Die Sofa-Richter © SWR/probono
DWDL.de-TV-Kritik

"Die Sofa-Richter" im SWR: Nicht nur für Rechtsträger

 

Der SWR hat sich vom britischen TV-Hit "Gogglebox" inspirieren lassen und befragt seine Zuschauer auf deren heimischer Couch nach ihrer Meinung zu diversen Rechtsfällen. Das ist manchmal albern, bisweilen aber überraschend tiefgründig.

von Alexander Krei
10.05.2016 - 22:15 Uhr

Spätestens seit "Big Brother" wissen wir, dass der gemeine Fernsehzuschauer eine ziemliche Freude empfinden kann, wenn es daum geht, andere Menschen in ihrem Alltag zu beäugen. Auf ein ganz ähnliches Phänomen setzen die Macher der britischen Fernsehsendung "Gogglebox": Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen vor der Glotze zu filmen. Als Zuschauer sieht man also andere Zuschauer – und erfährt, was sie so denken, wenn sie gerade wahlweise irgendeinen stupiden Reality-Mist oder ein ganz fabelhaftes Show-Format sehen. Dass die "Gogglebox"-Idee in Deutschland bislang nicht gut ankam, hängt womöglich auch damit zusammen, dass die jeweiligen Umsetzungen der Idee bei RTL und Sat.1 in der Vergangenheit eher – sagen wir – suboptimal waren

Umso interessanter, dass sich jetzt ausgerechnet der SWR von der Idee hat inspirieren lassen. "Die Sofa-Richter" nennt sich ein neues Format, das am Dienstagabend im Dritten Premiere feierte – und natürlich lässt schon der Titel erahnen, dass es nicht darum geht, die Nachbarn beim gemütlichen Fernsehabend zu bespannen. Vielmehr hat ein Kamerateam mehrere Haushalte im Südwesten besucht und einer Großfamilie, vier angehenden Priestern oder einem Mannheimer Model Videos zu diversen Rechtsthemen gezeigt – in der Hoffnung, damit spannende Diskussionen in den eigenen vier Wänden auszulösen. Es wird also im besten Sinne im Namen des Volkes miteinander gesprochen.

Dabei setzen die Probono-Produzenten um Friedrich Küppersbusch auf eine recht erstaunliche Themenvielfalt. Los geht’s eher heiter mit Rechtsfragen aus dem Alltag. Ein Reporter wird in einen Supermarkt geschickt, um die Grenzen des Erlaubten auszuloten. Darf man sich seine Einkäufe schon vor dem Bezahlen in die Jackentaschen stecken? Ist es erlaubt, die letzte Packung Freilandeier aus dem Einkaufswagen eines anderen Kunden zu stibitzen? Und was passiert eigentlich, wenn man mal mitten im Gang das Haarshampoo ausprobieren möchte? Was stellenweise ein wenig zu dick aufgetragen erscheint, ist zeitweise ganz unterhaltsam, weil man auf dem heimischen Sofa ebenso darüber zu diskutieren beginnt wie die vom SWR auserkorenen "Sofa-Richter".

Die Sofa-Richter
© SWR/probono

Wirklich interessant wird die Sendung allerdings erst, als auf den humorigen Einstieg plötzlich ein sehr ernstes Thema folgt. Wer zahlt eigentlich für die Pflege kranker Eltern? Hier geht es auf einmal nicht mehr um sinnloses Haarewaschen im Supermarkt, sondern um Fragen von Anstand, Verantwortung und Moral. "Wie viel sind dir deine Eltern wert?", wird auf einem der Sofas gefragt und der Sohnemann rechnet vor, kaum mehr als 200 Euro zahlen zu wollen, schließlich hätten seine Eltern ja auch nicht mehr Kindergeld bekommen. Gerade als das Problem gelöst zu sein scheint, dreht die Redaktion die Schraube noch ein Stückchen weiter: Muss der Nachwuchs auch dann für die Pflege zahlen, wenn die Eltern ihm einst Gewalt angetan haben?

Ein Mann erzählt in einem recht bewegenden Einspieler, dass ihm genau das widerfahren ist – und er trotz der Gewalt, die er zusammen mit seinem Bruder in Kindestagen ausgesetzt war, für seinen Vater zahlen sollte. Wo also verläuft die Grenze – und wer definiert sie überhaupt? Da ist es dann ganz gut, dass der SWR-Rechtsexperte Frank Bräutigam sein eigenes Sofa hat und die Debatten der laienhaften "Sofa-Richter" mit juristischem Fachwissen zurechtrückt. Später in der Sendung sind die Fälle nicht mehr ganz so dramatisch. Da geht es etwa um das Verweigern der Blutprobe nach einer Alkoholfahrt oder die Frage, ob ein Kondomhersteller damit werben darf, mit einem Präservativ bis zu drei Orgasmen zu erleben – eine Frage, die vor allem im Priesterseminar überraschend eifrig erörtert wird.

Fraglich ist nur, weshalb der SWR unbedingt die "Fallers"-Schauspielerin Ursula Cantieni und seinen Late-Night-Mann Pierre M. Krause gemeinsam auf ein Sofa setzen musste. Sie diskutieren zwar ebenfalls engagiert über die gezeigten Fälle, doch die Familien von nebenan sind eigentlich stark genug, um auf prominente Unterstützung verzichten zu können. Immerhin hat Krause aber auf diese Weise noch den schlechtesten Kalauer des Abends unterbringen können. Er habe sich auf die "Sofa-Stars" gut vorbereitet, sagt er und erklärt: "Ich bin Rechtsträger." Glücklicherweise sind weite Teile der Sendung besser als dieser Witz.

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