Deutscher Webvideopreis 2016 © Webvideopreis
Weniger LOL, mehr ernst

Webvideopreis 2016: Das Internet wird erwachsen

 

Die Grenzen zwischen Internet und Fernsehen verschwimmen, auf YouTube versammeln sich längst nicht mehr nur Vollidioten, sondern auch echte Profis. Das zeigt sich für Miguel Robitzky auch bei der Verleihung des Deutschen Webvideopreises...

von Miguel Robitzky
05.06.2016 - 11:21 Uhr

Der deutsche Webvideopreis - Er ist für Online-Videos das, was „Die LOLA“ für Film, der „Echo“ für Musik und der „Bambi“ für Keiner-Weiß-Es-So-Genau ist. Bereits zum sechsten Mal wurde die sternförmige Trophäe gestern in Düsseldorf verliehen. Das ist nicht nur Anlass für meine Generation (Ich bin nun genau im Alter von H.P. Baxxters Beuteschema) sich das erste mal dem Ich-werde-alt-Gefühl zu ergeben, sondern auch ein Grund um sich mal etwas genauer damit zu beschäftigen, was sich seit der ersten Verleihung 2011 in diesem Genre getan hat, außer, dass die Kategorien des Preises nicht mehr „LOL“ & „OMG“ sondern etwas erwachsener und stilbewusster „Comedy“ oder „Journalism“ genannt werden.

Webvideos scheinen in den Köpfen der meisten Menschen immer noch neben dem klassischen Fernsehen als ein eigenes Genre zu existieren und von Feuilletonisten werden sie in der Regel nur ernsthaft besprochen, wenn darin gerade mal eben schnell die Bundeskanzlerin interviewt wird. Der Ruf der unkenntlich produktplatzierten Massenbelustigung bestehend aus „Pranks“, „Hauls“ und „Challenges“ für 12-Jährige, die den „Kids“ nur überteuerte Kosmetik andrehen wollen, eilt dem Medium noch immer voraus. Natürlich gibt es diese Kanäle. Sie gehören genauso zur traurigen Realität von YouTube wie millionenfach geklickte Panda-Babys und furchtbare Clickbait-Probleme.

Doch dagegen versuchen die Verantwortlichen des deutschen Webvideopreises spürbar anzusteuern und präsentieren nicht nur eine unterhaltsam sympathisch moderierte Gala, sondern auch eine Nominierten- und Gewinnerliste, die zeigt, dass es auf einem Medium, auf dem verblödete Vollidioten das Tampon ihrer Freundin zum Spaß mit Chili einreiben, eben auch guten Content zu bestaunen geben kann. Auch, wenn für viele Zuschauer die Anmoderationen geklungen haben mögen wie „Kennichnicht und Keineahnungwerdasist übergeben jetzt einen Preis an Werzurhölle“ sollte man die Gewinner und Nominierten nicht einfach leichtfertig aus reiner Arroganz ignorieren. (Außer es wird der Preis für ein so genanntes „Lebenswerk“ an Y-Titty verliehen).

Mit „Das Netwerk“ wurde nämlich zum Beispiel eine Comedyserie prämiert, bei der man die Lust der Macher dem Endprodukt spürbar anmerkt, auch wenn man sich natürlich über die Qualität des Humors streiten darf. „Mhokomo“ gewann in der Kategorie „Music“ und waren dort mit etablierten Musikern wie Alligatoah und Sophie Hunger nominiert. Auch in der Kategorie „360“ gewann ein fantastisch aufrüttelndes Projekt, das durch AnimalEquality in der Zusammenarbeit mit Thomas D entstanden ist namens „Durch die Augen eines Schweins - iAnimal 360°“. Das sind alles Gewinner, deren Formate rein von der professionellen Machart her genauso hätten im Fernsehen stattfinden können.

Sowieso verschwimmen die Grenzen zwischen TV und Internet immer mehr. Das erkennt man natürlich allen voran an Nominierungen wie Jan Böhmermann (Bekannt aus diversen „Spiegel-Online“-Posts unter dem Pseudonym „Böhmi Herz-Emoji“), der wohl gerade vollkommen reflexartig von allen Jurys dieser Welt in die Nominiertenlisten aller auf diesem wunderschönen Planeten existierenden Preise hineingespült wird. (Unterstützt mich bei meiner Petition „Keinen Nobelpreis für Jan Böhmermann“!!!). Er war nominiert in der Kategorie „Person of the Year - Male“ zusammen mit der Meryl Streep des Webvideopreises Julien Bam und Ryak Anders, der im Auftrag des SWR arbeitet.

