EXT. GIPFEL DES WATZMANNS – TAG
Dr. Martin Gruber erreicht den Unfallort und sieht den verletzten Skifahrer. Er geht schnell zu ihm und beginnt mit der Erstversorgung.

MARTIN: "Wir müssen Sie abseilen, um Sie ins Tal zu bringen. Ich werde Sie sichern und dann werden wir langsam abseilen."

SKIFAHRER: "Okay, ich vertraue Ihnen."

Martin und die Bergwacht-Mitglieder beginnen mit dem Abseilen. Es ist ein gefährlicher Prozess, aber Martin bleibt ruhig und fokussiert. Die Kamera schwenkt auf das malerische Bergpanorama, während die Szene endet.

Obwohl es so klingt, stammt die kurze, dramatische Drehbuch-Szene nicht von den Autoren des "Bergdoktors". ChatGPT hat sie auf Anweisung des Medienmagazins DWDL.de geschrieben, in nicht mal 30 Sekunden. Der Prompt dazu lautete schlicht: Schreibe eine Szene für "Der Bergdoktor", in der Martin Gruber zu einem Notfall in den Bergen gerufen wird! Weitere Erläuterungen waren nicht vonnöten, denn die künstliche Intelligenz aus San Francisco kennt den deutschen TV-Klassiker.

Wäre dies mehr als ein beiläufiges Experiment, ließe sich das Ergebnis mit Nachfragen und weiterführenden Prompts verfeinern. Man könnte den Chatbot darauf trimmen, wahlweise mehr Action, mehr Gefühl oder einen menschlichen Konflikt in die Szene zu bringen. Wie man solche Kommandos am besten einsetzt, um tatsächlich verfilmbare Dialoge zu erhalten, kann man bei Taç Romey lernen. Der Professor für Serielles Erzählen an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) gibt seit Monaten einen Workshop nach dem anderen, beworben von einem niedlichen Zeichentrick-Roboter mit Bleistift in der Hand und dem Versprechen "I'm Your Staff Writer". Alle sind bis auf den letzten Platz ausgebucht, weshalb schon Termine bis in die zweite Jahreshälfte feststehen. Die meisten Produktionsfirmen, die mit Fiction zu tun haben, schicken Producer und Autoren, wollen aber nicht, dass Romey Namen nennt. Als die HFF im Herbst zum KI-Seminar mit Produzenten lud und Fotos davon postete, verbargen einige Teilnehmer ihre Gesichter.

Nico Hofmann - Einer von hier © SWR "Teilweise irrational": Laut Nico Hofmann fehlt KI das Gespür
Das Interesse ist riesig, aber noch will sich keiner beim Flirt mit dem vermeintlichen Autoren-Killer erwischen lassen. Offiziell gilt die Marschrichtung, die UFA-Boss Nico Hofmann vergangene Woche im Interview mit dem Magazin "Focus" vertrat: "Nie", antwortete er auf die Frage, wann KI die ersten Drehbücher schreibe. Und weiter: "KI wird die Arbeit von kreativen Drehbuchschreibenden nicht ersetzen können. Kreative Prozesse sind so vielschichtig und teilweise auch irrational, da braucht es ein feines Gespür für Zwischenmenschliches, das keine Maschine leisten kann." In Hollywood sind die Autoren derweil längst einen Schritt weiter. Die Writers Guild, die ohnehin mit großen Schritten auf einen Streik ihrer rund 11.000 Mitglieder zuläuft, hat gerade einen Regelkatalog vorgelegt, mit dem sie den befürchteten Einsatz von KI weitgehend bannen will. Demnach dürfte KI nicht als Quellenmaterial für Drehbücher verwendet oder mit urheberrechtlich geschütztem Material gefüttert werden, Studios dürften Autoren nicht mit der Bearbeitung von KI-erzeugten Texten beauftragen. Denn: "Es bleibt festzuhalten, dass KI nichts erschafft. Sie erzeugt nur einen Rückfluss dessen, was ihr vorgesetzt wird."

 

Es bleibt festzuhalten, dass KI nichts erschafft. Sie erzeugt nur einen Rückfluss dessen, was ihr vorgesetzt wird.
Statement der Writers Guild of America West

 

Romey, neben seinem Lehrstuhl auch als Autor und Produzent tätig, hält es da eher mit gesundem Pragmatismus. Zielgerichtete Unterstützung durch KI-Systeme könne dabei helfen, "deutlich schneller in der Entwicklung" zu werden, sagt der gebürtige Amerikaner. "Ich glaube, das wird schon bald ein selbstverständliches Tool wie Google. Wer KI auf Dauer nicht nutzt, wird irgendwann ein Problem bekommen, weil er langsamer als die anderen ist." An der Hochschule und in seinen Workshops hat Romey nicht nur das eigentliche Drehbuchschreiben mithilfe von ChatGPT oder der deutschen Alternative Neuroflash frühzeitig erprobt, sondern auch das Gestalten von Exposés und Pitch Decks, die man in der Regel braucht, um eine Serienidee überhaupt erst zu verkaufen. Hier kann beispielsweise das auf Bilderstellung spezialisierte KI-System DALL-E unterstützen, das wie ChatGPT von dem kalifornischen Unternehmen OpenAI stammt und automatisch die passenden Illustrationsvorschläge zur Seriensynopse liefert.

