Von wegen "auf die Größe kommt es an": Alles tabloid, oder was!?
Am Rhein will der "Kölner Stadtanzeiger Direkt" (KStA Direkt) der "Welt kompakt" das Leben schwer machen. Über die Auflagen herrscht derzeit Schweigen in den Verlagshäusern. Um die 8.000 munkelt man bei der Berliner Ausgabe der "Welt kompakt". Für den "Kölner Stadtanzeiger Direkt" rauschen Zahlen irgendwo um die 5.000 durch den Flurfunk. In Frankfurt können interessierte Käufer hingegen die etwas andere Tabloid-Zeitung "News" erwerben. DWDL hat einen Blick geworfen auf die drei Tabloid-Formate.
Der Vorreiter: Welt Kompakt
Der Startschuss für den neuerlichen Wettlauf der Formate fiel Anfang Oktober. Nachdem erste Markttests in Berlin und Frankfurt überzeugten, brachte der Axel-Springer-Verlag seine abgespeckte Version der Qualitätszeitung "Die Welt" am 04. Oktober an den Kiosk. 32 Seiten stark, inhaltlich bunt gemischt: Von Politik über Wirtschaft und Finanzen bis hin zu Kultur, Menschen & Medien, sowie natürlich Sport und zwei Seiten Regionales. "Welt kompakt" kommt klar und aufgeräumt daher. Das Layout wirkt modern und besticht durch eine schlichte, fast schon kühle Optik. Insgesamt das Erscheinungsbild einer klassischen Zeitung.
Frechere Hedlines und jüngere Themen sollen jedoch ein eher junges Publikum ansprechen. Da ist dann auch schon mal der "Wirtschaftsfaktor Klingeltöne" (17.12.04) das "Thema des Tages" auf den Seiten zwei und drei. Ob die Feststellung "Deutschland bewegt sich. Ein bisschen." (14.12.04) oder die Frage "Ist das deutsche Schulsystem besser als sein Ruf?" (07.12.04): Die doppelseitige Rubrik zum Einstieg in die Zeitung bietet Nachricht, Hintergrund, Kommentar und Erklärstück rund um ein Thema, das die Nation bewegt, oder zumindest bewegen könnte.
Es folgen zwei bis drei Seiten Innenpolitik. Übersichtlich gestaltet mit bis zu sechs Meldungen pro Seite, Zahl und Zitat des Tages, Polit-Umfrage und Hintergrundinfos. Nach den Auslandsmeldungen in gleicher Machart erwartet den geneigten Leser auf Seite zehn das "Forum" - die Meinungsseite mit vier Kommentaren und einer Tomaschoff-Karikatur. Wer den halben Euro für die "Welt kompakt" sonst in andere Produkte aus dem Hause Springer steckt, der wird auf Seite elf Staunen.
Das Ressort "Wissen" berichtet mit verhältnismäßig kleinen Lettern und ohne Armageddon-Fotomontage aus Forschung und Technik ("Chinesen sind die besseren Musiker"; 07.12.04). Überraschend für so manchen, der die kompakte Welt in den Einführugswochen in die Hand gedrückt bekam wohl auch die Seiten 12 bis 19: Ein Drittel des gesamten Blattes ist reserviert für Wirschaft, Finanzen und Börse. Versöhnlicher für den Boulevard-Leser schließlich der Sport auf den vier Seiten von 20-23. Dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist steckt, beweist "Welt kompakt" direkt im Anschluss und widmet sich vier Seiten lang den aktuelle Ereignissen aus der Welt der Kultur.
Neben Neuigkeiten, Charts, Lese- und Ausstellungstipps entfällt eine komplette Seite auf das Kinoprogramm der Region Rhein/Ruhr, über die schließlich auf zwei Seiten im Regionalteil ausführlicher berichtet wird ("Zerstückelte Leiche im Badezimmer"; "Frauen sollen sich schön finden", "Kirchen in NRW gegen EU-Beitritt der Türkei"; 17.12.04). "Menschen & Medien" schließlich setzt sich mit genau diesen auseinander und bildet mit der Kolumne "Zippert zappt" ein Highlight des handlichen Zeitungs-Ersatzes. Das obligatorische Fernsehprogramm mit zum Teil informativen Seh-Anreizen bietet schließlich das Sprungbrett zum obligaten Vermischten "Aus aller Welt", bevor der Leser in den Tag entlassen wird.
