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"Rick and Morty": Der beste Irrwitz aus zwei Welten

 

Während "Rick and Morty" in den Vereinigten Staaten von Fanscharen gefeiert wird, läuft die Adult-Swim-Serie, die mit ihrer dritten Staffel seit Kurzem auf Netflix zu sehen ist, hierzulande weitestgehend noch unter dem Radar. Wir fragen uns bei all der Smartness: Warum eigentlich?

von Kevin Hennings
03.02.2018 - 08:33 Uhr

Als “Rick and Morty” Ende 2013 das Licht der Welt erblickte, wurde die Animationsserie bereits mit Trompeten und Fanfaren erwartet, bevor überhaupt die erste Folge on air ging. Ein Phänomen, das meist großen Namen geschuldet ist. In diesem Fall war es die Präsenz von Showrunner Dan Harmon, dem Mastermind hinter der NBC-Sitcom “Community”, die die Gemüter zum Brodeln gebracht hat. Dazu kommt, dass “Rick and Morty” für Adult Swim konzipiert wurde. Eine Plattform für die absurdeste Art von Cartoons. Und so fragten sich Dan Harmon und Justin Roiland (“Adventure Time”) - der an Bord kam, da Harmon selbst nicht mit Animationsserien vertraut war: Was wäre, wenn Doc "Zurück in die Zukunft" Brown ein wahnsinniger Betrunkener wäre und Marty McFly ein deprimiertes Kind, das immer wieder mit auf seine verstörenden Abenteuer muss?

 

Die Prämisse ist also denkbar schräg. Und wie sich für die mittlerweile extrem große Fanschar herausgestellt hat, genial. Nur hierzulande scheinen "Rick and Morty", die wir eigentlich ganz einfach bei Netflix abrufen können, noch nicht vollkommen angekommen zu sein. Zu Unrecht, wie wir finden. Doch warum ist dem so? Wieso funktioniert “Rick and Morty” auf wahnwitzige Weise und wurde mittlerweile problemlos in die bereits vierte Staffel geschickt? Wir Zuschauer werden mit zwei Dingen versorgt, die sich unter normalen Umständen widersprüchlich gegenüberstehen: Unmengen an Irrwitz, den wir schon immer mal in einer Serie vereint sehen wollten, treffen auf die befreiende Abwesenheit eines moralischen Zeigefingers.

Viele Serien greifen auf Faktor eins oder zwei zurück, seltenst aber auf beide. Lasst mich das erklären: “Rick and Morty” ist ein Sammelsurium an kreativen Ergüssen, die vor allem auf dem Protagonisten Rick Sanchez beruhen. Dieser ultra-selbstbewusste, brillante Charakter, der mit scheinbar übermenschlichen Fähigkeiten jedes Szenario erst ver- und dann wieder entwirrt, ist zu allem in der Lage und sorgt auch dafür, dass alles Unmögliche passiert. Das Ganze macht noch einmal viel mehr Spaß, da dieser smarte Erfinder nie den glänzenden Helden spielt, sondern durchgehend dem Nihilismus verfallen ist und seinen Depressionen mit Alkohol aus dem Weg gehen möchte. In Kombination mit unzähligen popkulturellen Anspielungen sorgt er dafür, dass der Zuschauer etwas zu sehen bekommt, von dem er teilweise nicht einmal wusste, dass er es sehen wollte. Wir liebten Antihelden wie den Joker und Tyler Durden. Nun haben wir Rick Sanchez.

Wirklich spannend wird es jedoch bei Faktor zwei: der Tatsache, dass “Rick and Morty” dafür sorgt, dass sich der Zuschauer vollkommen dem Witz hingeben kann und keine moralische Entwicklung durchmachen muss. Wenn ich mir Serien wie “Modern Family”, “Sherlock”, “Dr. House” oder “The Big Bang Theory” anschaue, in denen ein Rick-mäßiger Protagonist mitspielt oder die einfach die klassischen Sitcom-Merkmale aufweisen, fühle ich mich zum Teil immer dazu verpflichtet, übermäßig Emotionen zu investieren. Wieso?