Auch die 360°-Episode von „Terra X“ aus dem Hause ZDF bekam ebenso eine Nominierung wie der traurige EDEKA-Opa, der am Ende des Werbespots so überraschend doch nicht tot war, dass er jetzt dafür sogar einen Preis mit nach Hause nehmen durfte. Das alles sind gute Beispiele dafür, dass man dieses Medium endlich als ernstzunehmenden Teil der Unterhaltungs- und Informationsbranche und nicht weiter als Hobby zwielichtiger Nerds sehen sollte, die sich wildgeworden gegenseitig Tipps gegen unreine Haut geben, als gäbe es kein Morgen. Diese ganzen Vergleiche zum Fernsehen und das ganze Konkurrenzdenken erstickt die Kreativität der Contentcreator beider Medien im Keim. Klar, war die Showeinlage der Lochi-Zwillinge schmerzhaft anzusehen. Aber auch nicht schmerzhafter als Hape Kerkeling und Michelle Hunzikers „liebevolle Neuinterpretation“ alter Peter-Alexander-Schlager, die sie 2014 vor den Augen Gwyneth Paltrows bei der goldenen Kamera zum Besten gaben. Marcel Reich-Ranicki würde die Trophäen beider Veranstaltungen ablehnen. Eine gute Idee bleibt eine gute Idee. Eine schlechte Idee bleibt eine schlechte Idee. Eine gute Umsetzung bleibt eine gute Umsetzung. Eine schlechte Umsetzung bleibt eine schlechte Umsetzung. Egal, ob im Fernsehen, auf YouTube oder auf dem Pausenhof.

Wie reflektiert und reif die Branche auf sich selbst blickt, zeigte nicht nur die mit kritischen und fantastisch selbstironischen Witzen bestückte Moderation der RocketBeans, sondern auch diverse Dankesreden, wie die von HandOfBlood, der in der Kategorie „Gaming“ gewann. Er nutzte die Gunst der Stunde, um in 8 Minuten (ohne direkt musikalisch von der Bühne gedudelt zu werden) Sätze loszuwerden wie: „Wenn man sich die Trends anschaut und die „angesagten Inhalte“ bei YouTube, dann sieht man diese ganzen YouTuber, mit teilweise sexistischen Inhalten und wirklich Asi-Content… Und heute schlendern diese YouTuber über den roten Teppich und lassen sich feiern. Das ist nicht so meins, muss ich sagen.“

YouTube hat sicher viele Probleme von Kommerzialisierung über Clickbait bis hin zu „Kartoffelsalat“. Doch wer die Relevanz eines Mediums immer nur am schlechtesten Beispiel misst und somit eine „Dagi Bee" als Argument seines Antikonsums von Webvideos im Allgemeinen missbraucht, muss dann auch konsequent einen gigantischen Bogen um das komplette Fernsehprogramm machen, weil dort auch eine Vera Int-Veen auftaucht und der darf ebenso keine Bücher mehr lesen, da im Bücherladenregal auch Exemplare von Thilo Sarrazin zu finden sind. Die Gewinner des „Best Video of the Year“-Preises formulierten es so: „Wir sehen uns nicht als YouTuber. Wir sehen uns als Filmemacher.“ Und so sollten wir sie auch sehen. Was halten ihr von dem Thema? Schreibt es mir in die Kommentare!

Vollständige Liste der Gewinner:
Best Video of the Year: Shawn Bu & Vi-Dan Tran „Darth Maul: Apprentice - A Star Wars Fan-Film“
Person Of The Year - Female: Melina Sophie
Person Of The Year - Male: Julien Bam
Hall Of Fame: Y-Titty
Newcomer: Datteltäter
Lifestyle: Breedingunicorns
Music: Mhokomo
Commercial: EDEKA „#Heimkommen“
Journalism: David Hain - „Das erstaunliche Leben des Fabian Siegismund“
Arthouse: Meelah Adams „Selfie from Hell“
Gaming: HandOfBlood
360: Animal Equality & Thomas D „Durch die Augen eines Schweins“
Sports: Sebastian Linda „Life is a Dance“
Comedy: Das Netzwerk

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