Chelsea Netflix © Screenshot Netflix
DWDL.de-Kritik zur ersten Late-Night von Netflix

"Chelsea": Unterricht in schönstem Sarkasmus

 

Premiere für die erste Late Night, die keine Late Night ist: Netflix' "Chelsea" bot zum Auftakt neben erwartbaren Donald Trump-Witzen auch sonst scharfe Töne - und spielte Chelsea Handler in ihrer Netflix-Talkshow immer wieder auf das ungewohnte neue Umfeld an.

von Kevin Hennings / Thomas Lückerath
12.05.2016 - 10:15 Uhr

Die Promo im Vorfeld wollte auch schon eins: Anders sein. Schließlich durfte nicht passieren, was Netflix grundsätzlich besorgt: Der Vorwurf nicht innovativ oder anders als das alt bekannte lineare Fernsehen zu sein. Für die erste Talkshow des SVoD-Anbieters hat US-Komikerin Chelsea Handler gab es eine handgeschriebene Pressemitteilung, schräge Trailer. Netflix plant mit der Frei-Schnauze-Moderatorin, die zuvor beim US-Kabelsender E! zuhause war, zunächst 90 halbstündige Episoden, die zu deutscher Zeit jeweils mittwochs, donnerstags und freitags um 9 Uhr morgens erscheinen werden.

Man testet mit dem Freiraum, den sie Chelsea Handler geben, weniger die Grenzen von Humor aus als die Frage: Kann eine Late-Night-Talkshow auch on demand funktionieren? Dass inzwischen längst Ausschnitte aus diversen Talkshows on demand und viral im Netz kursieren, gilt den einen als Beleg dafür, dass es klappen kann. Andererseits lebt Video-on-Demand davon, dass Inhalte über längere Zeiträume als Abo-Grund betrachtet werden. Ob alte Ausgaben einer aktuellen Talkshow dazu gehören werden, fragen Kritiker.

Am Mittwoch war es dann soweit. Die erste Show ging online.
„Du hast dein Bestes gegeben. Wäre dein Bestes bloß genug gewesen“, trällert Coldplay-Sänger Chris Martin, während er rührende Töne auf seinem Piano spielt und sarkastisch fortfuhr.„Als ich hörte, deine Netflix-Sendung würde abgesetzt, sah ich plötzlich das ‚good‘ in ‚goodbye‘.“ Die auftretende Chelsea Handler korrigiert Chris Martin: Das sei ihre erste, nicht letzte Show bei Netflix. Der zuckt mit den Achseln und verlässt die Bühne. Ein merkwürdiges Opening, das für Fans der gerne merkwürdigen Chelsea Handler passt.

Mit diesem typischen Handler-Humor macht sie das Publikum direkt für das warm, was sie mit ihrer Ich-sage-was-ich-will-Mentalität noch so alles ausreizen möchte. „Hallo, Welt! Hier bin ich! Habt ihr mich vermisst?“ Ein bisschen bemüht wirkt es, wie sie immer wieder betont: Wir wissen nicht, was wir hier tun. Aber wir tun es einfach. Netflix ist halt einfach zu cool. Schön aber, Chelsea Handler nach ihrer 18-monatigen Kreativpause - von einem Netflix-Special mal abgesehen - wieder auf der Bühne einer eigenen Talkshow zu sehen. Wer die derbe US-Komikerin nicht kennt, bekommt eine kurze Vita von ihr: "Was ich sagen will: Ich bin toll!"

„Ich bin eine TV-Moderatorin im Abendprogramm, die auf Zeit, Fernsehen oder sogar Moderation pfeift. Ich sitze jetzt an einem Pult, denn das hier wird die Hochschulbildung, die ich nie genoss und Netflix gibt mir dabei alle Möglichkeiten.“ Als erste Late-Night-Show-Komikerin außerhalb des linearen Fernsehens bekommt sie ein Netflix-Stipendium, dass ihr alle kreativen Freiheiten gewährt. Auf ihrer Studio-Couch sollen Freunde, Wissenschaftler, Politiker, Entrepreneure, irgendwelche Kinder, alte Menschen, ihr schwarzer Chauffeur Billy und Prostituierte ("Wenn mir ganz langweilig wird“) zu Gast sein.

