The Order © Netflix
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"The Order" auf Netflix: Die Tomacco unter den Serien

 

Die Qualität, die Netflix bei eigenproduzierten Serien mitbringt, kann sich in einer ungewöhnlich hohen Quote sehen lassen. Umso überraschender ist, dass bei der neuen Mystery-Produktion "The Order" beinahe nichts stimmen mag. Und doch lässt sie einen nicht ganz los.

von Kevin Hennings
07.03.2019 - 19:58 Uhr

Erinnern Sie sich noch an die Tomacco aus den "Simpsons"? In der wunderbaren Folge "Duell bei Sonnenaufgang" aus der elften Staffel kreuzt Homer Tabak- und Tomatensamen und kreiert damit ein wahrlich schreckliches Produkt, die Tomacco. Die Tomacco mutet von außen wie eine ganz normale Tomate an, füllt den Mund beim Reinbeißen jedoch mit einer gehörigen Ladung bitteren Tabak. Bart spuckt die Tomacco dementsprechend sofort wieder aus, als er sie probiert – nur um sich kurz danach die Nächste zu schnappen. Sie würde schrecklich schmecken, meint er. Mild, zart und erfrischend süchtig machend sei sie aber auch. 19 Jahre, nachdem diese Episode zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, hat Netflix seine ganze eigene Tomacco gezüchtet: "The Order".

Das Äußere

Netflix hat Marketingstrategien in petto, die sich gewaschen haben. Für den Spielfilm "Bird Box" wurde das Internet mit hausgemachten Memes überflutet, die suggerierten, dass Millionen von Menschen die Produktion mit Sandra Bullock hervorragend finden würden. Dementsprechend schauten ihn sich wirklich Millionen von Menschen an. Zeitgerechte Social-Media-Arbeit sorgt bei Netflix auch sonst regelmäßig dafür, dass die im stetigen Takt neu startenden Serien Originals ihr Publikum finden. Gleiches Spiel bei "The Order".

"The Order" kommt außerdem, ebenso wie viele andere Netflix-Serien, überaus schick daher. In einem High-Budget-Trailer wurde direkt ein Bild der Serie verkauft, das viele Versprechen abgegeben hat: Das Gefühl von "Harry Potter" soll mitschwingen, ebenso wie Nuancen "Twilights" und Charaktere á la "Vampire Diaries". "Riverdale"-Fans können sich ebenso angesprochen fühlen. Das ist eine Unmenge an Inspirationsquellen, die berücksichtigt werden sollten. Dementsprechend scheint es nicht verwunderlich, dass der stilvolle erste Eindruck das Beste ist, was "The Order" zu bieten hat.

Das Innere

Für die nächste Fassung des Dudens sollte sich der Langenscheidt-Verlag wirklich überlegen, "The Order" als Synonym für 'abgedroschen' zu nehmen. Nichts in dieser Serie kommt originell daher. Die von Jake Manley ("Heroes Reborn") verkörperte Hauptfigur, die es in einen geheimen Zirkel seiner neuen Uni schaffen möchte, unterbietet jede kitschige Teenie-Figur der letzten fünf Jahre. Nicht nur die Rolle ist lachhaft geschrieben, auch Manleys Performance wäre selbst für "Krass Schule" noch eine grobe Frechheit.

Der Fluch eines äußerst ambitionslosen Autoren-Teams traf nicht nur Manley, sondern den gesamten Cast. Die Dialoge sind ein Phrasengedresche sondergleichen und sorgen nicht nur dafür, dass der Zuschauer Nackenstarre von all dem Kopfschütteln bekommt. Auch die Charaktere wollen einem einfach nicht sympathisch werden. Sie haben derart wenig Profil, dass die Überlegung aufkommt, ob all das nicht explizit gewollt war. Womöglich sollte "The Order" so noch mysteriöser daherkommen, noch interessanter.

Das könnte sogar funktionieren, wenn denn wenigstens die Erzählung hoch innovativ wäre. Doch auch hier wäre es interessant zu hören, was den Showrunnern Dennis Heaton ("Gost Wars") und Shelley Eriksen ("Private Eyes") während der Dreharbeiten durch den Kopf ging. Vermutlich so etwas wie "…" und "Ja, genau wie bei Bella und Edward". Dabei ist die Ausgangslage gar nicht einmal so uninteressant: Der junge Jack Morton (Jake Manley) erhält die Zusage für sein Stipendium an der Belgrave-Universität, an der es angeblich auch den Hermetischen Orden der Blauen Rose geben soll. Es ist bereits von Anfang an Jacks Ziel, in diesen Geheimbund zu kommen, da er dort seinen Vater vermutet.

Jacks Großvater und er haben noch eine Rechnung mit ihm offen. So scheint er schließlich dafür verantwortlich gewesen zu sein, dass sich Jacks Mutter einst umgebracht hat. Als das Enkel-Opa-Gespann jedoch herausfindet, dass besagter Orden mit Zaubersprüchen hantiert und gruselige Masken trägt, wird die Situation etwas brenzliger. Neben diesem ansprechenden Story-Fundament wird dann auch noch mit einer geheimnisvollen Mordreihe gespielt - und anderen fantastischen Wesen wie Werwölfen.

Wer sich die erste Folge von "The Order" angesehen hat, wird wissen, dass das noch einigermaßen versöhnlich formuliert wurde. Im Großen und Ganzen kommt die zehnteilige Produktion leider wie eine außerordentliche Katastrophe daher, die alle bekannten Bausteine des Genres lieblos verwurstet.

Und doch sorgt "The Order" für einen Nachgeschmack, den rauchende Menschen nur zu gut kennen dürften. Man weiß, dass der Inhalt nicht gesund ist und es niemand mehr cool findet. Trotzdem muss einfach zur nächsten Kippe gegriffen werden – der Tomacco-Effekt. "The Order" ist so faszinierend schlecht gemacht und hat doch einen gewissen Mystery-Touch, dass es zu verlockend wirkt, einfach die nächste Episode anlaufen zu lassen. Oder, um es mit Lisa Simpsons Worten zu sagen: "Das ist ziemlich clever. Ich meine, für ein Produkt, das gemein und tödlich ist."

Die erste Staffel von "The Order" steht ab sofort bei Netflix als Stream bereit.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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