Mario Barth deckt auf © RTL
Journalismus wird zum schlechten Witz

"Mario Barth deckt auf" oder: Verantwortungsloses Fernsehen

 

Populistisch, einseitig, falsch: Für schnelle Gags und gute Quote leistet RTL mit der fragwürdigen Sendung "Mario Barth deckt auf" den journalistischen Offenbarungseid. Das empört, auch im eigenen Haus, weil es andere Ambitionen untergräbt.

von Thomas Lückerath
21.03.2019 - 15:20 Uhr

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Vergangene Woche Mittwoch widmete sich die RTL-Sendung "Mario Barth deckt auf" in einem ihrer Beiträge den viel diskutierten Diesel-Grenzwerten und Mario Barth lief in seiner Lieblingsdisziplin der pampigen Empörung zur Höchstform auf: Demonstriert werden sollte, wie lächerlich die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen und Europäischer Union festgelegten Werte in Wahrheit seien.

"Deutschland ist vor dem Aus. Viele Leute fallen reihenweise, sie sehen es Zuhause, einfach um (...) Jetzt plötzlich ist der Diesel ein noch größerer Bösewicht als Darth Vader (...) Sie sehen, es wird höchste Zeit, dass wir mal Licht ins Dunkel bringen"

Mario Barth in der Sendung "Mario Barth deckt auf" (13. März 2019)

Für die extra große Fallhöhe dieses populistischen, einseitigen und irreführenden Beitrags sorgte wie immer Mario Barth selbst, der mit seiner Sendung seit Jahren auf den Spuren der AfD wandelt: Als Möchtegern-Vertreter des kleinen Mannes empört sich Multimillionär Mario Barth fürs RTL-Publikum über die Dummen "da oben". Der Status Quo wird nie erklärt, aber immer lächerlich gemacht. Es folgt, so auch diesmal, dann nur die Sichtweise, die man gebrauchen kann.

Mit zu Rate gezogenen Experten wurden dabei hauptsächlich zwei Aspekte thematisiert: Dass manche Alltagssituation eine wesentlich höhere Gesundheitsbelastung darstellen als der Grenzwert für Diesel-Abgase von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter und dass Raucher angeblich schon nach wenigen Monaten so viel Stickoxide einatmen wie jemand, der an einer vermeintlich gefährlich belasteten Straße lebe - und dies ja auch überleben würden.

Mit einem Messgerät beweisen Mario Barth und seine Experten: Brennende Kerzen (75 µg/m3), ein Gasherd (118 µg/m3) oder das Rauchen einer Zigarre (400 µg/m3) überschreiten den so oft berichteten Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter um ein Vielfaches. Man sieht einen röchelnden Mario Barth. "Das ist schon fast der Tod". Alarmsirene und plakative Einblendung vermitteln höchste Gefahr.

Mario Barth deckt auf

"Wenn ich zuhause koche, ist das gesundheitsschädlich. Grob fahrlässig", behauptet Barth noch. Mit gesundem Menschenverstand könnte man an der Stelle schon mal hinterfragen, ob diese Behauptungen nicht irgendwie Quatsch sein könnten. Dabei ist des Rätsels Lösung simpel, wenn man wirklich daran interessiert wäre, Licht ins Dunkel zu bringen. Temporäre und mit nur 50cm Abstand gemessene Werte sind nicht vergleichbar mit den für Diesel-Fahrverbote relevanten Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter.

"Wir wollten mit diesem Experiment nur exemplarisch zeigen, wie der Jahresmittelwert überschritten werden kann", erklärt RTL in dieser Woche auf Nachfrage des Medienmagazins DWDL.de und ergänzt dann einen sehr interessanten, entscheidenden Punkt: "Natürlich ist eine Momentaufnahme nicht 1 zu 1 mit einem Jahresmittelwert zu vergleichen." Genau das aber tat die Sendung! Genau so wurde es dargestellt. Weiter heißt es von RTL: "Der Dieselskandal und die damit verbundene und anhaltende kontroverse Experten-Diskussion zum Thema Messwerte zeigen, dass es hier keine einhellige Meinung gibt. Diesen Zustand haben wir mit dem Beitrag versucht abzubilden."

Manchmal wäre es Sendern zu empfehlen, ihr eigenes Programm zu gucken, denn abgebildet wurde nur eine Sichtweise. Die Kontroverse wurde nicht thematisiert. Im Nachhinein darauf zu verweisen, dass das Thema sehr komplex sei, könnte ein Hinweis dafür sein, dass man es sich nicht so einfach hätte machen dürfen. Aber es wird noch besser (oder schlimmer, je nach Betrachtung):  "Mario Barth deckt auf" stellte auch noch einen Vergleich auf, den ursprünglich der zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Lungenfacharzt Dieter Köhler ins Spiel gebracht hatte, um den Irrsinn der Stickoxid-Grenzwerte zu entlarven. Seine Ende Januar veröffentlichte Stellungnahme hatte zunächst für viel Wirbel gesorgt, galt Skeptikern der ganzen Debatte als lange erhoffter Beweis: Die Hysterie um die Grenzwerte ist übertrieben.

Mitte Februar jedoch kam dann nach inzwischen vielfach gestützten Berechnungen der "taz" heraus: Köhler hatte sich mehrfach verrechnet. Seine Behauptung, wer an einer viel befahrenen Straße wohne und 80 Jahre alt werde, atme während seines Lebens nur so viel Stickoxide ein wie jemand, der einige Monate eine Packung Zigaretten am Tag raucht, war demnach falsch. Richtig ist: Die Belastung des Anwohners wäre so hoch wie nach sechs bis 32 Jahren Rauchen.

Sie ahnen schon richtig: "Mario Barth deckt auf" wiederholte vergangene Woche trotzdem die längst widerlegte These von Dieter Köhler, gespickt mit bissigen Kommentaren von Mario Barth gegen die vermeintlich sinnlos festgelegten Grenzwerte, die für Zuschauerinnen und Zuschauer dieses Beitrags aber tatsächlich beliebig wirken müssen. Es kann fürs RTL-Publikum kein Zweifel daran bestehen: Mario Barth hat wieder einmal die Wahrheit aufgedeckt!

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