Der einsame Mahner ist ein Standardprotagonist praktisch aller Katastrophenfilme. Während die Masse der Menschen weiter seelenruhig ihrem Alltag nachgeht, ruft er das nahende Desaster laut in die Wüste und bleibt doch unerhört. Da ähneln Naturereignisse wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Himmelskörper meist menschgemachten. Terroranschläge zum Beispiel. Denn davor warnt ein LKA-Beamter namens Frank Laudin ab heute in der ARD-Mediathek pausenlos. Und wer den Titel dieser höchst realen Fiktion hört, weiß schnell, dass die Kassandrarufe des nordrhein-westfälischen Staatsschützers im bürokratischen Ödland verhallen.
Breitscheidplatz.
Seit Anis Amri vor zehn Jahren einen Lkw in den dortigen Weihnachtsmarkt gelenkt und 13 Besucher getötet hat, ist das Areal unter der Berliner Gedächtniskirche Deutschlands Ground Zero. Auch deshalb gab Regisseur David Nawrath seinem Drehbuch den Untertitel „19/12“. Denn wie 9/11 hat ein islamistischer Angriff die Sicherheitsstatik einer ganzen Nation verändert. Wie der 9. September 2001 in New York allerdings offenbarte der 19. Dezember 2016 in Berlin viel mehr als nur die Entschlossenheit religiöser Fundamentalisten.
Mit jeder Seriensekunde, die „Breitscheidplatz 19/12“ rund 18 Monate bis zur Stunde null Revue passieren lässt, gerät der Sechsteiler zur Selbstentlarvung all jener Sicherheitsapparate, die ihn verhindern sollten, konnten, ja mussten. Dabei beginnt der Sechsteiler mit einem Fahndungserfolg: in einer Nacht- und Nebelaktion nimmt das SEK den Gefährder Soylu (Doguhan Kabadayi) fest. Klingt nach brutaler, aber gelungener Polizeiarbeit – bis Frank Laudin davon erfährt.
Man habe ein Zeichen setzen wollen, erklärt ein Vorgesetzter den aktionistischen Einsatz. „N’Zeichen?“, fragt sein Mitarbeiter auch angesichts der drohenden Entlassung des Verdächtigen entgeistert. „Deutlicher können wir ihm nicht sagen, dass wir ihn aufm Schirm haben, dass er sich vorsichtiger bewegen sollte, am besten ganz untertauchen“, protestiert er mit dem letzten Milliliter Atemluft und fragt: „Was soll’n das für’n Zeichen sein?“ Wie Albrecht Schuch der Fassungslosigkeit seiner Filmfigur Gesicht und Stimme verleiht, belegt eindrücklich, gegen welche Windmühlenräder sie 270 brillante Minuten lang ankämpft.
Immerhin hat er dabei Unterstützung. Auf interner Seite von der irakstämmigen Kommissaranwärterin Isra (Bayan Layla), die dank ihrer Sprachkenntnisse ein Fenster ins verbarrikadierte Milieu rekrutierender Hassprediger öffnet. Auf externer Seite vom türkisch verwurzelten Straftäter Murat (Tamer Trasoglu), der dank seiner opportunistischen Wandlungsfähigkeit als Informant VP01 ganze Türen aufreißt. Gemeinsam dringt das Trio so tief in die Strukturen des politischen Islams vor, dass Anis Amri (Wael Alkhatib) bereits in der zweiten Folge auf dem Staatsschutzschirm landet und eigentlich nie mehr ganz verschwindet.
Wäre da nicht die Konkurrenz föderaler Sicherheitsstrukturen. Glaubhaft verkörpert von Bernd Hölscher als LKA-Abteilungsleiter Friedrich und Hanno Koffler als BKA-Mann Heyse, skizziert Nawraths Writers Room mit ihrer Hilfe ein dysfunktionales Organigramm befreundeter Rivalen. Dieses Gegenmiteinander hat Hulu 2018 schon mal in „The Looming Tower“ nachgespielt. Auch dort köchelten Kompetenzgerangel, Betriebsblindheit, Xenophobie und Eitelkeiten so lange vor sich hin, bis CIA und FBI nur noch die Trümmer des World Trade Centers beseitigen konnten.
Wenn Frank Laudin im System mit dem System für das System kämpft, tut er es definitiv auch gegen ein System, das ihn gleichermaßen ernährt und aushungert. Für den autistisch angehauchten Trotz des einsamen Mahners, wird aber nicht nur Albrecht Schuch TV-Preise horten. Wie in „Hindafing“ und „Luden“ durchdringt die experimentierfreudige Produktionsfirma Neuesuper fiktionalisierte Parallelgesellschaften nämlich so ausgewogen, dass hinter Staatsschutz und Salafismus mehr Wahrhaftigkeit lauert als erträglich.
Bisweilen gerät die frei erfundene Ermittlungsarbeit im realen Kontext zwar leicht verschwörerisch. Auch einige der privaten Backstorys – allen voran Laudins Eheprobleme – wirken eher redundant als zielführend. Doch beides schmälert nicht das Alleinstellungsmerkmal einer herausragenden Serie: Die gottesfürchtigen Feinde pluraler Gesellschaften werden weder dämonisiert noch exotisiert. Ohne sie zu verharmlosen, horcht Nawrath einfach vorurteilsfrei hinein, während sein Stammkameramann Tim Kuhn die Randlagen der Mehrheitsgesellschaft ergebnisoffen abfilmt, als seien es belebte Stillleben.
Am Rande des Dokumentarischen authentisch verkörpert, werden Muslime – ob liberal oder radikal – somit von äußeren zu inneren Dämonen einer pluralistisch segregierten, aktionistisch verzagten, moralisch paranoiden Wertegemeinschaft. Wenn die biodeutsche LKA-Kollegin Katja (Jeanne Goursaud) zur immigrierten Isra sagt, „du wirst immer ein Rätsel für mich bleiben“, bringt sie diese Dialektik seltsam trostlos auf den Punkt. Es sind Sequenzen wie diese, die zeigen, dass man selbst viereinhalb Stunden Thriller ohne Aussicht auf ein Happyend frei von jeder Redundanz erzählen kann.
Geradezu brillant wird „Breitscheidplatz 19/12“ allerdings durch Dascha Dauenhauers Soundtrack. Anstelle zeitgenössischer Musik zersägt er den Terrorismus lieber leise zum Tinnitus. Um damit einzuschlafen, kann man Kortison schlucken, autogenes Training machen, sedierenden Podcasts lauschen, sich also auf allerlei Art davon ablenken. Nur: deshalb verschwindet das Pfeifen im Kopf noch nicht. Es wird nur ignoriert.
"Breitscheidplatz 19/12" steht ab sofort in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit. Die ersten beiden Folgen zeigt Das Erste am Sonntag, 1. November nach dem "Tatort" ab 21:45 Uhr, die restlichen Folgen laufen linear dann am 6. November ab 23:55 Uhr im Nachtprogramm.
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