Welche Show-Besetzung hat diese Woche für viel Aufmerksamkeit gesorgt?
Bill und Tom Kaulitz übernehmen im ZDF die nächste Ausgabe von „Wetten, dass..?“ – einmalig am 5. Dezember 2026, live aus Halle (Saale). Und sofort rasten alle aus, viele negativ. Ich hingegen merke, ich fühle dabei vor allem eine gewisse Dankbarkeit. Nicht, weil das ZDF sich hier „nur“ ein Programm warmhält (legitim wäre es allemal), sondern weil dieses Format, wenn der Relaunch gelingt, tatsächlich wieder etwas kann, was selten geworden ist: Gemeinschaft erzeugen. Dieses nostalgische „TV-Lagerfeuer“ hat nach Gottschalks Rückkehr im November 2021 ja erstaunlich gut funktioniert und wurde danach sogar 2022 und 2023 als jährliche Ausgabe fortgeschrieben. Das Risiko der Kaulitz-Nummer? Für mich überschaubar. Eine einmalige Ausgabe ist eher ein Testballon als ein Jahrhundert-Commitment. Und wer glaubt, „Wetten, dass..?“ sei durch Fehlbesetzungen wirklich zu töten, hat Markus Lanz und Wolfgang Lippert offenbar verdrängt. Die Show ist eher die sprichwörtliche Katze mit sieben Leben als eine filigrane Porzellanfigur, erstaunlich robust, selbst wenn man sie mal ungünstig anfasst. Gleichzeitig garantieren die Zwillinge genau das, was man am Samstagabend inzwischen dringend braucht: Polarisierung, Talk-of-Town, Unterhaltungs-Kompetenz als Rampensäue = Einschaltimpuls bei Fans und Hatern gleichermaßen.
Die eigentliche Herausforderung liegt woanders. Nicht im Ob, sondern im Wie. Das Kaulitz-Prinzip ist bislang Real Life. Spontan, authentisch, geschwisterlich, Podcast-Tempo, Netflix-Doku-Nähe. „Wetten, dass..?“ dagegen ist ein in die Jahre gekommenes Dickschiff aus Rampenwegen, Couch-Momenten, Wetten-Dramaturgie und Live-Rhythmus. Wenn das zusammengehen soll, müssen Bill und Tom eine klare Aufgabenteilung finden, so ein „Joko & Klaas“-Prinzip, nur eben anders. Klingt einfach, ist es aber nicht. Das erfordert Lernbereitschaft und Fleiß auf allen Seiten. Und ehrlich gesagt: vor allem viel produzentische Arbeit, damit aus Spontaneität nicht Beliebigkeit oder gar Peinlichkeit wird. Ich wünsche allen Beteiligten aufrichtig viel Erfolg. Denn wenn dieses Experiment funktioniert, gewinnt nicht nur das ZDF, sondern ein bisschen auch dieses Land, das gerade dringend ein paar weitere, eskapistische Abende vertragen könnte, über die man am nächsten Morgen noch spricht. Das Talent, den Respekt und die Ambition dazu haben die Zwillinge zweifellos. Und die richtige Haltung auch. Tom: „(…) wir sind mutig und wollen einfach den größtmöglichen Spaß haben – so wie bei allen Dingen, die wir machen!“ Richtig so.
Was, wenn Banijay und All3Media wirklich zusammengehen?
