Jürgen Drews, Fernsehgarten © ZDF/Kerstin Bänsch
Der "Fernsehgarten" im Party-Fieber

So macht das ZDF aus dem Lerchenberg Mallorca

 

Der "Fernsehgarten" ist keine Fernsehhölle - findet zumindest DWDL.de-Redakteur Timo Niemeier. Er gesteht, die ZDF-Show gerne zu sehen. Warum das so ist und wieso er der anstehenden Mallorca-Ausgabe besonders entgegenfiebert...

von Timo Niemeier
25.07.2014 - 19:45 Uhr

Welche ist eigentlich die beste Entscheidung, die in den vergangenen fünf Jahren auf dem Lerchenberg getroffen wurde? Der Kauf der Champions-League-Rechte? Das lange Festhalten an der "heute show", trotz schlechter Quoten zu Beginn? Oder doch die Erlösung von Markus Lanz durch die Absetzung von "Wetten, dass..?"? Keine Frage: Das alles waren wichtige Ereignisse im ZDF. Ich finde: Die wichtigste Entscheidung stammt aus dem Januar 2009. Der damalige Programmdirektor und heutige Intendant Thomas Bellut entschied da, dass die ein Jahr zuvor geschasste Andrea Kiewel zum "Fernsehgarten" zurückkehren darf.

Die Zahlen sind eindeutig: Unter Kiewel sehen regelmäßig mehr als zwei Millionen Menschen den "Fernsehgarten". Als sie aufgrund des Schleichwerbeskandals ein Jahr pausieren musste, brachen die Reichweiten ein. Etwa eine halbe Million Menschen weniger schalteten ein. Ernst-Marcus Thomas, der später die zweifelhafte Ehre erhielt, einen Scripted-Daily-Talk in Sat.1 zu moderieren, musste schon nach einem Jahr als Kiewel-Ersatz weichen. Aber auch inhaltlich ist der "Fernsehgarten" voll auf Kurs - und hat dabei ein relativ junges Publikum. 

Derzeit liegt die ZDF-Show bei durchschnittlich 9,5 Prozent Marktanteil beim jungen Publikum zwischen 14 und 49 Jahren. Regelmäßig kratzt Andrea Kiewel an zweistelligen Werten. Wenn es gut läuft, kann man sich beim ZDF am Ende des Sommers über einen Wert über zehn Prozent freuen. Aber auch 9,x sind großartig für den Sender, der sonst auf etwa sechs Prozent kommt und gerne spöttisch als Altenheim betitelt wird.

Marktanteils-Trend: ZDF-Fernsehgarten
ZDF-Fernsehgarten

Von ungefähr kommt das nicht. Die Macher trimmen den "Fernsehgarten" jedes Jahr ein kleines bisschen mehr in Richtung Party. Einmal in der Woche steht der MegaPark nicht auf Mallorca, sondern auf dem Lerchenberg. Mickie Krause ist inzwischen Stammgast. Dass er nicht bei der Mallorca-Ausgabe dabei ist, verwundert etwas. Mit Jürgen Drews, Markus Becker, Jürgen Milski, Melanie Müller, Tim Toupet, Antonia aus Tirol, Willi Herren und vielen mehr hat man sich beim ZDF aber auch in diesem Jahr Ballermann-tauglich aufgestellt. 

Die Party-Musiker, die sonst überwiegend auf Mallorca auftreten, sind der wichtigste Bestandteil des "Fernsehgarten"-Konzepts. Sie unterscheiden die Show vom ARD-Pendant "Immer wieder sonntags". Dort heißen die Gäste oft Regensburger Domspatzen, Nockalm Quintett oder Semino Rossi - nichts für mich. Zugegeben: Oft überschneiden sich die Acts, die älteren Zuschauer komplett vergessen kann man beim ZDF natürlich nicht. Doch der "Fernsehgarten" kommt trotz allem frischer und jünger daher. 

Das liegt neben den Musikern und den Besuchern auf dem Lerchenberg, die entgegen vieler Behauptungen nicht ausschließlich der Ü60-Fraktion angehören, an Andrea Kiewel. Natürlich. Wer würde sich bei einem direkten Vergleich zwischen Kiewel und Stefan Mross schon für Letzteren entscheiden? Andrea Kiewel ist der ewige Jungbrunnen im ZDF-"Fernsehgarten". Immer mit einem Lächeln auf den Lippen und viel guter Laune - mal echt, mal aufgesetzt. 

Beim sonntäglichen "Fernsehgarten" fühle ich mich einfach wohl. Die Show ist nettes Fernsehen, das keinem weh tut. Seit zwei Jahren bin ich nun schon Stammzuschauer. Woche für Woche komme ich sonntags mit dem "Fernsehgarten" gut in den Tag. Erst ein paar harmlose Spiele mit Promis, dann nette Party-Hits. Wenn Andrea Kiewel sich Einrichtungstipps geben lässt, kann ich mir mein Frühstück machen. Dann komme ich wieder, habe nichts verpasst und werde weiter gut unterhalten. Wenn es danach eine kleine Kochstunde gibt, schalte ich erneut ohne böse Gedanken um, nur um wenige Minuten später doch wieder beim ZDF hängen zu bleiben.

Wenn ich mal eine Ausgabe verpasse: auch nicht schlimm. Ich weiß sieben Tage später sowieso nicht mehr, worum es in der vorangegangenen Ausgabe ging. Ausnahmen bestätigen die Regel: Der 90er-"Fernsehgarten" oder die Gameshow-Ausgabe waren nett gemacht und spielten geschickt mit dem Retro-Gefühl der Zuschauer. Seit zwei Jahren habe ich jeden Sonntag zwei schöne Fernsehstunden am Vormittag. Dank dem ZDF, dank Andrea Kiewel. Dank der Sendung, die die "am längsten laufende Live-Open-Air-Unterhaltungsshow" im deutschen Fernsehen ist - Weltrekord

Nein, der "Fernsehgarten" im ZDF ist mit Sicherheit nicht das neue "Wetten, dass..?", wie "Welt"-Redakteurin Antje Hildebrandt glaubt. Es ist aber eben auch nicht die wahrgewordene TV-Hölle, bei der die Zuschauer im Altenheim ans Bett gefesselt werden und sich nicht gegen das eingelegte Programm wehren können. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Zwischen Mainz und Mallorca. 

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