Was wollte ich zunächst nicht glauben, als ich davon hörte?

Dass ein kleines Shock-Game namens „Five Nights at Epstein’s“ nicht nur auf Itch.io, einer offenen Plattform für Indie-Games, existiert, sondern zuletzt auch noch an US-Schulen und Campuses viral ging (NB: auf Schulcomputern). Das Spiel selbst ist eine geschmacklose „Five Nights at Freddie’s“-Parodie. Statt Animatronics zu entkommen, spielt man laut der Itch.io-Beschreibung ein entführtes Kind auf Epsteins berüchtigter Insel, beobachtet Kameras, hält die Stromversorgung am Laufen und versucht bis sechs Uhr morgens zu überleben. Bloomberg berichtete Ende März, das Spiel breite sich in Klassenzimmern aus. WRAL, ein lokaler Nachrichtensender aus North Carolina, meldete sogar Reaktionen von Schulbehörden.

Die Geschwindigkeit, mit der aus einem obskuren Internet-Witz ein virales Campus-Phänomen wird, ist dabei atemberaubend. Der Titel erklärt den Tabubruch in einer Sekunde, die bekannte FNAF-Mechanik macht ihn sofort verständlich und spielbar, und die offene Plattformlogik von Itch.io sorgt dafür, dass solche Projekte ohne große Hürden online, kopierbar und teilbar sind. Itch.io ist bekannt dafür, dass dort Entwickler mit sehr niedrigen Zugangshürden schnell und ohne starke kuratorische Kontrolle Spiele veröffentlichen können. Was zum einen kreative Experimente erleichtert, aber eben auch provokante oder fragwürdige Inhalte rasch verbreitbar macht. Das sagt leider einiges aus über den Internet-Humor 2026. Es geht scheinbar nur noch um Reaktionsmaximierung. Man spielt so etwas nicht unbedingt, weil es gut ist, sondern weil es schockiert, weitererzählbar ist und im Feed funktioniert. FNAE ist damit ein ziemlich präzises Symptom für eine Plattformkultur, in der Zynismus, Tabubruch und virale Verbreitung perfekt ineinandergreifen.

Was kommt als nächstes? Ein Jeffrey-Dahmer-Horrorgame oder, schlimmer noch, ein KZ-Spiel? Spätestens dann ginge es nicht mehr um Zynismus, sondern nur noch um die Frage, ob es im Plattformzeitalter überhaupt noch ein Tabu gibt, das nicht in Content verwandelt wird. Ich finde das sehr bedenklich. Als Vater und Medienkritiker gleichermaßen.

Was hat mich ebenfalls stutzig gemacht?

Dass Hollywood sich nun auch noch einreden lassen soll, Kreativität, Marktpotenzial und kulturelle Relevanz ließen sich per KI-Score verlässlich vermessen. Die neue Plattform Quilty analysiert Drehbücher, vergibt einen Wert zwischen 0 und 100 und verspricht, aus Story, kommerzieller Tragfähigkeit, kultureller Resonanz und Produktionsrealität eine Art Orientierungssystem für den Development-Prozess zu machen. Das klingt zunächst einmal deswegen interessant, weil hier nicht die nächste Maschine präsentiert wird, die angeblich gleich ganze Filme schreiben kann. Tatsächlich ist der Anspruch aber womöglich noch anmaßender. Denn Quilty behauptet im Kern, aus den notorisch unsicheren, subjektiven und oft genug irrationalen Entscheidungen der Stoffentwicklung ein belastbar prognostizierbares System machen zu können. Die lang ersehnte Hit-Garantie sozusagen.

