Das Boot © Sky Deutschland/Nik Konietzny
DWDL.de-TV-Kritik zu "Das Boot"

Meisterwerk aufgetaucht: "Das Boot" trotzt Erwartungsdruck

 

Die Chance zu scheitern war bei einem so prominenten Erbe wie diesem enorm groß, doch Bavaria Fiction und Sky ist erfreulicherweise das Undenkbare gelungen: Die Serie "Das Boot" kombiniert erwartete Elemente mit komplexerer Story. Der Cast und ein Wiederhören mit Klaus Doldingers Score verzücken.

von Thomas Lückerath
23.11.2018 - 15:20 Uhr

Erst "Babylon Berlin", jetzt "Das Boot". Es sind Namen, die verpflichten. Bei Sky Deutschland liebt man die Herausforderung. War es beim ersten Mammutprojekt die ungewöhnliche und lange Entstehungsgeschichte, ist es nun bei „Das Boot“ eine der legendärsten Marken des deutschen Films, deren Wiederbelebung seit der Ankündigung große Erwartungen schürt. Glücklicherweise lässt sich sagen: Die von Bavaria Fiction für Sky produzierte Serie hält diesen Erwartungen stand und schießt - ohne das Erbe sentimentaler Nostalgie - bei der Generation U30 vielleicht sogar darüber hinaus.



Während „Babylon Berlin“ sich trotz einer wundersamen, beinahe als nationale Anstrengung zu beobachtenden „Wir Deutschen können endlich auch Serie“-Euphorie zu Lasten der Story mitunter etwas zu sehr in Schönheit und Atmosphäre verlor, schafft „Das Boot“ das fast Unmögliche: Mit gebührendem Respekt vor dem Original aus 1981 ist ein Highlight serieller Erzählung entstanden, das einerseits der berühmten Marke und Erwartung vieler gerecht werden dürfte, aber gleichzeitig eine spürbar eigene Handschrift trägt, die verhindert, dem Meisterwerk von damals und leidigen Vergleichen zu nahe zu kommen.

Dazu muss man zunächst wissen: Was heute Abend bei Sky1 startet und gleichzeitig bereits als ganze Staffel auf Abruf verfügbar sein wird, ist weder ein Remake noch eine Fortsetzung des Kultfilms von Regisseur Wolfgang Petersen. Bavaria Fiction und Sky waren gut beraten, mit dem ambitionierten Serien-Projekt nichts ersetzen zu wollen. Die Drehbuchautoren Tony Saint und Johannes W. Betz orientieren sich lose an Lothar-Günther Buchheims Romanvorlagen „Das Boot“ und „Die Festung“, schaffen etwas Eigenes. Die Thematik und selbstverständlich die einzigartige Titelmelodie von Klaus Doldinger wurden erhalten.

Erzählt - und von Regisseur Andreas Prochaska episch in Szene gesetzt - wird aber eine neue Geschichte, angesetzt im Jahr nach den Ereignissen aus dem gefeierten Film. Der zweite Weltkrieg läuft noch immer. Es geht um U-612 und seine junge Crew, aber auch um die besetzte französische Hafenstadt La Rochelle. Nach einem dramatischen, klaustrophischen Einstieg unter Wasser, der sich im Laufe der Staffel noch erklärt, beginnt die neue Serie so auch mit der gründlichen Einführung der Charaktere an Land - und wechselt in der gesamten Staffel immer wieder zwischen den Ereignissen an Bord von U-612 und in La Rochelle.

Damit öffnet sich „Das Boot“, schafft mehr Handlungsspielraum und damit auch Raum für starke Frauenfiguren. Beides ist unabdingbar. Auch wenn Wolfgang Petersens „Das Boot“ von epischer Länge war, so war es (zunächst einmal) ein Film. Im Jahr 2018 noch einmal Testosteron pur und dann gleich über die Länge einer achtteiligen Staffel zu erzählen, würde nicht nur wie aus der Zeit gefallen wirken und sich unnötig in direkten Vergleich mit dem Meisterwerk von einst bringen, sondern storytechnisch limitieren. Wenn „Das Boot“ heute auf Tiefgang geht, dann auch an Land.

