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Christoph Schulte-Richtering © Schulte-Richtering
Eine Replik auf das Buch von Kai Tilgen

Christoph Schulte-Richtering: Es gibt keine Fernsehhölle

 

Das Buch von TV-Regisseur Kai Tilgen schlägt in der Branche und darüber hinaus hohe Wellen. Das darf nicht unwidersprochen bleiben - findet Autor Christoph Schulte-Richtering. Eine Replik auf die vermeintliche "Branchenabrechnung".

von Christoph Schulte-Richtering
04.10.2018 - 18:15 Uhr

Ein überflüssiges Buch ist erschienen, gefolgt von einem entlarvenden DWDL-Interview mit dem Autor. Damit könnte man die Geschichte dann eigentlich auch auf sich beruhen lassen und dem Ozean des gnädigen Vergessens anvertrauen, wenn das Buch von Kai Tilgen nicht jetzt doch einen gewissen Grad an Öffentlichkeit gewonnen hätte. „Wie ich mir meinen Platz in der Fernsehhölle verdient habe“ bekam immerhin einige Aufmerksamkeit in der BILD-Zeitung, und deshalb darf man diesen Angriff auf das Unterhaltungsfernsehen leider nicht unwidersprochen hinnehmen, seufz.

Trotz des Bekenntnisses, dass der Autor seinen Beruf liebe, werden hier alle Klischees und Vorurteile verdoppelt, die uns „Fernsehfuzzis“ entgegengebracht werden: Wir seien eiskalte Zyniker, die für eine gute Story und die schnelle Mark unbedarfte Menschen vorführen, manipulieren und vor aller Welt lächerlich machen würden. Anschließend würden wir uns gewissermaßen feixend auf die Schenkel schlagen, was für dolle Hechte wir doch seien. Das ist der Tenor der zahlreich geschilderten Episoden „aus dem Leben eines TV-Regisseurs“. Und in den Sendern säßen unfähige Redakteure, in den Produktionsfirmen versagende Producer, am Set stünden ahnungslose Anfänger im Team. Aus Diskussionsforen kennt man dieses reflexhafte TV-Bashing, es ist die Rhetorik des Facebook-Kommentars. Von einem Insider der Branche allerdings ist es neu. Aber was sagt es über einen selbst, wenn man als Regisseur mit einem unfähigen Team am Set steht, engagiert von einem ahnungslosen Producer für einen Sender, in dem nur Versager arbeiten? Genau.

Der eitle Schreibstil, die manierierte Sprache, geschenkt: Der Mann ist kein Autor, sondern Regisseur. Und weil er die ganze Branche so verachtenswert findet, hat er sich das Wort „REGIE“ auch gleich auf den Rücken tätowieren lassen. Wobei selbst das nicht so richtig stimmt, denn eigentlich ist er lediglich verantwortlich für die Einspielfilme, nicht für die Studio-Situation. In der Begrifflichkeit des Fernsehens ist er also eher „Realisator“ – aber weil sich „Regisseur“ nach Glitz und Glamour anhört, wurden da ein paar PS mehr unter die Haube gemogelt, um den eigenen Thesen mehr Gewicht zu verleihen. Da diese Kompetenzzuschreibung durch die Öffentlichkeit anscheinend funktioniert (einem „Regisseur“ hört man immerhin zu), bedarf es einer Gegenrede.

Allein schon die Begrifflichkeiten von „Fernsehhölle“, der „dunklen Seite der Macht“ oder Allmachtsphantasien davon, dass das Manipulieren von Menschen Freude machen könne, zeigt das unterkomplexe Denken und das charakterlich Defizitäre des Textes. Der Begriff „Fernsehhölle“ unterstellt, dass es ein kollektives Volk von Fernsehschaffenden gibt, welches kollektiv sündigt und gemeinsam vor einem Jüngsten Fernsehgericht steht. Diese Vorstellung entbindet einen von der persönlichen und individuellen Verantwortung. Aber: „Das macht die Branche eben so!“ ist schlicht und ergreifend falsch.

