After Life © Netflix
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"After Life": Eine Ricky Gervais Prod..."ah, fuck off"

 

Ricky Gervais ist kein Comedian, der einfache Kost serviert. Typisch Brite ist er oft derb, stets unter der Gürtellinie und immer sarkastisch. Der 57-Jährige ändert sein Verhalten auch für seine Netflix-Serie "After Life" nicht, die an manchen Stellen für einen ordentlichen Kloß im Hals sorgt.

von Kevin Hennings
10.03.2019 - 12:15 Uhr

Ricky Gervais ist ein zynischer Bastard. Es ist keine Kunst, diese Tatsache zu erkennen. Dafür hat sich der britische Comedian viel zu oft auf die Bühne gestellt, um eben jenes Statement zu unterstreichen. Das eigentlich Faszinierende liegt darin, dass jeder seiner 13 Millionen Twitter-Follower und all die anderen Fans ebenfalls zynische Bastarde sind. Wie könnte man sonst nur gemeinsam über diese Art Humor lachen, die nicht einmal Halt vor Themen wie Transsexualität, Pädophilie und Autismus macht? Auch der Tod scheint ihm kein Areal zu sein, über das nicht gewitzelt werden sollte, wie er nun mit seiner neuen Netflix-Serie "After Life" beweist.

Normalerweise ist Ricky Gervais eine Person die immens polarisiert. Mit einem seiner Witze hat er beispielsweise Caitlyn Jenner beleidigt. Sie empfand das zumindest so. Die Frau, die einst als Bruce Jenner zur Welt kam, empfand es nicht als lustig, als er einen Scherz über ihr weibliches Fahrtalent machte. "Transphob!", schrie Jenner auf und verpasste leider den Moment der Erkenntnis, dass dem nicht so ist. Es war lediglich ein Witz, der aufgedeckt hat, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die gnadenlos dann aufhören zu lachen, wenn sie plötzlich der Mittelpunkt des Witzes sind.

Das Ricky Gervais keine Randgruppe mit seinen Schelmereien auslässt, macht ihn bei genauerem Hinschauen zutiefst sympathisch. Mit "After Life" nimmt er nun uns alle ins Visier, denn jeder Witz, den wir hier zu hören bekommen, hält uns gleichzeitig einen Spiegel vor die Nase.

Die Prämisse von "After Life" ist dabei denkbar pessimistisch: Tonys (Ricky Gervais) Frau stirbt an Krebs und sorgt damit dafür, dass er die größte Stütze in seinem Leben verliert. 25 Jahre lang waren sie glücklich verheiratet, spielten sich gegenseitig Streiche und ließen so all die grauen Probleme des Alltags vergessen. Jetzt will sich der Journalist einer Lokalzeitung einfach nur noch die Kugel geben. Er ist das personifizierte "Ohne dich ist alles doof"-Kissen. Nur mit der kleinen Ergänzung, dass er seinen Frust an seiner sozialen Umgebung auslässt.

Das tut er mit einer interessanten Feststellung: Da er sich eh schon umbringen wollte, und dies lediglich daran scheiterte, dass plötzlich sein Hund treudoof um die Ecke kam, sieht er sein ganzes Leben von nun an als "Bonus". Er sagt das, was er denkt und tut das, was er will. Wenn etwas schief geht, "kann ich mich immer noch umbringen. Das ist wie eine Superpower."

Fortan trottet er also mit der größten Ignoranz durch den Alltag, die ein Mensch an den Tag legen kann. Ricky Gervais, der das Ganze auch produziert und geschrieben hat, zeigt aber par excellence, dass es selten bis nie seine Ignoranz ist, die für eine eskalierende Szene sorgt. Nun, am Ende funktioniert Tony zwar stets wie ein Brandbeschleuniger – der anfängliche Funke kommt jedoch immer von der Gegenseite.

Wenn Tony beispielsweise mit seinem Hund im Park spielt und plötzlich ein aufmerksamkeitssuchender Bürger um die Ecke kommt, der ihm erklärt, dass er seinen Hund anleinen muss. Obwohl auf der Hundewiese sonst kein Mensch zu sehen ist. Oder wenn er im Restaurant ein Kindermenü bestellen möchte, weil er keinen großen Hunger hat und keines bekommt, weil es nunmal ein Kindermenü ist und die Kellnerin einfach nicht verstehen möchte, dass er für die kleinere Portion logischerweise auch weniger Geld bezahlt und es somit keinen Sinn macht die Kinderportion nur an Kinder verkaufen zu wollen.

Es sind Situationen wie diese, die zeigen, dass unsere soziale Umgebung übersät ist mit Schlaglöchern. Tony ist lediglich die gebrochene Figur, die uns ins Gesicht schreit, dass wir diese stopfen sollten. Würde nämlich mehr Verständnis und Freundlichkeit in menschliche Interaktionen gesteckt werden, könnte ein Mann wie Tony in Ruhe Trauern, ohne seine Verzweiflung an anderen Menschen auslassen zu müssen. Für einen sarkastischen Typen wie Ricky Gervais ist das Aufzeigen dieser Tatsache äußerst charmant gelungen.

Die Erzählung von "After Life" stellt außerdem eine Herangehensweise an den Trauerprozess dar, die zeigt, dass Comedy und Humor stets ein guter Rettungsanker sind. Es muss nicht nur getrauert werden. Aus diesem Grund werden beispielsweise in Indonesien Beerdigungen ausgiebig und fröhlich gefeiert, weil Lachen für die Menschen dort die bessere Option darstellt, wenn die Andere weinen bedeutet. So zumindest der Grundgedanke. Gervais zeigt mit "After Life" jedoch auch, dass es in ruhigen Momenten, in denen man für sich ist, absolut der Fall sein sollte, einfach mal losgelöst die Erinnerungen Revue passieren zu lassen. Hier überrascht Gervais besonders – er kann auch liebenswürdig.

Die restlichen Hohlräume von "After Life" werden mit gewohnten Gags gefüllt, die der Karriere des Gervais mehr als würdig sind. An manchen Stellen wird dabei überaus deutlich, dass sich die Zuschauer noch einmal an seinen Hit "The Office" erinnern sollen, oder dass ihm nicht viele Dinge wichtiger im Leben sind als Tierschutz. Es ist eine Herzensserie, die der Comedian hier umgesetzt hat und jeder von euch zynischen Bastarden sollte sie gesehen haben.

Die sechsteilige erste Staffel von "After Life" steht ab sofort bei Netflix zur Verfügung.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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