The Keepers © Courtesy of Netflix
DWDL.de-Kritik

"The Keepers" bei Netflix: Auf dem Weg zum Vollprogramm

 

Passend zur Fortsetzung von "Twin Peaks" ermittelt Netflix ab heute in einen Mordfall, der jahrzehntelang zurückliegt. Nur dass es in "The Keepers" um den realen Tod einer Nonne in Baltimore geht, was den Streamingdienst einem Vollprogramm einen Schritt näher bringt.

von Jan Freitag
19.05.2017 - 06:33 Uhr

Tom Nugent steigt auf den Dachboden. Mühsam, behäbig, es dauert, es zieht sich, ein Kraftakt. Kein Wunder: der Mann ist nicht mehr ganz jung, die Treppe ist steil, das Licht ist fahl, im Schein einer halbblinden Birne tanzt lustig der Staub durchs Gebälk. Hier also wühlt der freiberufliche Geschichtenerzähler im Leben einer ehemals völlig fremden Person, die ihm längst näher ist als fast jede sonst. Es ist das Leben von Catherine Cesnik, besser: ihr Sterben. Vor 48 Jahren nämlich wurde Sister Cathy, wie sie in ihrer Nachbarschaft nur hieß, tot aufgefunden. Ermordet! Die Zeitungen von Baltimore waren voll davon, Tom Nugent zieht ein paar davon aus ramponierten Kartons. Dann aber, Sister Cathys Nachbar von einst senkt die Stimme, wurde es still, um den ungeklärten Fall, "ganz plötzlich."

Merkwürdig.

Zu merkwürdig, befand der Journalist rund zwei Jahrzehnte später. Anfangs bloß neugierig, aber zusehends verbissen begann er auf eigene Faust zu erforschen, was unweit seines Hauses geschehen war und nun Gegenstand einer herausragenden Fernsehserie ist. Die Eigenproduktion von Netflix heißt "The Keepers", wobei der bewahrend klingende Titel für all jene steht, denen an der Aufwärmung dieses Cold Cases offenbar nur wenig gelegen ist. Einerseits. Andererseits steht sie auch für ganz gewöhnliche Bürger, die partout nicht locker lassen, um den Job von Justiz, Politik, Staat und Polizei zu übernehmen.

Neben der hauptamtlichen Spürnase Tom Nugent sind das vor allem zwei pensionierte Damen aus der näheren Umgebung: Gemma Staub und Abbie Eileen Fitzgerald. Beide haben das Mordopfer noch persönlich gekannt. Beide wissen von der konfessionellen Englischlehrerin nur Gutes zu berichten. Beide sind also auch persönlich betroffen von einer Untat, die sich mit jeder Filmminute mehr als Teil von etwas Größerem erweist. Pädophilie und Machtmissbrauch spielen darin Hauptrollen, dazu Vertuschung, Bigotterie, Netzwerke, Standortinteressen, also ungefähr jener Abgrund, in dem die katholische Kirche seit dem pulitzerpreisgekrönten Enthüllungsscoop des Boston Globe steckt, der das Papsttum vor 15 Jahren weltweit in die Krise gestürzt hatte.

Aus Empathie, aus Wut, aus Gerechtigkeitssinn, ein bisschen auch aus Starrsinn und überschüssiger Freizeit gräbt sich das Trio fortan immer tiefer hinein ins Herz der Finsternis, stößt auf Widerstände, räumt sie beiseite, um wenige Meter weiter die nächsten vorzufinden und wieder von vorn. So dient der eingangs inszenierte Dachbodenausflug nicht nur der Illustration eines weiteren Fernsehbeitrags im Boom-Genre True Crime Documentary; er fasst das Geschehen in kaum drei Minuten Anfangssequenz zusammen, obwohl man sich die restlichen 400 keinesfalls entgehen lassen sollte: Im trüben Licht abseitiger Ecken wühlt sich jemand durch den Staub vergangener Zeiten und fördert darin Dinge zutage, die unglaublich genug sind, um damit sieben Stunden Sachfernsehen zu füllen, aber dennoch nicht jedermann interessieren.

Dramaturgisch aufgebaut wie ein Thriller, aber atmosphärisch sehr sachlich, fast nüchtern schickt Showrunner Ryan White (The Case Against 8) seine Hobbydetektive volle sieben Stunden lang durch eine Großstadt oberhalb von New York, die schon 1969 zu den Kriminalitätshotspots der USA zählte. Mit Rückblenden, Interviews und ein bisschen Reenactment, mit dezenter Musik, präzisem Schnitt und Oral History statt selbstverliebter Dokudramatik macht der Regisseur aber nicht nur ein uraltes Verbrechen anschlussfähig für die Gegenwart. Er verfestigt damit auch den Ruf von Netflix, es als einziger der neuen Sender wahrhaft ernst zu meinen mit dem Anspruch, auch ohne Zeittableau ein Vollprogramm zu sein.

Und dafür sorgen nicht nur tolle Serien und Blockbuster aus eigener Produktion, sondern die wachsende Zahl an Dokumentationen. Etwa Orlando von Einsiedels Naturdoku "Virunga" über den Kampf um Afrikas ältesten Nationalpark, der Netflix 2015 die erste Oscar-Nominierung einbrachte. Oder zuletzt das ungemein mutige Porträt des amerikanischen Spin-Doctors Roger Stone. Und nun beweist eben "The Keepers", dass Streamingdienste dem linearen Programm auch im Bereich seriösen Infotainments den Rang ablaufen – sofern sie nicht TNT oder Amazon Prime heißen, die sich (bislang zumindest) darauf beschränken, schnell drehende Fiktion abzuliefern.

In ARD und ZDF, ja selbst bei Arte oder 3sat hingegen stirbt die Dokumentation in Spielfilmlänge auf den besseren Sendeplätzen langsam aus. Und falls es zur Primetime doch mal nonfiktional zugeht, dann gern in dreiviertelstündigen Häppchen mit aufdringlicher Musik und allerlei Produktporträts. So machen die Platzhirsche den Frischlingen keine Angst.

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