Die Faktenlage ist dünn, aber ernst zu nehmen. Banijay hat bestätigt, dass man Gespräche über eine mögliche Kombination mit All3Media (RedBird IMI) führt, ohne Abschlussgarantie. Spekulationen über einen Zusammenschluss der Produktionsgeschäfte und die Idee, dass RedBird IMI - ein Joint Venture der US-amerikanischen RedBird Capital Partners und der Abu-Dhabi-Investmentgesellschaft International Media Investments (IMI) - als kleinerer Partner womöglich Cash in eine neue Struktur einbringen könnte ergänzen die Fakten. Im Raum steht somit ein europäischer “Super-Indie” mit kombiniert rund 5,7 Milliarden Euro Umsatz (2024). Groß genug, um in einer Welt selektiver Budgets weiter am Tisch zu sitzen, und nicht auf der Speisekarte zu landen (danke an Premier Mark Carney für die Metapher). Die Annahme dahinter ist ist auch hier wieder auf den ersten Blick simpel (ich erinnere an meinen Jahresrückblick 2025): „Scale ist sexy.“ Streamer kaufen härter ein, Sender planen vorsichtiger, und wer “nur produziert”, wird schneller austauschbar. Wer aber IP, Labels, Vertrieb und Paketfähigkeit bündelt, kann wie ein kompletter Spieler auftreten. Der Merger würde aus meiner Sicht für beide Seiten tatsächlich strategisch verdächtig gut passen. Banijay bekäme mit All3Media noch mehr Premium-Scripted-DNA, UK-Wucht und zusätzliche IP-/Vertriebspower, also genau das Material, aus dem man die nächste Ausbaustufe der eigenen Wachstumsmaschine baut. RedBird IMI wiederum würde All3Media vom bislang gut geparkten Asset zur skalierbaren Plattform hochziehen, mit Banijay als industriellem Motor, der Pipeline, Labels und Verhandlungsgewicht gleich mitliefert.
Für Deutschland ist in der Konsequenz als Arbeitsthese wohl ein Holding-Overlay am plausibelsten. Die Labels bleiben sichtbar, aber oben drüber wird nachgezogen. Zentrales Dach, Key-Accounts, gemeinsame Services, standardisierte Greenlights. Keine große Abrissbirne, eher ein neues Machtzentrum mit klareren Regeln. Und ja, das vorhandene Banijay-Deutschland-Setup wäre dafür ein natürlicher Anker. Bei solchen Deals gilt zuverlässig: Es gibt Gewinner und Verlierer. Meist nicht nach Talent, sondern nach Nähe zum stärkeren Fusionspartner. Was deutsche Töchter beider Unternehmen jetzt tun können, um zu den Gewinnern zu zählen, wenn es so käme?: Ihren USP brutal schärfen (“Wir sind #1 in X”, nicht “wir können alles”), IP-Pipeline beweisen (exportfähig, wiederholbar, format-ready), Key-Talente binden (Deals, Anteile, kreative Autonomie), eine Synergie-Story liefern: Warum sind wir kein Kostenblock, sondern ein Werttreiber? Und Sender-/Streamer-Kontakte absichern. Nicht nur über den Konzern, sondern über Menschen. Fusionen werden immer als Wachstum erzählt. Umgesetzt werden sie dann später als Organigramm-Frage. Und wer da vorher nicht klar macht, wofür er unersetzlich ist, wird hinterher sehr effizient „harmonisiert.“
Welches Experiment wird möglicherweise unterschätzt?
