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Èlite © Netflix
DWDL-Serienkritik

"Élite": Spaniens High Society zeigt, wie Soap funktioniert

 

"Die Telefonistinnen" war als erste spanische Netflix-Produktion ein Kritiker-Liebling. Nun folgt mit "Élite" der zweite Streich. In "Gossip-Girl"-Manier geht es in eine Elite-Schule Spaniens. Die Serie zeigt, dass eine Soap mehr kann, als nur berieseln.

von Kevin Hennings
05.10.2018 - 17:06 Uhr

Nahchdem die Skandinavier mit Nordic Noir inzwischen weltweit ein Begriff für gute Krimis sind, machen sich die die Spanier nun und nach weltweit einen Namen darin, wie feuriges Drama auszusehen hat. Als mit "Die Telefonistinnen" die erste spanische Netflix-Serie ins Programm aufgenommen wurde, zeigte das Land mit seiner einzigartigen Mischung aus Overacting und Leidenschaft, dass ein Drama nicht nach Hollywood-Rezeptur aufgebaut sein muss, um begeistern zu können. Dies war natürlich schon vor Netflix der Fall, was alleine schon Spaniens Kulturgut "Grand Hotel" beweist. Doch nun, wo Serien egal welcher Herkunft auf einer Plattform der ganzen Welt vorgestellt werden, kann das nicht nur das landeseigene Publikum bestätigen. "Élite", die zweite spanische Netflix-Produktion ist sogar noch ein bisschen mehr dafür prädestiniert, die breite Masse zu begeistern.

Den Mittelpunkt von "Élite" bildet die Las Encinas Schule. An ihr tummeln sich die Schüler reicher Eltern. Nach einem verheerenden Erdbeben, dem eine andere örtliche Schule zum Opfer fiel, werden jedoch drei Schüler an die Las Encinas vermittelt, die nicht so recht in diese High Society passen wollen. Sie gehören auf den ersten Blick zu den großen Gewinnern des Erdbebens, schließlich ihre alten Mitschüler auf andere, weniger prestigeträchtige Schule aufgeteilt. Doch schnell merken sie, dass sie als Kinder aus der Arbeiterklasse dort kaum willkommen sind. Der Zusammenprall von Arm und Reich entlädt sich schließlich sogar in einem Mord.

Die Voraussetzung für ein neues "Gossip Girl" sind also gegeben. Doch "Élite" strebt weit mehr an, als lediglich seinem vermeintlichen Vorbild nachzuhecheln. Die namhaften Autoren Carlos Montero ("Physical Or Chemical") und Darío Madrona ("The Protected") nehmen die Schablone einer typischen Teenie-Serie und verarbeiten sie zu einem modernen Werk, welches mit Klischees spielt und nicht nur simpel unterhalten kann, sondern obendrein auch weiterbildet. Zwar hat "Élite" hat allerhand flache Momente, die größtenteils durch eine Figur gedeckt werden: Christian (Miguel Herrán, spielt Rio in "Haus des Geldes") ist einer der drei auserwählten Jugendlichen und freut sich, endlich eine Gesellschaftsklasse aufzusteigen. Ihm sind die Bildungsmöglichkeiten egal, er will Selfies machen, einflussreiche Personen kennenlernen und flirten - dabei aber trotzdem sympathisch wirkt.

Mobbing aus einem anderen Blickwinkel

Doch neben vielen eingespielten Gags, die man nun als sinnvoll betrachten kann oder auch nicht, verfolgt "Élite" eine ehrenwerte Agenda: In der Geschichte geht es im Kern um Mobbing und die Auswirkungen, die eintreten, wenn Kindern nicht zugehört wird. Dieses Ziel hat bereits "Tote Mädchen Lügen nicht" verfolgt, jedoch in einer extremeren Art, die nicht jeden Storystrang glaubwürdig erschienen lies. "Élite" bleibt trotz seines Soap-Konzepts und der bekannten spanischen Feurigkeit jedoch gerne auf dem Boden der Tatsachen und vermittelt Charaktere, die absolut nachvollziehbar handeln und das Problem authentisch näher bringen.

All der Luxus, der wie in "Gossip Girl" in beinahe jeder Einstellung näher gebracht wird, folgt deswegen auch immer der Regel, einen Zweck erfüllen zu müssen. In feinster Bildsprache vermittelt Showrunner Francisco Ramos ("Drei Meter über dem Himmel") durchgehend den dunklen Kontrast zwischen armen und reichen Schülern und schürt immer weiter die Erkenntnis, dass ein Mensch nicht daran gemessen werden sollte, auf welcher Seite er steht.

Die Netflix-Produktion braucht jedoch keinen erhobenen Zeigefinger, um mit solch einem Thema gerecht umzugehen. Es sind die kleinen Nuancen, die "Élite" so sehenswert machen. Sei es die Hijab-tragende Muslimin (Mina El Hammani), die auf den ersten Blick absolut gar nicht in diese Party-Welt passen möchte. Doch auch diese Vorurteile werden mit bravour verarbeitet. "Hier ist alles, was du an der westlichen Welt hasst", bekommt sie von einer Mitschülerin gesagt, die nicht verstehen kann, warum eine Frau freiwillig ein Kopftuch trägt. Die von El Hammani verkörperte Figur reagiert auf diese und andere Szenen stets mit intelligenten und schlagfertigen Antworten. Dazu kommt eine schwule Lovestory, die einmal mehr zementiert, dass das das normalste der Welt ist und genauso romantisch sein kann, wie ein "La La Land".

Die ebenfalls spanische Serie "Haus des Geldes" wurde hier schon erwähnt. Miguel Herrán und auch María Pedraza (spielte dort Alison Parker) bilden jedoch nicht die einzigen Parallelen zu beiden Projekten. Ebenfalls im Cast vertreten ist Jaime Lorente, der in "Das Haus des Geldes" als Denver eine äußerst einprägsame Lache sein Merkmal nennen kann. Vom Gangster wurde er für "Èlite" zum nächsten Rowdie, der sich ungern unterordnet. Auch wenn die Serie gerne mit ihm beworben wird, stellt er bei weitem nicht die eindrucksvollste Performance dar. Wie auch schon in "Tote Mädchen lügen nicht" etabliert Netflix hier unbekannte, junge Schauspieler, die gehöriges Talent mitbringen.

Genauso wichtig, wie die Tatsache, dass "Élite" ein wichtiges Thema ansprechen möchte, ist die Gewissheit, dass dies mit packender Spannung passiert. Keine Szene wird aus Gründen der Zeitfüllung inszeniert, sondern immer, um ein Puzzlestück zu liefern. Denn hinter all den "Gossip Girl"-Vergleichen versteckt sich tatsächlich auch noch ein ausgefuchster Krimi, der unbedingt gelöst werden möchte. "Vielleicht ist es nicht das, wonach es aussieht", erwähnt ein Charakter im Laufe der Geschichte. Das gilt auch, wenn man diese Teenie-Soap bereits im Vorhinein abschreiben möchte.

Alle acht Folgen der ersten Staffel von "Élite" stehen ab sofort bei Netflix zum Streaming zur Verfügung.

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