Prof. Taç Romey © HFF München/Robert Pupeter "Tool wie Google": Taç Romey setzt auf kreative KI-Unterstützung
Das Bild vom Bot als Staff Writer – einem weisungsgebundenen Mitautor also, der dem Creator oder Showrunner zuliefert – hat der Drehbuch-Professor ganz bewusst gewählt, weil es absehbar die sinnvollste Einsatzmöglichkeit im kreativen Prozess darstellt. "Wenn wir die Kreativität in einem Writers’ Room als Summe all dessen definieren, was die Autorinnen und Autoren zuvor wahrgenommen und erlebt haben, dann kann die KI durchaus kreativ sein oder uns zumindet signifikant in unserer Kreativität unterstützen", so Romey. "Ein Showrunner oder Headwriter übernimmt ja auch nicht jeden Vorschlag eines Staff Writers eins zu eins ins finale Drehbuch. Insofern macht es Sinn, die KI als eine Art zusätzlichen Staff Writer zu begreifen."

 

Anspruchsvolle Serien und Filme haben eine solche schöpferische Tiefe, dass keine KI das auf absehbare Zeit allein hinkriegen wird.
Taç Romey, Professor für Serielles Erzählen an der HFF München

 

Gut möglich, dass infolgedessen die Hürde sinkt, einen Film oder eine Serie zu entwickeln. KI ermögliche "mehr Leuten, kreativ zu werden", glaubt Medien.Bayern-Geschäftsführerin Lina Timm. "Indem es mithilft, die leere Seite zu füllen oder das Bild zu malen." Man dürfe sich nun fragen: "Wofür brauchst du Inspiration, einen ersten Entwurf, eine Vorlage, die du dann verfeinern kannst? Gerade für die Medienbranche liegt hier ein Schatz, den wir heben können." Noch brauchen ChatGPT & Co. in der Tat einiges an Verfeinerung. Bei einem Test des "Hollywood Reporter", der den Chatbot unlängst mit typischen Film-Pitches à la "Fast and the Furious" meets "Independence Day" oder "The Hangover" meets "La La Land" fütterte und daraus Loglines für neue Stoffe schreiben ließ, kamen überwiegend "viel zu wörtliche Kopien" und "nichtssagende Füllsätze" heraus. Romey wiederum hat bei seinen Versuchen bemerkt, dass die KI einen gewissen Drall in Richtung Happy End aufweist und sich mit komplexerer psychologischer Dramaturgie noch schwertut.

Die Entwicklung geht freilich rasant weiter. Allein mit dem Mitte März erfolgten Update von GPT-3.5 auf GPT-4 hat OpenAI die Datenmenge seines sogenannten Large Language Models (LLM) hinter ChatGPT vervielfacht. Weite Teile des Internets mit seinen über Jahrzehnte angesammelten digitalen Texten fließen hier ein und speisen eine Art neuronales Netzwerk, das mit jeder weiteren Verknüpfung ein bisschen mehr lernt. OpenAI wirbt damit, dass GPT-4 – anders als sein Vorläufer vorerst nur für 20 Dollar pro Monat nutzbar – bei Aufgaben glänze, die "fortgeschrittenes logisches Denken, komplexes Verständnis von Anweisungen und mehr Kreativität erfordern".

Nicht auszuschließen also, dass der Unterschied zum menschlichen Staff Writer gerade bei Serien aus der Kategorie Gebrauchsfernsehen – ohne allzu komplexe Erzählstruktur – bald immer weniger ins Gewicht fällt. Die Angst, dass Drehbuchautoren ihren Job an eine KI verlieren könnten, hält Taç Romey dennoch für unbegründet: "Gute, anspruchsvolle Serien und Filme haben eine solche schöpferische Tiefe, dass keine KI das auf absehbare Zeit allein hinkriegen wird. Eine wirklich emotionale Figurenentwicklung entsteht nicht ohne menschliches Zutun." Am Ende des "Bergdoktor"-Experiments haben wir darum noch einmal nachgefragt: Geht das auch etwas emotionaler? "Natürlich, gerne!", hat ChatGPT geantwortet und die Szene am Gipfel des Watzmanns leicht variiert:

Während Martin damit beginnt, das Bein des Skifahrers zu stabilisieren, fängt dieser plötzlich an zu weinen.

SKIFAHRER (weinend): "Ich dachte, ich sterbe hier oben. Ich habe solche Angst."

MARTIN (tröstend): "Hey, schau mich an. Du wirst hier nicht sterben. Ich bin bei dir und wir werden das gemeinsam durchstehen."

Die Kamera schwenkt auf das malerische Bergpanorama, während die Szene endet.