Ich bin besonders © Vitamedia
Vox-Dokumentation "Ich bin besonders"

"Es gab Tage, da konnten wir die Kamera wieder einpacken"

 

60.000 Sendeminuten sind während des größten Fernsehprojekts zum Thema Down-Syndrom entstanden. Vier Stunden davon zeigt Vox am Wochenende im Rahmen einer Dokumentation. Für Produzent Sascha Gröhl lief vieles anders als erwartet.

von Alexander Krei
31.07.2020 - 15:02 Uhr

Sieben Jahre ist es her, als Kai Pflaume für seine leider viel zu selten ausgestrahlte ARD-Reihe "Zeig mir deine Welt" mehrere Menschen mit Down-Syndrom besuchte. Heraus kam damals ein herzerwärmender Film, der später sogar für den Grimme-Preis nominiert wurde. Das Thema, dem sich Vox an diesem Samstag widmet, ist also nicht neu. Und doch ist die Dokumentation "Ich bin besonders - Mein Leben mit dem Down-Syndrom" in mehrerlei Hinsicht besonders.

Da wäre etwa der Sendeplatz zu nennen: Vox versteckt den Film nicht irgendwo, sondern zeigt ihn zur besten Sendezeit. Bemerkenswert ist auch die Länge: Mehr als vier Stunden räumt Vox frei - das erlaubt es, die Oberflächlichkeit hinter sich zu lassen und die Menschen, um die es geht, wirklich kennen-, ja sogar ein Stück weit liebenzulernen. Der Sender selbst spricht vom "größten deutschen Fernsehprojekt zum Thema Down-Syndrom", denn nicht weniger als ein Jahr lang wurden neun Betroffene bei ihrer Entwicklung begleitet.

Sascha GröhlEntstanden sind über 60.000 Sendeminuten, die eine große Nähe erzeugen, die vom Kampf um den Regel-Kita-Platz erzählen, von Vorurteilen und von Stärke. Und die auch den Machern immer neue Überraschungen boten. "Im Grunde wussten wir vor kaum einem Drehtag, wie und ob er überhaupt stattfindet - und das ist gut so", sagt Sascha Gröhl (Foto) rückblickend. Gröhl ist Produzent und setzte das aufwendige Projekt mit seiner Kölner Firma Vitamedia um. "Menschen mit Down-Syndrom sind in ihrem Willen sehr klar und unmittelbar - ob sie dich mögen, ob sie mir dir heute drehen möchten."

All das weiß er heute nach unzähligen Stunden, die er und sein Team für die Dreharbeiten aufwendete. "Es gab Tage, da konnten wir die Kamera wieder einpacken und sind eben drei Stunden Trampolin gesprungen. Oder haben mit ihnen Fanta getrunken und Schafe gezählt." Der Vater einer Protagonistin habe das ganz gut auf den Punkt gebracht, erzählt Gröhl. "Sofie wird dir zeigen, was sie möchte", erklärte er. "Vielleicht nur mit lachen oder weinen, aber sie wird sich niemals verstellen." Das, so sagt der Produzent, sei "ein wahnsinniger Pluspunkt in unserer oftmals verlogenen Welt".

Es geht um Ethik und Moral

Irgendwann während der Dreharbeiten reifte bei allen Beteiligten die Erkenntnis, dass es hilfreich ist, das Tempo rauszunehmen. Dafür haben sie sich teilweise sogar direkt bei den Protagonisten einquartiert. "Unser Ziel war: Wir wollten keine vier Stunden 'Betroffenheitsfernsehen' produzieren, sondern den Mikrokosmos dieser Menschen für den Außenstehenden so nah wie möglich erlebbar machen. Jeder Zuschauer soll für sich die Frage beantworten können: wie ist dieses Leben mit Downsyndrom wirklich? Und für maximal authentisch gib es halt keinen Shortcut, dafür braucht es einfach Geduld."

Ich bin besonders

Dreharbeiten für "Ich bin besonders" auf Mallorca

Der Ursprung des Projekts liegt schon knapp zwei Jahre zurück. Damals sei Vox mit der Entwicklungsbitte auf seine Firma zugekommen. "Das fiel in die Zeit, als gerade politisch debattiert wurde, ob man den Bluttest zur Früherkennung Kassenleistung werden lässt", erinnert sich Sascha Gröhl. "Wir fanden heraus: in vielen Ländern, in denen dieser Test zur Kassenleistung wurde, kamen kaum noch Menschen mit Downsyndrom auf die Welt. Es war also recht schnell klar, dass dieses Thema etwas wirklich Existenzielles hat." Je intensiver man sich damit befasst, desto mehr stellt sich die Frage nach Moral und Ethik. "Für uns wurde das Thema in dem Moment zum absoluten Me-Topic", sagt der Produzent.

Danach tauchte Gröhl ein in eine Welt ohne soziale Normen oder Zwänge wie Scham. Ein Beispiel: "Wir waren mit einer betreuten Reisegruppe auf Mallorca unterwegs. Abends haben unsere Reisenden nach der obligatorischen Hotelaufführung die Bühne selbst gestürmt und mit Ausdruckstanz in Beschlag genommen - zur Verwunderung der anderen Gäste und des Hoteliers", erinnert er sich. "Oder als es an der vollbesetzten Playa de Palma heißt: umziehen, dann hat einer der Reisenden am Strand eben kurzerhand blank gezogen. Diejenigen, die schnell voller Scham Badetücher als Sichtschutz hochgezogen haben waren die Betreuer - anerzogene Scham als solche war den Reisenden fremd."

Das eigene Lebensglück nicht von der Bewertung anderer abhängig zu machen, habe ihn beeindruckt. Und mindestens so beeindruckend ist nun auch der Film geworden, der sich erstaunlich viel Zeit nimmt. Das ist leichter als es klingt, schließlich sei es eine Herausforderung gewesen, die Zapper genauso zu befrieden wie den Dauergucker, sagt Sascha Gröhl. Wer einmal drin ist, wird sich jedoch schnell treiben lassen von den Stars des Films. Möglich ist das, weil dieser keinem Drehbuch folgt. "Wir haben uns im Grunde ein Gerüst für vier Stunden und einen Plan gemacht - um den Plan dann zum Drehstart wieder zu vergessen und uns einfach auf das einzulassen, was uns diese Menschen vor der Kamera anbieten."

Vox zeigt "Ich bin besonders - Mein Leben mit dem Down-Syndrom" am Samstag um 20:15 Uhr.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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