Genau daran darf man sehr zweifeln. Denn Entertainment funktioniert nun mal nicht wie etwa die Pharma-Industrie, wo jahrelanges Forschen und Studien die Wirksamkeit eines Medikaments belegen können. Bislang gibt es naturgemäß keinerlei belastbare Evidenz dafür, dass Quilty-Scores bessere Entscheidungen hervorbringen, Flops zuverlässiger vermeiden oder den Development-Prozess tatsächlich effizienter machen. Ich befürchte das Gegenteil. Dass eine ohnehin vorsichtige und risikoaverse Branche ihre Unsicherheit künftig nur mit noch mehr Pseudogenauigkeit tarnt. Hollywood hatte noch nie ein Datenproblem. Es hat ein Mutproblem. Quilty könnte beides nur noch schwerer voneinander unterscheidbar machen. Erste Reaktionen auf die Ankündigung schwanken zwischen Neugier / Pragmatismus (Quilty könnte für Autoren ohne Netzwerk ein günstiger Zugang zu professionell wirkender Coverage und Markteinordnung sein) und Skepsis gegenüber der Algorithmisierung von Geschmack. Instinkt, Erfahrung und künstlerisches Urteil sind menschliche Qualitäten. Und ich frage mich schon, ob die Drehbücher von „Everything Everywhere All at Once“ oder „Sinners“ ein Greenlight bei Quilty bekommen hätten.

Wenn selbst die Marktplätze der Branche wackeln, wie gesund ist dann noch das Geschäft, das dort gemacht werden soll?

Was ist passiert? Das kanadische B2B-Medien- und Eventunternehmen Brunico streicht ab 2027 die US-Events NATPE Global, Kidscreen Summit und Realscreen Summit. NATPE Budapest wurde bereits letztes Jahr für 2026 abgesagt beziehungsweise offiziell „pausiert“, nachdem Brunico den CEE-Markt zugunsten eines stärkeren Fokus auf NATPE Global in Miami und angesichts der wachsenden Zahl konkurrierender europäischer Märkte nicht weiterführen wollte. Nun ist auch in USA damit Schluss. Offiziell ist von Konsolidierung und strukturellem Druck auf das Produktionsgeschäft die Rede. Viele Branchenvertreter trauern bei LinkedIn. Ich finde, man muss die Entscheidung aber nicht gleich zum Abgesang auf alle Business-Marktplätze machen. Aber als Warnsignal taugt sie sehr wohl. Denn wenn nicht einmal mehr die Orte selbstverständlich sind, an denen Deals angebahnt, Trends verhandelt und internationale Beziehungen gepflegt werden, dann erzählt das sehr viel auch über den Zustand des Marktes selbst.

Ein Vergleich mit der MIP-Welt ist vielleicht aufschlussreich. Die Frühjahrs-MIPTV war längst das schwächere Format und wurde 2024 beendet. An ihre Stelle trat MIP London, kleiner, schlanker, näher an den London Screenings. Die Herbst-MIPCOM in Cannes dagegen bleibt bislang robust. RX, der deutlich größere, internationale Messekonzern, meldete für 2025 mehr als 10.600 Delegierte und 3.340 Buyer, also genau jene kritische Masse, aus der ein echter Pflichttermin entsteht. NATPE Global kam 2026 laut Eigenangaben auf mehr als 1.800 Buyer, Aussteller, Produzenten und Finanziers aus über 50 Ländern. Das ist respektabel, aber eben eine andere Liga. Anders gesagt: MIPCOM ist nicht einfach nur größer. MIPCOM ist notwendiger. Es überleben nur noch jene, die heute glasklar begründen können, warum man ausgerechnet dorthin fliegen muss. Größe hilft. Timing hilft. Käuferdichte hilft. Internationales Prestige hilft. Vor allem aber hilft Unverzichtbarkeit. Wer bloß nützlich ist, gerät in einem Markt aus Sparprogrammen, Reisesperren und selektiverem Buying plötzlich schneller unter Druck, als ihm lieb sein kann. Vielleicht ist das die härtere Wahrheit hinter der Brunico-Entscheidung. Nicht jeder Branchentreff stirbt. Aber jeder, der kein Pflichttermin mehr ist, lebt zumindest gefährlich. Diesem Ende wohnt aber vielleicht auch ein neuer Anfangs-Zauber inne. Vielleicht werden neue, innovativere und kostengünstigere Marktplatz- und Netzwerk-Formate entstehen. Das hätte auch mal etwas.

Welche Kampagne mochte ich sehr?