Das liegt daran, dass die Hauptfiguren genannter Serien außerordentlich dramatisiert werden. Ob Alex Dunphy, Sherlock Holmes, Dr. Gregory House oder Sheldon Cooper: Jede dieser Figuren wurde von den Autoren so inszeniert, dass sie am Ende einer jeden Episode etwas charakterbildendes gelernt haben muss - und somit auch der Zuschauer. Ihm wird so unterbewusst das Gefühl vermittelt, dass er, wie der eigentlich perfekte Protagonist, nicht unfehlbar ist. Natürlich wissen wir alle, dass wir das sowieso nicht sind und es wäre schade, wenn es Serien, die uns auf solch eine Reise schicken, nicht geben würde. Doch wenn man abends vor dem Fernseher sitzt und bei “Rick and Morty” zwanzig Minuten Unterhaltung geliefert bekommt, in denen einem das nicht unterschwellig vermittelt wird, ist das zur Abwechslung äußerst erfrischend.

Rick Sanchez ist nämlich genau das, was wir in der ersten Folgen zu sehen bekommen: Ein besserwissender Wissenschaftler, der sein Ding durchzieht und dabei jegliche Verluste in Kauf nimmt. Dazu kommt, dass Harmon und Roiland die Geschichten um ihn und seinen Enkel, den er permanent wie einen familiären Sklaven behandelt, einfach smart erzählen. Auch hier kann "Rick and Morty" eine gewisse Stärke ausspielen: Wenn man sich Zeichentrickserien wie "Family Guy" anschaut, fühlt man sich am Ende einer jeden Folge äußerst gut unterhalten. Doch wurde im Grunde genommen eine Aneinanderreihung stumpfer Gags gesehen, die fix wieder vergessen werden. "Rick and Morty" wirken aber lediglich mit ihrem Look wie eine seichte Cartoon-Serie. Dahinter verbergen sich vielschichtig erzählte Geschichten, die Pointen mit mehreren Ebenen abliefern. Während andere Sitcoms oder Animationsserien wie Fast Food konsumiert werden - ohne viele Gedanken, schnell und befriedigend - kann an "Rick and Morty" länger geknabbert werden. Nicht selten kann auch mal zehn Sekunden zurückgespult werden, um auch noch den zweiten und dritten Wink des Gags mitzubekommen.

Dabei reisen Rick und Morty in die verschiedensten Universen, durchspielen wissenschaftliche Ansätze auf die irrsinnigste Weise und liefern familiäre Sitcom-Situationen, die in dieser Art noch nie über den Bildschirm gelaufen sind. Von der “Ich verwandle mich in eine Gurke, damit ich mir keine Standpauken anhören muss”-Situation bis zur Folge, in der die mystischen Meeseeks zur Hilfe gezogen werden, um einfache Haushaltsaufgaben zu erledigen, ist wirklich alles dabei. Dabei macht die Show sich stets über sich selbst lustig und legt ihrem eigenen Sitcom-Drama keine allzu große Bedeutung bei - und eliminiert damit komplett das Gefühl, in einem klassischen Sitcom-Drama festzuhängen. 

“Rick and Morty” vereint also das Beste aus beiden Welten und liefert smarten Humor, der sich an den richtigen Stellen nicht zu ernst nimmt. Gesprochen wird das ungleiche Paar im Original übrigens von Macher Justin Roiland höchstpersönlich, der sich immer zu hundert Prozent in seinen Job schmeißt:

Was geschieht bloß, wenn “Rick and Morty” irgendwann endet? “Do you guys worry about that shit at night”?

Die ersten drei Staffeln von "Rick and Morty" sind bei Netflix abrufbar. Bei TNT Comedy läuft die Serie zudem jeweils mittwochs um 23:00 Uhr.

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