ehe sie sich dann für eines der beiden Inklusiv-Abos entscheiden müssen. Analysten erwarten, dass Quibi allein auf diesem Weg zehn Millionen Abonnenten im ersten Jahr gewinnen könnte.

Damit das Unternehmen mittelfristig in die schwarzen Zahlen gelangt, braucht es freilich ein Vielfaches davon. Über ihren genauen Zeitplan für den internationalen Rollout außerhalb der USA sprechen Katzenberg und Whitman noch nicht. Vor Beginn der Corona-Krise war erwartet worden, dass er noch in diesem Jahr anlaufen soll. Nun sagte Katzenberg Ende März in einem "Deadline"-Interview immerhin: "Wir werden schnell lokalisieren. Das ist eine globale Plattform, wir haben globale Rechte, und so ist es von Anfang an konzipiert."

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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