Call the Boys - 4 Männer für gewisse Stunden © RTL II
DWDL.de-TV-Kritik

Arm, aber sexy: "Call the Boys", eine Serie wie Berlin

 

Am Abend nimmt RTL II im Fiktionalen einen neuen Anlauf und präsentiert seinen Zuschauerinnen und Zuschauern die Pilotfolge von "Call the Boys". Die Serie, die neben Haut auch Herz zeigt, passt deutlich besser zum Sender als vorherige Experimente.

von Thomas Lückerath
11.09.2017 - 11:00 Uhr

Schwer vorzustellen, dass diese Serie einmal Preise gewinnen wird. Und wer sie nicht schaut, verpasst auch nichts. Das muss vorweg geschickt werden, um verhältnismäßig zu bleiben. Das goldene Zeitalter der Fernsehserie hat diese unnötig radikale Erwartungshaltung kultiviert, dass jede neue Serie nur entweder ein Highlight sein kann - oder nichts. In dieser Schwarz/weiß-Denke hat sich „Call the Boys“ für bunt entschieden: Die Pilotfolge der möglichen neuen RTL-II-Serie ist attraktiver Kurzweil für die Zielgruppe. Das kann funktionieren.

Waren Produktionen wie „Gottlos“ und „Neandertaler“ noch verkopft und eher Fremdkörper im sonst so launigen Programm, fügt sich die Geschichte von vier Jungs, die als Callboys ihren Lebensunterhalt verdienen, weitaus besser ein in die Tonalität von RTL II. Bruno Bruni, Frederic Heidorn, Jerry Kwarteng und Daniel Rodic spielen die Hauptrollen in dieser möglichen neuen Primetime-Soap. Vier Jungs in einer Berliner WG - mit den üblichen Problemen und einem eher unüblichen Job: Sie verdienen ihr Geld als Callboys.

Um es vorweg zu nehmen: Natürlich gibt es - wie schon der Vorspann und Schnittszenen vermuten lassen - nackte Haut zu sehen. Doch „Call the Boys“ hat mehr Herz als Haut. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich bei dem Thema in Lifestyle und Hochglanz zu verlieren. Nackte Haut, wummernde Musik, schöne Bilder und nichts dahinter? Nein, die Autoren John-Hendrik Karsten, Manuel Meimberg und Anika Soisson haben der Serie eine deutsche Bodenständigkeit verpasst. Sexy geht klar, aber es bleibt eben Berlin: Hier ist der Lebensunterhalt eine echte Herausforderung.

Und gerade das macht „Call the Boys“ attraktiv: Die Pilotfolge erzählt nicht von einer Parallelwelt der Schönen, wo Geld endlos und Probleme rar sind - sondern bringt die für die meisten Menschen unbekannte und unwirkliche Callboy-Szene mit dem ordinären Alltag zusammen. Was sind das für Frauen, die Callboys engagieren? Und wie sehen diese Begegnungen aus, die im Fernsehen weit seltener erzählt werden als die umgekehrte Geschlechterrolle? Natürlich ist das flott erzählt; ist bei Situationskomik und Dramatik manchmal etwas drüber. Eine Primetime-Soap eben.

Call the Boys - 4 Männer für gewisse Stunden
© RTL II

Jeder in der 4er WG schleppt so seine Probleme mit sich rum. Schulden, Ex-Frau und Co. Dabei ist zunächst mal alles, was eine Soap braucht. Interessanter aber sind die Zwickmühlen, die sich schon in der ersten Folge auftun und aufzeigen können, woher bei einer Fortsetzung immer wieder neue Impulse für die Entwicklung kommen können. Jede Kundin bringt ihre eigene Geschichte mit und stellt die Jungs auch z.B. vor ethische Fragen. Nimmt man jede Kundin an? Verkauft man als Callboy im Zweifelsfall auch ein Stück weit sein Gewissen? Hört der Spaß auf, wenn die dominante Kundin vom schwarzen Callboy erwartet, sie „Führerin“ zu nennen?

Nach einer guten halben Stunde erreicht die Pilotfolge übrigens einen Moment, der sich als gemeiner Cliffhanger für eine Fortsetzung angeboten hätte: Da sind alle Handlungsstränge in der Schwebe. Viele Antworten stehen aus. Es wirkt beinahe so, als wäre die Serie als Halbstünder geplant gewesen. Viel erinnert an den Einstieg in eine neue Soap. Das Setting und die Charaktere sind in der Kürze gut eingeführt. Doch letztlich zum Glück für die Zuschauer und der Tatsache geschuldet, dass nach dieser Pilotfolge erst einmal eine Entscheidung über die Fortsetzung gefällt werden muss, gibt es dann doch noch Auflösungen für fast alle Handlungsstränge.

Neben dem Loft der Jungs ist die Bar von Lukas im Erdgeschoß einer der Mittelpunkte der Serie, daher sei der Vergleich erlaubt: „Call the Boys“ ist einfach süffig. Meint: Geht leicht runter und macht Spaß. Vielleicht hat man ein paar Kopfschmerzen, die aber nicht davon abhalten, es nochmal zu tun. In den weiteren Rollen gibt es ein Wiedersehen mit Anna Louise Weihrauch, Malina Ebert, Peter Pertusini und der wunderbaren Julia Jendroßek. Sie ist es auch, die in der Pilotfolge die Rolle des neugierigen Zuschauers übernimmt, der sich fragt, wie die Jungs überhaupt zu Callboys geworden sind, denn die Serie katapultiert das Publikum direkt ins laufende Geschäft.

So wäre ein Wunsch für eine Serienfortsetzung - auch im Sinne der Bodenständigkeit - mehr über die Motivation und Entstehung dieser ungewöhnlichen WG zu erfahren. Dafür müssen aber zunächst einmal genügend Zuschauerinnen und Zuschauer einschalten am Montagabend. Sie würden mit einem schönen Guilty Pleasure belohnt. Übrigens: Dass ein selbstredender Serientitel wie „Call the Boys“ kurz vor der Ausstrahlung noch einen deutschen Untertitel („4 Männer für gewisse Stunden“) bekommt, ist natürlich etwas albern, aber keine Spezialität von RTL II sondern Branchenkrankheit.

RTL II zeigt "Call the Boys - 4 Männer für gewisse Stunden" am Montag um 21:15 Uhr.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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