Eine halbe Stunde Lesezeit plant man beim Springer-Verlag für die Lektüre ein. Erreichen möchte man mit "Welt kompakt" laut eigenen Aussagen "mobile, aktive Menschen, die unterwegs lesen wollen, in der U-Bahn zum Beispiel oder beim Frühstück im Coffe-Shop". Inhaltlich bedient sich das Blatt bei der Mutter "Die Welt". Deren Inhalte werden - nomen est omen - kompaktiert und für eine junge Zielgruppe aufbereitet. Kannibalisierungseffekte fürchtet man im Hause Springer nicht. Das junge Produkt soll die Welt langfristig nicht ersezten, sondern Menschen erreichen, die zuvor nicht zur Zeitung gegriffen haben. Anders lautende Gerüchte halten sich indes hartnäckig. Schließlich haben Tabloids im europäischen Ausland bereits namhafte großformatige Zeitungen komplett ersetzt.
Fazit: Nüchtern, übersichtlich, informativ
Insgesamt gelingt mit "Welt kompakt" der Drahtseilakt zwischen kurz und ausführlich. Sicherlich kann die Lektüre in der U-Bahn nicht mit den Hintergründen einer vollwertigen Tageszietung aufwarten. Wer jedoch Tagesthemen und Beckmann versäumt hat, der findet hier schnell die wichtigsten Informationen, um mit dem Wichtigsten aus allen Lebensbereichen grundversorgt zu sein. Besonders die Leser aus den Bereichen Wirtschaft und Kultur kommen auf ihre Kosten, blieben diese bei knappen Formaten doch bisher eher dürftig versorgt. Zwar hält der Verlag sich derzeit noch bedeckt, doch die "Welt kompakt" scheint ihre Leser zu finden, so dass die Ausweitung auf andere Ballungsräume weitergeht.
Der Lokale: Kölner Stadtanzeiger Direkt
Zufrieden mit den ersten Ergebnissen scheint auch der "Kölner Stadtanzeiger" zu sein. Wurde anfangs seine handliche Variante "Kölner Stadtanzeiger Direkt" als Trotzreaktion gegen den Springer-Eindringling in das Hoheitsgebiet des DuMont-Verlages gedeutet, so beginnt man nun, den Verkauf des ebenfalls seit Okotber erhältlichen Blattes ordentlich zu pushen. Neben Promotion-Aktionen wie "Bestens informiert für 50 Cent und ein Frühstück gibt's gratis dazu", bereichern nun auch stumme Verkäufer in blau das Stadtbild Kölns.
Plakat-Kampagnen lassen die Kölner zudem derzeit wissen: "Style geht nur direkt". Es heißt, man wolle das Pojekt in jedem Falle zunächst fortführen - selbst wenn "Welt kompakt" sich aus Köln zurückziehen sollte. Derzeit sei man ergebnisoffen und werde abwarten, wie sich der Ableger im Laufe des kommenden Jahres entwickle. Zu mächtig ist wohl der Trend, der das aus den Nachbarländern kommt, als dass man sich davor verschließen könnte. Schließlich gilt es nun, die nachfolgende Generation der heute Vierzehnjährigen an eine Zeitung zu binden. Kein leichtes Unterfangen in Zeiten der Pisa-Studie.
Auch "KStA Direkt" bemüht sich um die Optik einer vollwertigen Zeitung, was auf Grund der Größe (Berliner Halbforrmat) leider nicht immer gelingt. Der Titel will frech daher kommen, wirkt aber ein wenig unbeholfen. "Tach auch!" titelt "KStA Direkt" am 17.12.04 und zeigt dazu ein Foto von Bundespräsident Köhler nebst Gatting auf der Fregatte Mecklenburg-Vorpommern. Die "Themen des Tages" auf den Seiten zwei bis zehn reichen von Killer-Haien über EU-Verhandlungen der Türkei bis hin zur Filmversion der Zeichentrickserie "Spongebob". Wo man schon mal dabei ist, schließt sich auf Seite elf das Ressort "Menschen" an. Die Seiten 12 bis 16 sind der Rubrik "Leben" gewidmet.