Ja, es gibt schlimme Beispiele, in denen arme Teufel zum Affen gemacht werden, in denen Unschuldige zynisch vorgeführt werden. Es gibt Formate, für die man nicht arbeiten sollte, weil sie böse sind und Dreck. Aber was für den Zuschauer gilt, gilt auch für Mitarbeiter: Der Zuschauer kann mit einer Fernbedienung ganz einfach wegschalten. Du willst es nicht sehen? Dann schalt’ um. Genauso leicht ist es, auch als freier Mitarbeiter (in Tilgens Diktion sind freie Mitarbeiter übrigens „Prostituierte“ und die Sender „Freier“) in zweifelhaften Situationen „Nein“ zu sagen. In der Regel wird das sogar geschätzt – man muss keine Angst haben, nicht mehr engagiert zu werden. Das Risiko ist jedenfalls zumindest nicht höher, als sich mit einer vermeintlichen „Branchenabrechnung“ ins Aus zu schießen. Aber irgendwie, und das scheint im Buch allenthalben durch, findet der Autor es auch megageil, den Zyniker am Set zu geben. Weil das aber auf der Sympathieskala nicht so gut ankommt, führt er auf einmal ökonomische Zwänge an. „Ich habe sechs Kinder zu ernähren“ ist die Paraphrase von „Ich weiß, dass mein Tun falsch ist, aber was soll ich denn machen?“ Das allerdings ist wohlfeil. Was für Brechts 20er Jahre galt, „erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, gilt für das 21. Jahrhundert nicht unbedingt. Wenn man für das Fressen zu sorgen hat, bleibt einem als Regisseur in der Regel noch hinreichend Kapazität für die Moral übrig, um nicht im Morast wühlen zu müssen. Zumal er ja selbst sagt, „die schwarze Liste des Einen ist die weiße Liste des Anderen“ und „irgendwo gibt es immer was“. Wenn also eine Entscheidung moralisch nicht vertretbar ist, warum sollte man sie dann treffen?

Ständig steht man ja, nicht nur im Berufsleben, vor der Entscheidung: Machen oder lassen? Und wer einen inneren Kompass hat, für den ist die Entscheidung meist nicht schwer. Klar, man trifft im Fernsehen solche Entscheidungen so gut wie nie alleine. Man liegt selbst nicht immer richtig, man setzt sich auch nicht immer durch, dazu sind viel zu viele Gewerke beteiligt - aber auch in diesen Fällen gibt es von „Da bin ich Dienstleister, dann mache ich das eben“ bis hin zu „Ich schmeiß denen alles vor die Füße“ einen bunten Strauß an Argumenten, Gesprächen und Diskussionen - man muss den Gegenstand seiner Beobachtung nur hinreichend lieben. Wer wie Tilgen aber eigentlich lieber zum Film gegangen wäre, an der Filmhochschule aber nicht genommen wurde..., tja.

Zugegeben: Im Showbusiness darf man nicht zimperlich sein – wir sind keine Klosterschüler, so weit gehe ich sogar mit. Warum? Weil Unterhaltung immer die markierte Form verlangt, das Besondere, Nichtalltägliche. Das herzustellen, bedarf auch eben immer der besonderen Anstrengung. Und selbst dann neigt sich einem die Wirklichkeit nicht immer bedeutsam zu – weshalb man manchmal auf dramaturgische Effekte, narrative Strategien, eben auf „Storytelling“ zurückgreifen muss. Das ist okay, das ist das Handwerk, deshalb heißt es ja auch „Show“. Show ist nicht die Abbildung der Realität, sondern folgt anderen Gesetzen – das heißt allerdings nicht, dass es in der Welt des Showbusiness kein Ethos, keine Würde, keine Herzenswärme oder keine Berufsehre gibt.