TikTok hat still und leise etwas gestartet, das auf den ersten Blick wirkt wie eine weitere App im ByteDance-Universum, und auf den zweiten Blick wie eine Kampfansage an ein ganzes Geschäftsmodell: PineDrama. Das Ding ist im Kern TikTok, aber nur mit Fiction. Ein endloser Vertical-Feed, in dem jede Kachel eine Mini-Episode ist, meist um die eine Minute, konsequent auf Cliffhanger getrimmt. Aktuell (Launch in den USA und Brasilien) sogar gratis und werbefrei. TikTok will damit nicht einfach „auch Microdrama“ machen. TikTok will sehr offensichtlich den Ort besitzen, an dem Microdrama stattfindet. Bislang war TikTok für Platzhirsch-Plattformen wie ReelShort, DramaBox u.a. vor allem der größte Trailer-Bildschirm der Welt. Ein paar Sekunden Wolfsmillionär, heiße Erbin, falsche Identität – zack, Download-Link, Paywall, Coins, Subscription. Fertig ist der Binge. Denn so funktioniert das Geschäftsmodell dieser Microdrama-Anbieter meistens. Die ersten Episoden sind kostenlos, dann kommt die Bezahlschranke, oft als Coins / Pay-per-Episode, manchmal als Abo. Die Mechanik ist nicht elegant, aber brutal effektiv. Maximaler Hook, maximaler Druck, maximaler Umsatz pro Minute. Jetzt kommt TikTok und sagt sinngemäß: „Danke für den Kategorienaufbau, wir übernehmen ab hier.“ Und wenn PineDrama erfolgreich wird, wird es für die bisherigen Plattformen eng. Nicht weil TikTok plötzlich bessere Drehbücher schreibt. Sondern weil TikTok an der Stelle angreift, an der jede Microdrama-App am verwundbarsten ist: Distribution und Akquisekosten. Die große Lüge im Microdrama-Boom lautet: „Das wächst organisch.“ Tut es nicht. Das wächst, weil jemand sehr viel Geld in sehr viele Ads steckt. Und weil TikTok bisher der perfekte Motor war, um diese Ads auszuspielen. Wer die Distribution kontrolliert, kontrolliert die Kategorie. Und TikTok kontrolliert nicht nur die Distribution, TikTok ist die Distribution.
Damit sind wir bei den berühmten „unfair advantages.“ TikTok hat gleich mehrere davon, und jede einzelne ist für einen Standalone-Player ein Albtraum. Erstens: TikTok hat den günstigsten User Acquisition Kanal der Welt, nämlich sich selbst. Zweitens: TikTok hat den Algorithmus, der Cliffhanger liebt, denn Microdrama ist im Prinzip eine algorithmische Disziplin. Drittens: TikTok hat das Login, die Oberfläche und die Gewohnheit schon. PineDrama muss nicht erst erklären, wie man swipet. Der Daumen ist trainiert. Die User sind da. Viertens: TikTok kann den Preis definieren, nicht nur den Content. Wenn PineDrama am Anfang gratis bleibt (und alles spricht dafür, dass TikTok erst Habit baut und dann monetarisiert), dann wirken ReelShort, DramaBox und Co. im Vergleich plötzlich unverhältnismäßig teuer. Wenn PineDrama also funktioniert - und ich glaube, das wird es - ist das aber nicht das Endprodukt. Es ist ein weiteres Bauteil auf dem Weg zum gigantischen, einen Entertainment-Betriebssystem, zur perfekten Zwischenzeit-Maschine. Nicht mehr nur Social Video, sondern TikTok als die Default-App für Freizeit. Clips, Live, Musik, Games, Shopping. Und jetzt eben auch Storytelling.
Welche Vereinbarung lässt aufhorchen?
