Der Sonntagabend galt einmal als der am härsten umkämpfte Fernsehabend der Woche. Aus gutem Grund, denn an keinem Abend der Woche entscheiden sich mehr Menschen fürs Fernsehen als am Sonntag. Kein Wunder also, dass sich insbesondere die privaten Sender ins Zeug lange ins Zeug legten und ihre stärksten Spielfilme als Free-TV-Premieren ins Rennen schickten. Labels wie "Mega-Blockbuster" oder "Eventkino" geben noch immer einen Eindruck von den Ambitionen. 

Wer sich allerdings jüngst das fiktionale Sonntagabend-Programm von ProSieben oder RTL ansah, könnte Zweifel an besagten Ambitionen bekommen. Während RTL derzeit sonntags komplett auf Filme verzichtet und stattdessen einen Ableger der Parcours-Show "Ninja Warrior Germany" sendet, setzte ProSieben zuletzt auf "Glass" - ein mit James McAvoy, Bruce Willis und Samuel L. Jackson zweifellos prominent besetzter Thriller, aber eben bloß eine Wiederholung.

Dass ProSieben am Sonntagabend zur besten Sendezeit Wiederholungen sendet, ist längst keine Ausnahme mehr. Von elf Filmen, die der Privatsender in diesem Jahr auf dem Blockbuster-Sendeplatz ausstrahlte, liefen gerade einmal zwei in Erstausstrahlung. Und die erzielten auch noch schlechte Quoten: Weniger als sieben Prozent Marktanteil verzeichnete "After Passion" im Februar in der Zielgruppe, wenige Wochen später veharrte selbst "Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers" im einstelligen Bereich - eine echte Enttäuschung.

Doch es gibt Gründe für diese Entwicklung. Eine davon ist die Corona-Krise, die die Free-TV-Sender nun mit Blick auf den Filmnachschub noch einmal zu spüren bekommen. Weil Kinos monatelang geschlossen blieben und sich Neuerscheinungen in Grenzen hielten, fehlt es nun schlicht an Nachschub. "Die Corona-Pandemie hat die Zahl der neuen US-Blockbuster verringert. Das merkt man mit Zeitversatz auch in den Programmen von ProSieben und Sat.1", bestätigt Christoph Körfer, Sprecher beider Sender, gegenüber DWDL.de. "Auf den weniger gewordenen Sendeplätzen bleiben Blockbuster eine wichtige, wenn auch kleinere Säule im Programmschema."

Kaum Erstausstrahlungen am Oster-Wochenende

Selbst an Ostern hielten sich die Premieren in Grenzen. Einzig "Die Eiskönigin 2" und "Jojo Rabbit" liefen bei ProSieben und Sat.1 an den Feiertagen in Erstausstrahlung. RTL wiederum setzte am Oster-Wochenende neben "Ninja Warrior Germany Allstars" vor allem auf seine eigenproduzierte Serie "Der König von Palma". Großes Hollywood-Kino? Fehlanzeige, übrigens auch bei Vox, wo am Sonntag und Montag mit "Grill den Henssler" und "Die Höhle der Löwen" business as usual angesagt war.

RTL Eventkino © RTL
Doch auch weiterhin werde man den Zuschauerinnen und Zuschauern auch weiterhin Filmpremieren im Free-TV bieten", verspricht Silke Regier, EVP International Acquisitions bei RTL Deutschland, auf DWDL.de-Nachfrage. "Im Bereich internationaler Filme und Serien haben wir eine spannende Kooperation mit WarnerMedia geschlossen. Dadurch werden wir schon ab diesem Jahr unter anderem hochkarätige HBO-Max-Serien auf RTL+ haben. Der Deal umfasst zudem attraktive Filme für das Free-TV und RTL+." Dazu kommen deutsche Kinofilme von Constantin Film, die sich die Gruppe gesichert hat.

Doch klar ist eben auch: Der Stellenwert von Hollywood im deutschen Fernsehen wird geringer - auch, weil viele der großen Studios inzwischen verstärkt ihre eigenen Streamingdienste mit Inhalten versorgen wollen, was nicht zuletzt Kinobetreiber vor Herausforderungen stellt. Aber eben auch die Verantwortlichen von Fernsehsendern. Dazu kommt, dass offenkundig auch das Publikum nicht mehr so stark nach den Blockbustern giert wie noch vor einigen Jahren, als ProSieben mit Erstausstrahlungen am Sonntagabend im Schnitt Marktanteile von 15 Prozent und mehr bei den 14- bis 49-Jährigen verzeichnete. An die Marktführerschaft ist in diesem Timeslot kaum noch zu denken, weil der "Tatort" längst auch beim jungen Publikum den Spitzenplatz eingenommen hat. 

Besteht also die Sorge, dass nach den US-Serien auch die amerikanischen Spielfilme bei den großen deutschen Free-TV-Kanälen in der Bedeutungslosigkeit versinken? "Das ist kein neues Phänomen", heißt es hinter vorgehaltener Hand. Dennoch: "Spielfilme sind und bleiben ein wichtiger Bestandteil unseres Programms", so Silke Regier von RTL Deutschland. Letztlich betrachte man alles im Zusammenspiel von linearem TV und RTL+. "Deshalb bauen wir weiter unser Filmangebot im Streaming massiv aus und werden unseren Nutzerinnen und Nutzern dort zukünftig auch exklusive internationale und lokale Film-Highlights bieten."

Doch letztlich werden Eigenproduktionen wichtiger - in Köln, wie in Unterföhring, wo Blockbuster auf Branchenveranstaltungen wie den Screenforce Days schon seit einiger Zeit fast gar nicht mehr in den großen Programmtrailern vorkommen. "'Lokal, relevant und live' ist Kern unserer Contentstrategie", sagt ProSieben- und Sat.1-Sprecher Christoph Körfer und verweist auf Investitionen in in eigenproduzierte Inhalte, die man in den vergangenen Jahren "systematisch erhöht" habe. "Mit dem Ziel, unsere vermarktbare Reichweite auszubauen und unabhängiger von US-Fiction zu werden", so Körfer. "Beide Sender zeigen dieser Strategie folgend insbesondere in der Primetime weniger US-Fiction und somit auch weniger Blockbuster." Es ist Trend, der sich in Zukunft eher noch verstärken dürfte.