Rosins Kantinen - Ein Sternekoch undercover © Screenshot: kabel eins
DWDL.de-TV-Kritik

Warum kabel eins mit "Rosins Kantinen" ein Hit gelungen ist

 

Als Elektriker und Aushilfskoch verkleidet schleust sich Frank Rosin seit kurzem in Großküchen ein, um Fehler zu finden und die Läden wieder zum Laufen zu bringen. Eigentlich nix Neues. Doch "Rosins Kantinen" ist richtig gut gemachtes Reality-Fernsehen.

von Peer Schader
01.12.2015 - 21:52 Uhr

Fernsehen funktioniert auch nicht anders als Kochen: Mit den richtigen Zutaten kann eigentlich kaum was schiefgehen. Leider köcheln die meisten Sender alle dasselbe fade Reality-Süppchen. Die vor drei Wochen gestartete kabel-eins-Reihe "Rosins Kantinen" ist eine erstaunliche Ausnahme. Erstaunlich deshalb, weil das Grundrezept der Sendung alles andere als spektakulär klingt: Anstatt in schlecht laufenden Problemrestaurants taucht kabel-eins-Sternekoch Frank Rosin neuerdings in schlecht laufenden Problemkantinen auf, um dort Dosenessen zu verbieten, Köche wieder zum Kochen zu bringen und die Einrichtung aus dem vorletzten Jahrhundert auf den Müll zu werfen.

Alles wie gehabt. Allerdings ist die Großküchen-Reality so gut abgeschmeckt, dass nicht nur "Rach undercover", mit dem Christian Rach kürzlich zu RTL zurückkehrte, dagegen ziemlich alt aussieht. Und das, obwohl jetzt auch Rosin "undercover" ermittelt.

Von einem Maskenbildner lässt er sich in langhaarige Elektriker, schnauzbarttragende Atze-Schröder-Hilfsköche mit spektakulärem Bauchumfang oder latzhosentragende Küchenbauer verkleiden, um unter dem Tarnnamen "Kalle Grabowski" in Problem-Großküchen mit versteckter Kamera das Arbeitschaos zu filmen. Das hat zweifellos Unterhaltungswert, weil Rosin am Schauspielern genauso große Freude zu haben scheint wie an der Großmäuligkeit. Was "Rosins Kantinen" so besonders macht, zeigt sich aber erst, wenn die alberne Tarnung längst aufgegeben ist und die eigentliche Arbeit beginnt.

Rosins Kantinen - Ein Sternekoch undercover
© Screenshot: kabel eins

Die teilt sich Rosin mit dem Großküchen-Experten Olaf Hertlein, und wer immer bei der ProSiebenSat.1-Produktionsfirma Red Seven Entertainment auf diese Idee gekommen ist, darf sich beglückwünschen lassen: Das Köche-Duo ergänzt sich nämlich hervorragend und versteht sich schon beim Buletten-Testen blind: "5,10 Euro?" - "Zu teuer!" - "Seh ich genauso."

Sobald Schnauzbart und Ersatzwampe vom Körper gerissen sind, kann sich Rosin auf das konzentrieren, was er am besten beherrscht: Show und Strategie. Mit einem Tablet bewaffnet stürmt er in umliegende Büros und Werkstätten, lässt dort per Smiley über die Kantinen-Qualität abstimmen und findet raus, woran's hakt. Er beschwört den Familienzusammenhalt und bequatscht den Vermiter für die Pachtverlängerung. Währenddessen organisiert Hertlein in der Küche die Arbeitsläufe, lässt den Wareneinsatz berechnen und probiert mit dem Team neue Rezepte. Jedes Essen für 3 Euro? Unmöglich. Lieferservice? Geht nur mit Mindestbestellwert. Kein vegetarisches Angebot? Nicht mehr zeitgemäß.

Brüllattacken sind passé

Mit seiner norddeutschen Gelassenheit ist Hertlein das absolute Gegenteil seines Kollegen. "Ist das In Ordnung?", fragt er höflich beim "Hausaufgaben"-Verteilen an die Chefin und verabschiedet sich mit den Worten: "Vielen Dank für die tolle Zeit und bis morgen." Wenn jemand schlampt, mahnt er ohne laut zu werden: "Es gibt keine Ausreden!" Und scheint damit auch Einfluss auf Rosin zu haben.

Die Brüllattacken, die sich schon so viele Gastronomen in "Rosins Restaurants" anhören mussten, wenn der Sternekoch das ganze Ausmaß eines Tiefkühlfiaskos entdeckt hatte, sind in "Rosins Kantinen" passé. Stattdessen konzentriert sich der Sternekoch auf seine Rolle als Motivator und Tröster, der den Eigentümern die Panik nimmt, wenn ihnen der Betrieb von heute auf morgen auf links gedreht wird.

Rosins Kantinen - Ein Sternekoch undercover
© Screenshot: kabel eins

In der Kantine ist Rosin genau richtig, und das ist kein bisschen böse gemeint. Weil man ihm (auch wenn in der Bauchbinde weiter "Sternkoch" steht) abnimmt, eine gute Currywurst genauso zu schätzen wie ein Trüffelschaumsüppchen. Vor allem aber trifft er mit seiner Kumpeligkeit einen Nerv bei Gastronomen, die vielleicht mit Sterneküche nicht viel an der Schürze haben. Aber darauf gewartet, dass ihnen der Frank mal sagt, dass sie den Kopf nicht in die Panade stecken sollen, um wieder Erfolg zu haben.

Rosin drückt, umarmt, und wird allenfalls noch laut, wenn er das Küchenteam für die gelungene Menü-Umstellung lobt: "Das ist der Hammer! Das schmeckt sensationell!"

Das finden bislang auch die Zuschauer: Nach einem sehr guten Start mit 8,7 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern (DWDL.de berichtete) ging's in Woche zwei zwar leicht bergab, die dritte Folge holte dann aber wieder 6,7 Prozent.

Einkalkulierte Tränchen

Oft ist der Beifall allerdings arg dick aufgetragen, und kabel eins traut sich keinen Millimeter von der bewährten Reality-Abfolge – Überraschung, Katastrophe, Hauruck-Aktion mit Happy End – abzuweichen. Dabei wäre das durchaus machbar gewesen. Ist nämlich wie beim Kochen: Mit den richtigen Zutaten kann man locker auf künstliche Geschmacksverstärker verzichten. Bei "Rosins Kantinen" sind das außer dem funktionierenden Coaching-Team auch die Protagonisten, die sich im Laufe der Sendung ganz erstaunlich weiter entwicklen.

Aus der motzigen Köchin in der brandenburgischen Großküche wird, nachdem alle Probleme geklärt sind und die Verantwortung neu verteilt ist, eine gut gelaunte Mitarbeiterin, die endlich zeigen darf, was sie drauf hat – und prompt zur Küchenchefin befördert wird, nachdem sich das Köche-Duo für sie eingesetzt hat: "Die kann das!" Dass so manches Tränchen einkalkuliert ist, geht in diesem Fall in Ordnung. Weil die Protagonisten tatsächlich den Eindruck vermitteln, dass sie der TV-Einsatz weitergebracht hat. Was gewiss nicht selbstverständlich ist.

Eine Programmrevolution ist "Rosins Kantinen" deswegen nicht, aber gut gemachtes Reality-Fernsehen, das der Restaurantretter-Thematik noch mal neuen Schwung geben könnte und hoffentlich fortgesetzt wird. Oder wie das Alter Ego von Kalle Grabowski sagen würde: "Mensch, Glückwunsch! Dat isset!"


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