Druck, Formelzeichen p, beschreibt die flächenverteilende Kraft auf Körper unterschiedlicher Aggregatszustände. Physikalisch beträgt er ein Pascal, sobald ein Newton senkrecht auf einen Quadratmeter wirkt. Popkulturell lautet die Gleichung daher: Wenn ein Musikbusiness senkrecht auf eine Künstlerin wirkt, beträgt der Druck eine Barbara Schirin Davidavičius, Formelzeichen: Shirin David. Eine megatonnenschwere Last, der Normalsterbliche keine elf Sekunden, geschweige denn elf Jahre standhielten.

Ungefähr so lange ist Deutschlands populärste Rapperin bereits im knüppelharten HipHopBiz tätig. Und welcher Druck dort auf ihr lastet, lernen wir ab Freitag in der geheimnisumwitterten Netflix-Doku „Barbara – Becoming Shirin David“. Anders als im Streamingzeitalter üblich, ist sie nicht drei bis acht halbe Stunden lang, sondern kompakte 90 Minuten. Auch in denen aber fällt der strapaziöse Begriff geschätzte fünfzigmal. Und das hat Methode.

Denn Starporträts sind häufig Gefälligkeitsgutachten, in denen Starporträtierte karriere- und kontostandfördernde Langzeitziele verfolgen. Besonders Prime Video filmt Berichtsobjekten gern mal nach dem Mund. „Unzensiert“ zum Beispiel sollte 2021 „Bushido’s Wahrheit“ zeigen, war aber bloß ein Dauerwerbespot fürs neue Album. Bei „Bild.Macht.Deutschland?“ steckte Amazon ein Jahr zuvor noch tiefer im Anus des misogynen Verschwörungsberserkers Julian Reichelt. Und wenn Click-Milliardäre wie Taylor Swift oder Cristiano Ronaldo dokumentarische Audienz gewähren, hat jeder Drehvertrag Lutherbibel-Ausmaße.

Der Deal: Etwas Privates für reichlich PR. Den hat auch Shirin David gemacht, die am 11. April 1995 als Barbara Schirin Davidavičius in Hamburg geboren und von ihrer vergötterten Tiger Mom Erika auf Leistung gedrillt wurde. Klavierstunden, Tanzkurse, Schauspiel- und Ballettunterricht: die kleine Babsie war von klein auf eher Projekt als Tochter und damit frühzeitig dem Druck ausgesetzt, der bis heute auf ihr lastet. Wie schwer, erzählt sie Michael Schmitt in vertraulicher, aber stets marketingbewusster Offenheit.

Nach seiner hedonistischen Lustreise mit den Gebrüdern „Kaulitz & Kaulitz“ auf gleichem Portal, hat sich der Regisseur fünf Monate zu Shirin David auf die Couch gesetzt. Und zwar ebenso buchstäblich wie metaphorisch. Denn 22 Wochen in Vorbereitung auf ihre Arena Tour 2025 erweisen sich bei Netflix als 153-tägiger Rasierklingenritt zwischen Kontrollsucht und Kontrollverlusten, Perfektionismus und Versagensängsten, Größenwahn und Unsicherheiten, Empowerment und Fremdbestimmung. Alles unfreiwillig vereint im vielleicht ambivalentesten Superstar seit – denken wir mal so groß wie Shirin David: Elvis Presley.

Denn den größten Druck üben weder Branche noch Label, geschweige denn ihre hingebungsvollen Fans aus. Den größten Druck macht sie sich schon selbst und eine Existenz im Rampenlicht damit übergewichtig, die eigentlich federleicht sein könnte. So sieht es auch Taban Jafari. Der Berg von einem Manager ist Herz und Hirn eines Starporträts, das wie jedes seiner Art den Keim gescripteter Reality enthält – wäre da nicht Davids väterlicher Freund und Mentor. Wenn er ihre autoaggressive Selbstkritik mit „du musst aufhören, immer alles hundertmal zu durchdenken“ kommentiert, fühlen sich Barbara und „Barbara“ echt an.

Der Titelfigur dagegen meint man in jeder Sekunde anzumerken, wie bewusst sie sich der laufenden Kamera ist. Der Beeinflussung einer Versuchsanordnung durch die Versuchsanordnung selbst, Heisenbergsche Unschärferelation genannt, ist halt kaum zu entgehen. Shirin David aber versucht es gar nicht erst. Wenn die deutsche Tochter einer alleinerziehenden Litauerin über fehlende Vaterfiguren spricht, jugendliches Mobbing, das lebenslange Judging meist männlicher Internet-Trolle, sind ihre Tränen glaubhaft. Beim Wegwischen aber achtet sie pedantisch aufs Make-up, als folge ihre Traurigkeit einer Regieanweisung.

Das zu beobachten, ist so anziehend wie abstoßend, originell und suggestiv. Doch der preisgekrönte Autor Schmitt montiert seinen Streifzug durch drei Jahrzehnte im Scheinwerferkegel mit einer spielerischen Virtuosität, bis „Barbara“ zur Tiefenanalyse unserer Aufmerksamkeitsökonomie virtueller Prägung taugt. Und das ist auch nötig. Denn so wenig man den Verdacht loswird, Barbara Schirin Davidavičius sei die eigentliche Regisseurin ihrer angeblichen Fremdbetrachtung, ändert er wenig daran, wer oder was Shirin David wirklich ist.

„Die erste Künstlerin“ nämlich, der Jafari zufolge „eine Transformation von YouTube zu ‘ner erfolgreichen Musikerin“ gelungen ist. Ein weibliches Alphatier, das den Männerzirkus HipHop nicht nur betreten, sondern zertrampelt hat. Eine Selbstdarstellerin, die fürs Empowerment der Generationen Y bis Alpha mehr leistet als die Generationen X bis Schwarzer zusammen. Eine Lipstick-Feministin also, der man ihre Emanzipation vor lauter Schönheitsoperationen und Schminke zwar nicht ansieht, ihn aber gerade deshalb so nachhaltig ins Unterbewusstsein hämmert.

David rappt mit Schwulenhassern und Schwurblern. Ihr Körperbild ist patriarchal und der Pelz darüber echt. Sie vermarktet Tee in Dosen, singt mit Helene Fischer, fördert frauenfeindliche Codes, ist also vieles außer politisch korrekt, aber alles in einer verbissenen Weise selbstbestimmt, die man am Ende der Doku bei aller Starporträt-Manipulation besser versteht. Und zwar spätestens, wenn sie durch die Augen und Worte ihrer G-Unit genannten Kernzielgruppe zu Tränen rührt. „Girls und Gays“, sagt Shirin, „die auch Stärke brauchen, Akzeptanz und Liebe und Selbstbewusstsein“. Das, fügt Barbara hinzu, „beschreibt mich auch ganz gut“. Und den Druck, der auf ihr lastet.

"Barbara - Becoming Shirin David" steht ab Freitag, 13. März bei Netflix zum Streamen bereit.