Annika Kipp © Screenshot Sat.1
TV-Kritik zum neuen Sat.1-Magazin

"Push", oder: Die vielen Gesichter der Annika Kipp

 

In Sachen Bildsprache unterscheidet sich "Push" von anderen Magazinen - doch nach der Premiere des überarbeiteten Sat.1-Magazins fragt man sich: Was war das eigentlich? Und vor allem: Wieso schneidet die Moderatorin ständig Grimassen?

von Alexander Krei
30.05.2012 - 01:33 Uhr

Der Sat.1-Vorabend liegt seit geraumer Zeit brach und soll aus diesem Grund langsam, aber sicher in neuem Gewand erscheinen. Den Anfang machte am Dienstag das runderneuerte "Sat.1-Magazin", das nun unter dem Namen "Push" frischen Wind bringen soll. Eines muss man Sat.1 nach der Premiere attestieren: In ihrer Anmutung unterscheidet sich die Sendung deutlich von sämtlichen Boulevard- und Service-Magazinen, die täglich bei den verschiedensten Sendern zu sehen sind. Doch wirklich deutlich wurde die Intention dahinter nach der ersten Ausgabe noch nicht.

Das hat gleich mehrere Gründe - und fängt schon beim Namen an. Eigentlich hat man es sich zur Aufgabe gemacht, die Zuschauer "so entspannt und angenehm wie möglich in den Abend" zu bringen, wie es in der Sendungsbeschreibung heißt. Der Titel "Push" drückt aber das genaue Gegenteil aus. Viel mehr drückt man ziemlich auf die Tube. Oder besser gesagt: Moderatorin Annika Kipp tut es, denn während des ersten Beitrags ist sie immer wieder in Großaufnahmen zu sehen. Mal wild gestikulierend, mal mehr oder weniger peinliche Grimassen schneidend. Das ist nicht zuletzt deshalb irritierend, weil sie dabei aus dem Off über ihre eigenen Bilder spricht und somit ihre eigenen Gesichtsausdrücke kommentiert.

So runzelt Kipp also munter die Stirn, wenn die Passanten bei einer Straßenumfrage die frisch gebackene Gewinnerin des Eurovision Song Contests nicht erkennen. Und wenn sie gerade mal nicht die Augenbrauen hochzieht oder ihren Kopf schief hält, formt sie aus ihren Fingern ein Herz für Roman Lob und spricht über ihre eigenen Bilder nachträglich ein "Der ist so süß. Hach." Der Beitrag selbst überzeugt freilich nicht durch besondere Kreativität, schließlich ist eine Straßenumfrage ein bewährtes Mittel - immerhin ist der ESC-Aufhänger aktuell. Aber neue Erkenntnisse? Fehlanzeige.

Gleiches gilt auch für den Bericht der "Push"-Reporter Önne und Tobias, die sich auf eine Beauty-Messe begeben. Oder wie es Annika Kipp sagt: Sie wagen sich "auf eine echt abenteuerliche Suche nach den Trends 2012“. Abenteuerlich ist allerdings weniger die Messe, sondern viel mehr die Idee, die beiden Reporter ihren eigenen Bericht im Stile der "Ultimativen Chart Show" aus einer Bluebox kommentieren zu lassen. Davon abgesehen, dass die Texte entweder auswendig gelernt oder schlecht abgelesen daherkommen, bleibt auch noch der Informationsgehalt auf der Strecke. Tobias Aussage "Ach du grüne Neune" kommentiert Önne schließlich lachend mit "Ach du grüne Neune". Mehrwert? Null.

Ansonsten sieht man die Reporter beim Auftragen von Airbrush-Bräune ("das glänzt ja schon ein bisschen krass") oder beim Verzieren von Fingernägeln. Also schnell weiter im Text - nach einigen mäßig interessanten Hochzeitsgeschichten steht schließlich wieder Annika Kipp im Mittelpunkt. Diesmal ist sie mal eben nach Amerika geflogen, um vor den Augen Heidi Klums auf einem Laufsteg ihre Model-Qualitäten unter Beweis stellen zu können. "So viel ist klar: Wenn ich meine Schuhe vor Heidi verliere, bin ich erledigt", sagt Kipp mit bierernstem Gesichtausdruck und man mag ihr wünschen, das hoffentlich nicht so zu meinen wie sie es sagt.

Sorgen machen muss sie sich jedoch nicht, schließlich erhält sie Unterstützung von Klums Jury-Kollegen Thomas Rath und Thomas Hajo - zumindest die Cross-Promo für "Germany's next Topmodel" klappt also perfekt. Klar ist aber auch: "Push" gleicht mehr und mehr einer Personality-Show von Annika Kipp, wobei die Frage erlaubt sein darf, was gerade sie für eine derartige Aufgabe prädestiniert. Klar ist allerdings auch: Einen in den USA gedrehten Beitrag mit Kipp im Mittelpunkt ist wohl nicht zuletzt deshalb möglich, weil das "Sat.1-Magazin" mehrere Monate pausierte und man entsprechend viel Vorbereitungszeit hatte - Zeit, die künftig nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

Nach bestandenem Laufsteg-Test bei Klum ist allerdings endlich Zeit für Werbung - die übrigens ganz in "Prominent"-Manier eingeläutet wird. Gleich werde es weitergehen, hört man Annika Kipp sagen, während man sie lächelnd etwas in einen Laptop eingeben sieht. Womöglich durchsucht sie gerade das Internet nach lustigen Baby-Filmchen. Und tatsächlich: Nach der Werbung bleibt glücklicherweise noch ausreichend Zeit, um die verbliebenen zwei Minuten mit einem vermeintlich lustigen YouTube-Video zu füllen. "Haben Sie heute schon so richtig gelacht?", fragt Kipp. Kurz darauf lacht sich ein kleines Mädchen darüber schlapp, wie ein Erwachsener von seinen Augen ein Stück Papier zerreißt. Und da ist wieder der Satz, den man von Kipp zuvor schon mal so ähnlich über Roman Lob hörte: "Ach, ist die süß!"

"Push" ist zwanghaft um gute Laune bemüht und wirkt dabei zugleich wie ein Fremdkörper im Programm von Sat.1. Kaum anzunehmen, dass sich die "K11"-Zuschauer für eine derartige Sendung begeistern können. Gleichzeitig ist das Magazin in weiten Teilen derart irrelevant, dass wohl nur wenige Zuschauer gezielt dafür um 19:30 Uhr Sat.1 auf ihrer Fernbedienung suchen. Und so hinterlässt die Annika-Kipp-Show, wie "Push" passender heißen sollte, den Zuschauer gleich in mehrerlei Hinsicht ratlos zurück. Ein Format, das im Wesentlichen aus einer Grimassen schneidenden Moderatorin, Promo für den Schwestersender und einem YouTube-Clip besteht, wird wohl kaum den erhofften Befreiungsschlag bringen. Für den Push des Sat.1-Vorabend müssen höchstwahrscheinlich andere sorgen.

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