Und es dauert nicht lang, da kommt Chelsea Handler zu dem Thema, das sie die kommenden Monate zu weiten Teilen tragen dürfte. Wieso sie wieder auf Sendung sei? Wie sonst könne die amerikanische Wählerschaft sonst „zwischen einer hochqualifizierten Frau mit tadellosen Referenzen und einem bankrotten, frauenfeindlichen, rassistischen Arschloch entscheiden?“ Witze über Donald Trump - sie sind dankbar für eine Late-Night die nach Aussage von Netflix aktuell sein soll, aber dann eben doch auch mit Verzug noch funktionieren muss. Trump geht da immer.

Handlers Lobpreisungen für ihren neuen Arbeitgeber gehen weiter. Der erste Einspieler in ihrer Show wirbt für die Netflix University. Denn für 9,99 Dollar im Monat mache Netflix ziemlich schlau - was einige Stars wie Will Arnett („Arrested Development“), Ellie Kemper („Unbreakable Kimmy Schmidt“) und Laura Prepon („Orange is the new black“) bekunden. Von "Harvard and Chill" habe hingegen ja noch niemand was gehört. Das erste Drittel ihrer Premierensendung ist da rum. Zeit für den ersten Gast: US-Bildungsminister John King.

Sie lässt sich kurz den Job erklären, nimmt den Fakt, dass er vier Abschlüsse besitzt und sie nur die High-School besucht hat, wie gewohnt mit einem Lachen hin und zeigt, warum "Chelsea" auf langer Strecke etwas richtig Gutes werden kann. Schnell stellt sie ein sehr emotionales Gespräch her. Mag sie auch für den dreckigen, derben Humor berühmt sein - es zeigt sich, dass sie auch ernsthaft talken kann. Eine Voraussetzung, die vielen Late-Night-Hosts fehlt. Natürlich behält Handler ihr feines Gespür dafür, solch ein Gespräch wieder aufzuheitern. In einem von King vorbereitetem Quiz gibt‘s den ein oder anderen witzigen Moment und Chelseas Erkenntnis, dass sie schlauer ist, als sie dachte.

Zweiter Gast der Premieren-Sendung: Rapper Pitbull. Ganz so glücklich und gelungen wird der Talk nicht. Auch mit ihm geht es um Bildung, Lehrer und Schulerfahrungen. Ungewohnt inhaltlich und thematisch fokussiert kommt "Chelsea" daher. Es wird deutlich mit welchem Rezept Netflix und Chelsea Handler einzelne Sendungen auch jenseits der Aktualität lohnenswert gestalten wollen. Auf den Talk folgt der nächste, wieder herrlich ironische Einspieler: "Netflix Math". Eher weniger als mehr ernsthaft wird erklärt, wie denn der berühmte Algorithmus hinter der Plattform funktioniere. „Wenn Ihnen ‚House of Cards‘ und ‚Dumm und Dümmerer‘ gefallen hat, wird Sie auch ‚W‘ (Biopic über George W. Bush) begeistern. Wenn Sie gerne ‚Narcos‘ und ‚Natürlich blond!‘ schauen, ist ‚Chelsea‘ ideal für Sie!“ Durch und durch Product Placement, aber unterhaltsam.

Einen Hänger hat die Show dann bei Gast Nr.3: Drew Barrymore. Hier fällt man plötzlich aus dem Schema bzw. Thema der Sendung. "Wie geht es deinen Kindern?" und "Du hast Dich ja letztens scheiden lassen.." sind gewöhnliche Fragen mit denen Handler nicht wirklich viel aus ihrem Gast herausbekommt. Sie rechtfertigt diesen kurzfristigen Fokus auf diese Themen: „Die meisten Frauen unterstützen Frauen, oder? Als Mädchen solltest du andere Mädchen mögen. Tust du das nicht, ist dein Name Angelina Jolie.“

Beinahe plötzlich endet dann die Debüt-Show mit einem Amateur-Rap von Handler, bei dem sich Pitbull seiner musikalischen Entfaltung nicht ganz entziehen kann und miteinsteigen möchte. „Halt die Klappe!“, feuert sie in Pitbulls Richtung und macht noch einmal deutlich, warum genau sie die ideale Besetzung für solch eine Sendung ist. In der Art extrem launisch, unberechenbar und derbe aber mit klarem inhaltlichen Kompass, wenn es um Themen geht, die ihr wichtig sind. Sie macht was sie will und das was sie macht, ist genau deswegen gut. Die Premiere von "Chelsea" hat Lust auf mehr gemacht und man freut sich auf mehr - sowohl quantitativ als auch in einzelnen Punkten qualitativ. Aber reinklicken lohnt sich.

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