Bad Banks © ZDF/Sammy Hart
DWDL.de-Serienkritik

Serien-Meisterwerk "Bad Banks": Toy Boys für Alphafrauen

 

Christian Schwochows Sechsteiler "Bad Banks" ist das Beste, was vielleicht je in der Finanzbranche gespielt hat. Verantwortlich ist ein famoses Drehbuch, in dem die Starken Schwäche zeigen und umgekehrt, ohne irgendwen zu diskreditieren.

von Jan Freitag
01.03.2018 - 13:30 Uhr

Manchmal merkt man erst, wie gut etwas ist, wenn das Gewohnte, besser: Gewöhnliche fehlt. Bad Banks zum Beispiel, eine ZDF-Serie, die Arte heute Abend zwei Tage vorm ZDF zeigt, ist von Minute eins an besser als alles, was das lineare Fernsehen seit Jahrzehnten seriell hervorgebracht hat. Wie gelungen es wirklich ist, das merkt man allerdings erst in Minute 31 des 2. Teils. Dann nämlich wird explizit vollzogen, was Formate mit Fokus auf Macht, Intrigen, Geld ansonsten oft nur Sekunden nach Sendungsbeginn durchexerzieren: visuell reizvollen Hochglanzsex mit Orgasmus-Garantie.

Den hat zwar auch die toughe Finanzjongleurin Thao Hong (Mai Duong Kieu), als sie es einem Studenten mit Blick über Frankfurts Skyline besorgt. Im Gegensatz zu Wirtschaftsthrillern gleicher Bauart jedoch ist die Nummer nicht nur Eye-Candy, geschweige denn Effekthascherei. Wenn Thao Hong ihren Toy Boy im Luxus-Loft vernascht, will Regisseur Christian Schwochow etwas zum Ausdruck bringen. Kurz zuvor wurde dieser asiatisch-kühle Banker-Profi in dieser aseptisch-entrückten Banker-Stadt schließlich schwer gedemütigt – ausgerechnet von einer Kollegin. Sie heißt Jana Liekam, soll für die Deutsche Global Invest einen Megadeal einfädeln und attestiert ihrer Mitarbeiterin mangelnde Solidarität.

„Ich mach dich fertig!“, droht sie auf einer Uni-Party im Business-Suit und lächelt dazu gehässig. Klingt nach Geschlechterrollentausch – bis die schöne Jana der schöneren Thao erklärt, was dahinter steckt: „Wir sind halt Frauen, und Frauen arbeiten nicht zusammen, die bilden keine Clubs, die gehen auch nicht zusammen in Puff, wir tun lieber, als würden wir uns hassen, und machen uns gegenseitig kaputt.“ Als sie noch „kann ich auch“ draufsetzt, nimmt die Gescholtene ihr akademisches Sexspielzeug bei der Hand und verschiebt das Machtspiel elf Gehaltsstufen tiefer. Doch nachdem die Kamera zwischen zwei Stellungswechseln auf ihre Chefin zoomt, wie sie daheim den Burnout behandelt, lässt der arme Lover die reiche Domina ein paar Tage später seinerseits abblitzen, als sie ihn ohne Höschen auf dem Campus besucht.

Alphamänner werden Alphafrauen werden Alphamänner, ständig fließen die Grenzen von Macht zu Ohnmacht und retour, Führungskräfte zeigen Schwäche und Schwächlinge erst recht, Bildungsbürger sprechen Ghettoslang und Putzfrauen Französisch, zerstörte Klischees erstehen in hellerem Glanz neu auf, nur um abermals zu verblassen: Was der Writers Room von Headautor Oliver Kienle hier fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen verfasst, ist kein Fortsetzungskitsch über wesensböse Manager und gradlinige Normalverdiener wie zuletzt in Die Lobbyistin. Das Irrenhaus der Hochfinanz dient endlich mal nicht als Glitzerkulisse zur Bestätigung saturierter Vorurteile. Die Koproduktion von Letterbox und IRIS mit den Partnern ZDF und Arte ist demgegenüber von so dramaturgischer Tiefe und sozialkritischer Wucht, dass die Realität wahrhaft Entertainment wird und umgekehrt. Der Hauptgrund, als hätte es das Leitmedium erst jetzt plötzlich bemerkt: Bad Banks nimmt seine Figuren ernst!

Allen voran Jana Liekam. Mit leidenschaftlicher Empathie verkörpert von Paula Beer, verliert die junge Investmentbankerin ihren Job im Finanzparadies Luxemburg an den inkompetenten Sohn des CEO (Marc Limpach) und wird vom Branchenstar Christelle Leblanc (Désirée Nosbusch) beim Konkurrenten Deutsche Global Invest untergebracht, wo sie für Infos über illegale Transaktionen ihres neuen Arbeitgebers das gigantische Stadtentwicklungsprojekt von Leipzigs totkrankem Bürgermeister (Jörg Schüttauf) monetarisieren darf. Die Rollen sind also klar verteilt: Eine tugendhafte Großbankerin setzt das ehrgeizige Opfer eines Kokssüchtigen mit Papa im Vorstand auf die Chefetage der DGI um Quirin Sydow (Tobias Moretti) an. Sechs Teile Drama, Knast für die Bösen, Seelenheil den Guten, Happyend mit Makel eines ungebremsten Systems skrupelloser Bereicherung – so wäre es in einem der anspruchsvollen, aber oft moralinsauren ARD-Mittwochsfilme.

Besonders der holländische Schauspieler Barry Atsma jedoch zeigt in seiner Funktion als dreisprachig testosteronversprühender DGI-Investmentchef Gabriel Fenger, wie würdevoll man selbst klarste Rollenverteilungen ausdifferenzieren kann. Oft bis zum Führerkult charismatisch, viril und skrupellos, ertrinkt dieser unbeugsame Einkommensmillionär nach Feierabend unterm Konzerndach in einem Selbstmitleid, das Alphatieren dieser Größe fiktional bislang selten zuteil werden durfte. Und so geht es fast all den Playern mit riesigen Chronometern, glänzenden Limousinen, Dinners zum Preis dreier Hartz-IV-Sätze: Zwischen Macht und Status blitzt eine Verletzlichkeit auf, die niemanden diskreditiert, sondern im Gegenteil: jeden verständlicher macht als das entfesselte System, in dem er agiert. Dass Frauen darin zwar weniger Boni, nicht aber Skrupel kriegen, verleiht der Serie fast gendertheoretischen Gehalt. Die Finanzbranche, zeigt Christian Schwochow in aller Einfachheit, besteht halt aus echten Menschen. Manchmal haben sie sogar Sex. Allzu erfüllend wirkt er allerdings nicht.

Arte zeigt am Donnerstag und Freitag um 20:15 Uhr jeweils drei Folgen, das ZDF zieht am Samstag (21:45 Uhr), Sonntag (22 Uhr) und Montag (22:15 Uhr) nach. In der ZDF-Mediathek stehen alle Folgen schon jetzt zum Abruf bereit.

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