Hier gewinnt die Serie an politischer Dimension und macht sie zu mehr als einem Abenteuer harter und weniger harter Jungs unter Wasser. An Land verfolgen wir die Geschichte der Übersetzerin Simone Strasser (gespielt von Vicky Krieps), einer Deutschen aus dem Elsass, die besetzten Frankreich von Haus aus zwischen den Stühlen sitzt. Sie will ihren Bruder in La Rochelle besuchen, doch das läuft für beide sehr schnell anders als gedacht. Nicht nur dank ihrer Französisch-Kenntnisse ist der örtliche Gestapo-Chef Hagen Forster, gleichermaßen unausstehlich und unwiderstehlich von Tom Wlaschiha, sehr an der jungen Frau interessiert.

Als Kommandant von U-612 ist die Figur des Klaus Hoffmann trotz des breiteren Feld an Charakteren im neuen „Boot“ so etwas wie die Hauptfigur der Serie und wird auf wunderbare Art undurchsichtig gespielt von Rick Okon, für den das Jahr 2018 auch dank seines Einstiegs beim „Tatort Dortmund“ der große Durchbruch ist. Der 29-Jährige war schon in dutzenden Film- und Serienrollen zu sehen, aber es gehört nach Sichtung der vorab zur Verfügung gestellten vier Folgen wenig hellseherische Fähigkeit dazu um festzustellen: Wie einst der Film 1981 wird auch die Serie für manchen zum Sprungbrett - für Rick Okon sicherlich.

Kommandant Holtmann ist der Sohn eines Kriegshelden und kämpft auch noch an Bord und selbst mit seiner Nr.2 auf See (überzeugend undurchsichtig gespielt von August Wittgenstein) gegen das Vorurteil, seinen Rang als privilegierter Sohnemann geschenkt bekommen zu haben. Ob er wirklich Führungsfigur oder das tragische Gegenteil ist - die kühle Mimik des Rick Okon macht es auch im Verlauf der Staffel noch zu einem schwer zu entschlüsselnden Geheimnis. Weniger als eine Folge wiederum dauert es, bis dank  der starken Bücher von Tony Saint und Johannes W. Betz klar ist: Frei von Schuld ist hier fast niemand, egal ob ambitionierter Kommandant, die so brave, aufrichtige Übersetzerin oder der vermeintliche Vaterlands-treue Bruder.

Das macht die Charaktere und damit die Serie komplexer, das Eintauchen so viel interessanter. Natürlich ist Wolfgang Petersens „Boot“ kompromissloser erzählt, punktete durch die Konzentration auf die testosterongeladene, klaustrophobische Atmosphäre im Boot und ihre Auswirkungen auf eine Besatzung in permanenter Alarmbereitschaft. So etwas hatte man zuvor noch nicht gesehen und hob sich in allen Belangen spürbar ab von dem, was (deutsches) Kino bis dato kannte. Die Sky-Serie erfindet das Rad in der Hinsicht nicht neu, aber läuft - übrigens optisch mit der Technik von heute zeitgemäß und wertig inszeniert - dank politischer Einbettung runder.

„Das Boot“ ist starkes zeitgemäß produziertes Fernsehen, das sich einreiht in historisch wertvolle und komplexe deutsche Erzähltradition a la „Unser Mütter, unsere Väter“, der Film-Ikone von einst würdig wird, bei den Klängen von Klaus Doldinger erneut Gänsehaut auslöst und uns einen unverbrauchten Cast präsentiert, bei dem mit Rick Okon ein bislang unter dem Radar getauchtes Talent zum Shooting Star wird. Mit diesen Vorrausetzungen hat die teuerste deutsche Serie bis dato - bei einem Budget von mehr als 26 Millionen Euro ist sie rechnerisch pro Folge noch einmal kostspieliger produziert als „Babylon Berlin“ - alle Voraussetzungen, um auch erfolgreich durch internationales Seriengewässer zu navigieren.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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