Der Leser erfährt, dass sich die große Liebe bei vielen Singles regelmäßig als Luftnummer entpuppt und dass der neueste Trend auf Rädern "Pliws" heißt. Absolut nutzwertiges Highlight der Freitagsausgabe: Das zwölfseitige Heft im Heft "Service Direkt" mit Kölner Veranstaltungshinweisen und Tipps für die kommende Woche - auch eine der Stärken des Mutterblattes. Recht ausführlich bedacht: Der Sport. Elf Seiten sind für Hintergründe und Geschichten aus diesem Lebensbereich reserviert. Eine Seite Kultur dient als Puffer für das Ressort Lokales ("Stadt"), welches den "KStA Direkt" abschließt.
Fazit: Zwischen Chaos und Kurzweiligkeit
Insgesamt wirkt das kölsche Taboid weniger aufgeräumt als sein Mitbewerber. Zum Teil recht bunte Geschichten erschweren die Übersicht. Inhaltlich bedient sich das Blatt zu großen Teilen bei den verschiedensten Agenturen. Neben den wirklich relevanten Nachrichten des Tages bestimmen Lifestyle-Themen stark die Gesamterscheinung. Insgesamt macht das Blatt einen eher knappen Eindruck. Es fehlt eine klare Position. Eine kurzweilige Straßenbahnlektüre jedoch ist auch der "KStA Direkt" allemal.
Der Innovative: News
Doch nicht nur in Köln ist für die "Welt kompakt" Konkurrenz zur Stelle. Auch in Frankfurt haben urbane Menschen die Qual der Wahl, wem sie ihre 50 Cent in die Hand drücken. Mit dem werktäglichen Druckerzeugnis "News" will die Verlagsgruppe Handelsblatt nach eigenen Aussagen die Lücke schließen zwischen Magazin-Journalismus und Tageszeitung. Herausgekommen ist nach Befinden der Handelsblättler "das erste Medium für die ‚iPod-Generation'".
Auf rund 48 Seiten will "News" neue Maßstäbe setzen. Das beginnt beim Layout, das in jugendlich-moderner Manier eine insgesamt klare und übersichtliche Struktur schafft. Innovativ auch die Einbindung des Lesers. Per SMS soll er über die lokalen Themen des nächsten Tages mit entscheiden. Thematisch setzt "News" auf lokale Kompetenz. Neben derm Aufmacher ("Frankfurt erstickt im Pendlerverkehr"; 15.12.04) berichten vier Seiten aus der Main-Metropole. Sieben Seiten sind für Wirtschaftshemen reserviert.
Auch hier ein wichtiges Element: Die Einbindung der Leser ("Ihre Checkliste zum Geldsparen"; 15.12.04). Die in dieser Form behandelten Themen alternieren täglich zwischen unter anderem "Business & Travel", "Aktien & Fonds" und "versichern & vorsorgen". Magazinig auch Rubriken wie "Entdecken" und "Karriere" - auch diese mit wechselnden Schwerpunkten. Das aktuelle Fernsehprogramm und Veranstaltungshinweise finden sich schließlich im Ressort "Erleben", welches zudem mit Kochrezepten und Filmkritiken aufwartet. Irgendwo zwischen Küche und Kultur also. Mit nur drei Seiten ist der Sport verhältnismäßig schwach vertreten.
Fazit: iPod zum Lesen
Insgesamt ist sicherlich auch die "News" kein Ersatz für eine vollwertige Tageszeitung. Immerhin jedoch eine professionell gemachte Pendler-Lektüre, die vor allem durch die optische Erscheinung besticht. Unverkennbar die Handschrift von Chefredakteur Klaus Madzia, ehemaliger Berater auch der Verlasgruppe Milchstraße. Da "News" kein Mutterblatt hat wie die anderen Tabloids, behilft man sich anderweitg. Die Inhalte werden beigesteuert von unter anderem "Tagesspiegel", "Handelsblatt" und "Wirtschaftswoche". Zudem sind Milchstraßen-Produkte wie "TV Spielfilm" und "Fit for Fun" im Impressum vertreten.
Tabloids: Eine neue Zeitungs-Kultur?
Auch wenn die Tabloids hinsichtlich ihrer inhaltlichen Tiefe nicht an die althergebrachte Tageszeitung heranreichen, so entwickelt sich in den Metropolen allmählich eine völlig neue Produktpalette, die zweierlei zeigt: Es könnte doch möglich sein, junge Leute zum Nachrichtenkonsum jenseits von Bild, BamS und Glotze zu bewegen und zum Zweiten der Beweis, dass auch in eingefahrenen Medienmärkten Bewegung möglich ist.