"Es gibt in jedem Genre wunderbare Unterhaltungsformate ohne die in diesem Buch allenthalben zu spürende Überheblichkeit."
Christoph Schulte-Richtering

Ich habe selbst mehr als einmal falsch gelegen, z.B., als ich bei „Wetten, dass..?“ stark für eine Stadtwette kämpfte, in der wir die Augsburger als Hommage an ihre „Puppenkiste“ dazu aufforderten, als „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ verkleidet ins Studio zu kommen. Das flog uns anschließend um die Ohren, weil viele kleine Jim Knopfs mit Kohle angemalt ins Studio kamen, und wir damit angeblich zu „Blackfacing“ aufgerufen hätten, was in der Öffentlichkeit als diskriminierend Schwarzen gegenüber empfunden wurde. Da hat der innere Kompass vielleicht versagt, wer weiß. Unsere Entscheidung ist allerdings nicht aus Zynismus oder Kälte entstanden, sondern einfach aus einer evtl. falschen Einschätzung der Situation. Aus solchen Fehlern lernt man – höchstwahrscheinlich würden wir heute anders entscheiden.

Wer wie Tilgen aber einen „Pissfleck“ bei einem DSDS-Kandidaten in Szene setzt und heute sagt, „das wurde erwartet, ich habe es gemacht und würde es auch wieder tun“, begeht nicht nur einen, sondern gleich drei Fehler: Nicht schon beim erstenmal „Nein“ gesagt zu haben. Dieselbe Entscheidung genau so wieder treffen zu wollen. Und drittens, das sogar im Bewusstsein, dass schon die erste Entscheidung ein Fehler war. Dann auch noch Anderen seine eigene Herzensträgheit, denselben Zynismus und denselben Frust zu unterstellen, der ihm selbst anscheinend über die Jahre hinweg die Venen vergiftet hat – da liegt er nicht nur falsch, sondern er handelt schlicht unredlich. Ich kenne hinreichend sowohl schlaue als auch verantwortungsvolle Senderredakteure, originelle und liebevolle Producer, warmherzige und leidenschaftliche Regisseure. Und um die anderen macht man, so weit es geht, einen großen Bogen.

Jetzt muss man sicher unterscheiden zwischen Show und Dokusoap, zwischen Scripted Reality und Dokutainment. Man muss unterscheiden, ob die Protagonisten Prominente sind (die von der Aufmerksamkeit leben) oder Menschen, die sonst nicht in der Öffentlichkeit stehen (und in ihrer gewohnten Welt evtl. Schwierigkeiten bekommen können). Aber wir alle sitzen im großen Boot der Unterhaltung – und es geht um die Deutungshoheit über das Ethos der Branche. Es gibt in jedem Genre wunderbare Unterhaltungsformate ohne die in diesem Buch allenthalben zu spürende Überheblichkeit. Formate, die mehrfach kodiert sind, die man also aus verschiedenen Beweggründen anschauen kann – einer davon mag von mir aus auch das Lachen über Andere sein; dann aber bitte nur über solche Protagonisten, die sich selbst das Hemd aufreißen und sagen, schaut mich an! Fair enough, wenn alle wissen, worauf sie sich einlassen.

Aber ich wehre mich dagegen, dass die moralische Bankrotterklärung eines einzelnen zynischen Spaßvogels einen ganzen Berufszweig in Verruf bringt. Dieses Buch ist nicht mehr und nicht weniger als ein trauriges Einzelfall-Dokument persönlicher Zerrissenheit - und nicht etwa der Zustandsbericht einer Branche.

Christoph Schulte-Richtering ist Buch- und Fernsehautor, arbeitete u.a. bei „Wetten, dass..?“, „TV total“, Der Deutsche Fernsehpreis“, „Bambi“, „Unser Lied für Lissabon“, „DSDS“, „Take me Out“ „Laureus World Sports Award“, „Neo Magazin Royale - Lass dich überwachen“, „Beginner gegen Gewinner“ und als Autor für Stefan Raab beim "TV-Duell Merkel-Steinbrück". Seine aktuelle Buchpublikation gemeinsam mit Frank Thelen: „Startup-DNA“.


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