SOKO Potsdam © ZDF/Gordon Muehle
DWDL.de-Kritik zur "SOKO Potsdam"

Braucht's noch eine Vorabend-SOKO? Diese vielleicht schon...

 

Im ZDF passiert heute um 18 Uhr Erstaunliches: Das neue "SOKO"-Team Potsdam ragt weit hervor aus dem vorabendlichen Krimi-Allerlei und bietet sehenswerte TV-Unterhaltung. Schuld sind die Autoren und ihre Ermittlerinnen.

von Jan Freitag
24.09.2018 - 14:02 Uhr

Das Fernsehland der Ermittler und Mörder, für diese Erkenntnis reicht bereits ein oberflächlicher Blick in jede gut sortierte Programmzeitschrift, ist bis zur Oberkante gefüllt mit Serienkrimis. Wer auch nur den leisesten Versuch unternimmt, sie lückenlos aufzulisten, scheitert fast zwangsläufig an der schieren Masse. Allein vom „Tatort“ gibt es ja derzeit – na, wie viele Teams? Genau: 22. Noch… Deutsche Schauspieler als ausländische Ermittler an exterritorialen Einsatzorten von Athen bis Zypern gibt es zwar erst gut ein Dutzend, aber die Erde ist groß und das Erste bereit, sie polizeilich lückenlos mit Landsleuten zu besetzen. Dazu gibt‘s Schmunzelkrimis, Nordsee-Bullen, Freitags-Chefinnen, samstags Wilsberg, und nur sehr selten wird das Niveau amerikanischer bis skandinavischer Importe erreicht.

Wenn am Samstag 40 Jahre nach München bereits die elfte SOKO ihren Dienst aufnimmt, ist das angesichts der repetitiven Betulichkeit hiesiger Mörderjagden also alles andere als eine gute Nachricht. Theoretisch. Praktisch hingegen erlebt der kriminalistische Mainstream um 18 Uhr eine Art Springflut. Denn Achtung: Das neuste ZDF-Kommissariat wird nicht nur vom jüngsten Duo geleitet, es besteht auch erstmals in dieser Reihe allein aus Frauen, die Achtung, Achtung: richtig gute Fernsehenterhaltung liefern. Und das hat zwei, genauer fünf gute Gründe. Ganz oben auf der Liste und doch naturgemäß tief im Hintergrund stehen die drei Autoren. Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf haben bereits die Drehbücher zum gefeierten TNT-Achtteiler „4 Blocks“ oder Matthias Schweighöfers frisch fortgesetzter Amazon-Serie „You Are Wanted“ geschrieben und zählen damit zu den derzeit wohl heißesten Drehbucheisen deutscher Zunge.

Dass sie nun aber ausgerechnet der werbefinanzierten Access-Primetime im Zweiten drei Vorlagen für 45-minütige Kurzkrimis geliefert haben, könnte – abgesehen vom öffentlich-rechtlichen Honorartopf vielleicht – auch an den Hauptdarstellerinnen liegen. Caroline Erikson und Katrin Jaehne – beide 30, beide vom Land, beide aus Berlin, beide bislang eher für Nebenrollen kleinerer Produktionen bekannt – sind als Kommissarinnen Luna Kunath und Sophie Pohlmann auf diesem Sendeplatz schließlich schlicht eine Sensation. Das beweist bereits ihr gelungener Einstieg in den Premierenfall namens „Saubere Geschäfte“ um einen Mord im Muckibuden- und Muskeldoping-Milieu. Als sich die leicht gestresste, aber treusorgende Familienmutter Sophie mit dem Kindergartenstreit vom kleinen Leon herumärgern muss, klingelt ihre eher lässige, aber alleinstehende Kollegin Luna an der Haustür und folgender Dialog entspinnt sich im Hausflur:

„Was machst’n du hier?“

„Wir ham Arbeit.“

„Und wir ham hier grad Besuch. Mord?“

„Mord!“

„Super, ich mach mich fertig.“

Mimik, Haltung, Ausdruck, Stimme, Aura – fast alles an der Vorstellungsrunde wirkt rund. Und auch danach sind diese zwei grundverschiedenen, anders als im Genre üblich aber nicht diametral entgegengesetzten Charaktere authentisch genug, um glaubhaft zu sein, und dabei angemessen sympathisch für ein Mindestmaß an Zuschauerempathie. Die kriminalistische Konstellation krankt zwar wie immer in Vorabend-Länge halber Spielfilme daran, dass der Fall nach einer halben Stunde gelöst sein muss. Und mit den ulkigen Sidekicks vom fußballverrückten Assi (Omar El-Saeidi) über den hippen Spurensicherer (Yung Ngo) bis hin zu Bernd Stegemann als prinzipientreuer Polizeiveteran hat Regisseur Stefan Bühling eher Knallchargen als Männerrollen im Cast.

All dies aber gleicht die punktgenaue Kommunikation der Hauptdarstellerinnen locker aus. Mit ihnen sind eher normale Menschen mit eher gewöhnlichen Alltagssorgen im Einsatz, denen man von Beginn an gern beim Austarieren von Arbeit und Leben zusieht. Wenn Luna beim Aussteigen am Premieren-Tatort kurz im Close-up ihre kindlich lackierten Fingernägel knetet, stellt sie früh eine Verbindung mit dem Publikum her, die keiner großen Worte bedarf. Und Sophies Privatsphäre mit häuslichem Mann und aggressivem Kind ist nicht nur dramaturgischer Füllstoff, sondern macht die Figur wirklich plausibler. „Bleibst du im Wagen sitzen, wenn du in die Waschanlage fährst?“, fragt Luna ihre Kollegin angesichts einer Leiche bei der Autoreinigung. „Wenn ich in Ruhe weinen will“, antworte Sophie mit traurigen Augen.

Diese Beiläufigkeit menschlicher Tragikomik gleicht auch in den nächsten zwei Folgen den Durchschnitt mancher Fallkonstruktion aus und macht das elfte Team der Reihe sehenswerter als alle alten SOKO-Standorte zusammen. Kein Wunder, dass achtbare Gaststars wie Adam Bousdoukos als Steroid-Dealer oder Dirk Martens als Tankwart mitspielen – von Michael Lott in der Dauerrolle des Revierleiters ganz zu schweigen. Und wenn Luna einen Hunde-Fund am Mord-Ort mit den Worten kommentiert, sie möge „seinen Gang, der hat so was Lässiges“, was ihrer Partnerin ein staubtrockenes „ich glaub, der hat’n Hüftproblem…“ entlockt, deutet sich an: die "SOKO Potsdam" bleibt womöglich so lang in Erinnerung wir ihr legendäres Vorbild aus München.

Das ZDF zeigt sechs Folgen der neuen "SOKO Potsdam" immer montags um 18 Uhr.

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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