„Stream dir mehr im ZDF.“ Endlich wirbt das ZDF einmal nicht so, wie öffentlich-rechtliche Häuser oft werben: korrekt, sauber, ein bisschen brav. Sondern mit Selbstironie, Tempo und einem ziemlich klaren Verständnis dafür, dass man ein Streaming-Produkt heute nicht mehr wie eine bloße Mediathek bewerben kann. Das „Stream Team“ im Mockumentary-Stil ist dabei kein revolutionärer Einfall, der Stil seit „Stromberg“ oder „Die Discounter“ gelernt. Bekannte Gesichter, digitale Tonalität, große Ausspielung wirken aber. Und dass sogar Intendant Norbert Himmler den Spaß mitmacht und selbst in der Langfassung auftaucht, macht die Kampagne fast noch bemerkenswerter. Hier will nicht nur eine Marketingabteilung modern wirken, hier trägt auch die Spitze den neuen Ton mit. Gerade deshalb gefällt mir diese Kampagne. Sie passt zur strategischen Verschiebung, die das ZDF mit dem Relaunch vom 18. März 2025 eingeleitet hat. Weg von der linearen Abruflogik, hin zu einem Streaming-Angebot, das stärker vom Nutzer aus gedacht ist.

Neu ist nun, dass dieser Wandel nicht nur im Produkt, sondern endlich auch in der Vermarktung sichtbar wird. Die Kampagne verkauft eine neue Nutzungsidee. Das ZDF als Streaming-Destination. Für ZDF-Verhältnisse ist das ungewohnt locker, ungewohnt selbstironisch und vor allem strategisch sauber. Inhaltlich verantwortet wurde das auf ZDF-Seite von der Direktion Audience unter Florian Kumb. Als Projektverantwortliche nennt DWDL Astrid Kämmerer und Nadja Kronemeyer. Auf Agentur- beziehungsweise Produktionsseite entstand die Kampagne gemeinsam mit Boheifilm und Claus Kuhlmann. Eine sehr gute Markenarbeit für ein Produkt, das im Wettbewerb um Aufmerksamkeit endlich wie ein Streamer auftreten will. Selten hat sich das ZDF in eigener Sache so wenig nach klassischem ZDF angefühlt. Und gerade deshalb so richtig.

Und welche zwei Aprilscherze fand ich diese Woche gelungen?

Zwei, die auf sehr unterschiedliche Weise funktionierten. Der eine war ein offenkundig gefälschter Variety-Screenshot, Urheber unbekannt, wonach WBD-CEO David Zaslav seine rund 49 Millionen US-Dollar jährliche Vergütung an arbeitslose Entertainment-Beschäftigte in Hollywood spenden würde. David Zaslav ist in Hollywood nicht als großer Schutzpatron der Kreativen bekannt geworden, sondern eher als CEO der Abschreibungen, Kürzungen und Korrekturen. Sein Ruf speist sich aus „Batgirl“-Write Off, Entlassungen, Marken-Zickzack (HBO Max) und einer Vergütung, die selbst in schwachen Jahren astronomisch blieb. Die Scherz-Idee war so sauber gegen jede Erwartung gebaut, dass sie sofort zündete. Noch besser waren allerdings die Reaktionen darunter auf LinkedIn. Selbst dort, wo viele den 1. April sofort erkannten, wurde von anderen nicht über Großzügigkeit spekuliert, sondern über Steuergründe. Und das sagt eben weniger über Steuerrecht aus als über Zaslavs ramponiertes Image. Ein guter Aprilscherz ist einer, der nicht nur lacht, sondern entlarvt.

Der andere April’s Fool kam von Dennis Wolter, einer der ProSieben-Wolter-Zwillinge, auch auf LinkedIn. Er ließ wissen, Bill und Tom Kaulitz und das ZDF hätten seinen Bruder und ihn gebeten, „Wetten, dass..?“ wieder geil zu machen. Auch das war deshalb lustig, weil es nur knapp diesseits des völligen Unsinns lag. Zu groß, zu eitel, zu senderübergreifend, zu schön, um wahr zu sein. Und doch nicht völlig außerhalb dessen, was diese Branche sich manchmal selbst erzählt oder von sich behauptet. Beide Scherze hatten für mich irgendwie Substanz. Der eine traf Zaslavs Ruf. Der andere die ungebrochene deutsche Sehnsucht nach der Rückkehr des großen Lagerfeuerformats. Genau so sollten Aprilscherze sein. Erfunden, aber eben nur hauchdünn.