Die BBC steht kurz vor einem Deal mit YouTube. Und zwar nicht im Sinne von „wir laden unsere alten TV-Schätzchen auch mal hoch“, das gibt es schon lange, sondern als echter Paradigmenwechsel. Die Briten wollen erstmals maßgeschneiderte Kurz- und Langformate speziell für YouTube in Auftrag geben. YouTube-first also. Später sollen die Programme dann auch auf BBC iPlayer und BBC Sounds landen. Und außerhalb des UK wird’s für die BBC sogar richtig interessant. Dort kann sie über Werbung Zusatzumsätze mitnehmen. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Im Dezember 2025 hat YouTube im UK erstmals mehr Menschen erreicht als die BBC. 52 Millionen gegen 51 Millionen über alle BBC-Kanäle hinweg laut BARB (der britischen AGF). Das ist nicht nur eine Zahl, das ist ein kulturelles Beben. Und die Regulierungsbehörde Ofcom hat in diese Richtung zuletzt auch noch freundlich nachgetreten. Öffentlich-rechtliche Sender müssten mehr Inhalte für YouTube produzieren, um bei jungen Zielgruppen relevant zu bleiben. Übersetzt: „Wenn ihr dort nicht stattfindet, findet ihr nicht statt.“ Die Reaktionen auf den Schritt schwanken nun zwischen „endlich angekommen in der Realität“ und „willkommen in der Slopifizierung.“ Öffentlich-rechtlicher Rundfunk war nie nur Reichweitenmaschine. Er war Absicht, nicht bloß Output. BBC-Inhalte sollten unterhalten, bilden und dem Land den Spiegel vorhalten. Selbst wenn der Content stark bleibt, könnten die öffentlich-rechtlichen Werte in der Logik von Thumbnails, Watchtime und Autoplay verdunsten. Auf der anderen Seite gibt es die nüchterne Sicht. Das ist keine Kapitulation, das ist Überleben. Die strategische Frage ist nicht mehr ob man dort stattfindet, sondern wie. Dazu kommt der finanzielle Hintergrund. Die BBC steht unter Druck, verlor Berichten zufolge rund 1,1 Milliarden Pfund an Lizenzgebühren-Einnahmen. Ein Deal, der international Werbeerlöse hebelt, wirkt da wie ein zusätzlicher Sauerstoffschlauch. Am Ende reflektiert der Deal die große, alte Spannung der Medienwelt in einer neuen, sehr modernen Form. Wie bewahrst du öffentlich-rechtliche Werte und erreichst zugleich Menschen dort, wo sie wirklich sind? Die BBC versucht jetzt, beides gleichzeitig zu sein: Kulturinstitution und Creator-Channel. Man darf auf die Inhalte gespannt sein.
Und welchen Hire fand ich diese Woche smart?
Der Textil-Dino Gap baut eine neue C-Level-Rolle und holt Pam Kaufman (ex-Paramount Consumer Products & Experiences) als erste Chief Entertainment Officer, nicht als Teil des Marketing, sondern direkt beim CEO angesiedelt. Dazu ein Gap-Office am Sunset Boulevard in L.A., weil man nicht nur über Hollywood reden, sondern dort Deals machen will. Was nun kommen soll nennt man „Fashiontainment“: Entertainment, Content und Licensing aus einer Hand. Über Musik, TV/Film, Sport, Gaming, Collabs und Consumer Products. Gap will also nicht mehr bloß Highlight- Kampagnen fahren, sondern kulturelle Momente produzieren und daraus wiederholbar Umsatz ableiten.
Klingt erst einmal gut. Aber wann ergibt das eigentlich Sinn? Aus meiner Sicht, wenn du (1) eine ikonische Marken-DNA hast (Check), (2) Relevanz zurückgewinnen musst (Check), und (3) die Story bis ins Produkt, Drops, Stores und Licensing verlängern kannst (Check). Das könnte also klappen. Muss aber auch erst einmal gut gemacht sein (fünf Euro ins Phrasenschwein, ich weiß). Und was ist daran wirklich neu? Nicht, dass Gap Popkultur nicht kann, die Marke war schon in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal „MTV in Khakis“ (aber auch MTV gibt es halt nicht mehr). Neu ist die Struktur und der Anspruch. Entertainment nicht als hübscher Spot, sondern als Infrastruktur mit eigener Führung, LA-Footprint und einer Chefin, die etwas von Entertainment und nicht unbedingt etwas von Retail-Marketing versteht. Das wird sicherlich ein spannender, unternehmenskultureller Prozess. Gap will nicht mehr nur Kleidung verkaufen, sondern wieder ein Ereignis sein. Warum kann das clever sein? Nun, weil Entertainment dazu zwei Dinge liefern kann, die klassische Werbung immer weniger zuverlässig schafft: „Earned Attention“ (Kultur statt Media-Budget) und Wiederholbarkeit (nicht ein viraler Lucky Punch, sondern ein Programm). Wie immer wünsche ich gutes Gelingen.
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