Denn sie wissen nicht, was passiert © TVNow / Gregorowius
Hallo, RTL! Ist da noch jemand?

Wie RTL Jauch, Gottschalk und Schöneberger hängen lässt

 

"Denn sie wissen nicht, was passiert" kehrte bei RTL am Samstag mit guten Quoten zurück – trotz einer regelrechten Arbeitsverweigerung des Senders im Bereich Marketing, Online und Social Media. Es ist zum Verzweifeln...

von Uwe Mantel
05.05.2019 - 14:10 Uhr

Vielleicht muss ich zunächst eines vorausschicken: Ich bin ein Fan von "Denn sie wissen nicht, was passiert". Ich habe im vergangenen Jahr die erste Show gesehen und war einigermaßen enttäuscht. Doch nach zunehmend positiven Kommentaren, habe ich der Show zwei Wochen später nochmal eine Chance gegeben – und war begeistert. Es ist das erste neue abendfüllende Show-Format seit Jahren, auf das ich mich richtig freue. Weil ich nach vier Stunden viel gelacht habe und mit guter Laune aus dem Abend gehe. Weil man es wunderbar mit Freunden oder der Familie anschauen kann. Weil sich der Spaß an der Freude und dem Konzept innewohnenden Chaos, den die Protagonisten augenscheinlich vor der Kamera empfinden, aufs Publikum überträgt.

Um so mehr kann ich mich darüber aufregen, dass bei RTL und RTL Interactive anscheinend niemand bemerkt, welches Juwel man im Programm hat. Anders ist der stiefmütterliche Umgang des Senders mit dem Format kaum zu erklären. Das fing schon bei den Screenforce Days im vergangenen Jahr an, wo die Sender ihre Programmpläne für die kommende Saison vorstellten. Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show fand da gar nicht erst statt, obwohl die Pläne schon bekannt waren. Dann rückte die Ausstrahlung näher – doch von einer Werbekampagne für eine Sendung, für die man immerhin drei der bekanntesten Moderatoren einspannt, war weit und breit nichts zu sehen.

In diesem Jahr motzte man die Show nun – längst überfällig – zur Livesendung auf. Doch auch diesmal hatte das RTL-Marketing offenbar andere Prioritäten. Nun beschäftige ich mich beruflich mit dem Fernsehen, doch selbst ich stellte wenige Tage vorher eher zufällig und leicht überrascht fest, dass nun schon die nächste Ausgabe der Sendung auf dem Programm stand. Womöglich gab es Trailer im RTL-Programm. Ob das so ist, weiß ich nicht, denn nicht nur Serien, auch andere TV-Inhalte nutze ich meist auf Abruf, weniger im linearen Fernsehen. Und wenn man sich die rapide gesunkenen Reichweiten der Privatsender in den vergangenen Jahren ansieht, dann wäre es höchste Zeit, dass die Sender erkennen, dass ich kein Einzelfall bin - und verstehen, dass die Bewerbung im eigenen Programm eben inzwischen nicht mehr genug ist, um die potentiell an einer neuen Sendung interessierten Menschen zu erreichen. Auch wenn die Quoten von "Denn sie wissen nicht, was passiert" alles in allem erfreulich sind: Dass insgesamt bei einer derart prominent besetzten Show weniger als drei Millionen Zuschauer einschalten, kann noch nicht das Ende der Fahnenstange sein.

Auch wenn man einen Schwerpunkt des Marketings verständlicherweise auf TV Now legt – dass man nebenbei noch einen nicht ganz unbedeutenden linearen Sender betreibt, sollte man nicht ganz vergessen. Und vielleicht könnte man auch nochmal darüber nachdenken, ob das Marketing-Budget wirklich jedes Jahr in "DSDS" gesteckt werden muss. Die Zahl der Menschen, die an einem Bohlen-Plakat vorbei gehen und denken "Ach, der macht jetzt auch mal was im Fernsehen" dürfte nach 16 Staffeln überschaubar groß sein – und jedenfalls kleiner als die, die sich denkt: "Wie, Jauch, Gottschalk und Schöneberger machen jetzt zusammen eine Show und wissen nicht, was passiert?"

Doch mal davon abgesehen: RTL – bzw. RTL Interactive - nutzte ja noch nicht mal seine eigenen Kanäle. Die Social-Media-Accounts von RTL blieben am Samstagabend fast völlig unbespielt, von ein paar wenigen Tweets mal abgesehen – bei einer Live-Sendung, bei der andere Sender mit großer Twitter-Begleitung, Instagram-Stories und ähnlichem aufwarten. Und das ist schon allein deswegen tragisch, weil es eine Sendung ist, die in den sozialen Netzwerken auf eine für RTL völlig untypische Sympathie stößt. Der Sender, um dessen Image es noch immer nicht zum Besten steht, könnte sich in positiven Kommentaren geradezu suhlen, lässt dieses Feld aber komplett brach liegen.

Den endgültigen Tiefpunkt bildet schließlich RTL.de. Auch wenn man sich inzwischen als General-Interest-Portal begreift, stellt sich schon die Frage, wieso die Sendung dort überhaupt nicht stattfindet. Bild.de beispielsweise hat – wenn auch spät erst am Sonntagmittag – einen Artikel zur Show online. Auf der sendereigenen Seite findet die Sendung hingegen gar nicht statt. Noch nicht mal, wenn man die Unterseite "Unterhaltung – TV" aufruft. Und die offizielle Seite zum Format grenzt dann schon fast an Sabotage des eigenen Programms. Noch nicht mal für ein Foto von Jauch, Gottschalk und Schöneberger hat es gereicht, aktuelle Sendetermine findet man ebensowenig. Einzig ein Pressetext aus dem vergangenen Jahr ist dort zu lesen. Man muss sich angesichts dessen schon die Frage stellen: Wissen eigentlich die Verantwortlichen für RTL.de, für die Social-Media-Kanäle und fürs Marketing überhaupt noch, was im RTL-Programm passiert? Und zwar über "Let's dance" hinaus? Denn dort macht RTL ja vor, dass man die Klaviatur eigentlich beherrscht, flutet die sozialen Netzwerke, veröffentlicht unzählige Videos und Artikel. Um so unverständlicher ist die völlige Funkstille nur einen Tag später.

Über den Autor

Uwe Mantel ist stellvertretender Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Schaut seit den 80ern Fernsehen und schreibt seit 2004 auch darüber. Kann sich sowohl in gute Serien als auch trockene Zahlen vertiefen. Und seine fränkische Herkunft nicht verleugnen.

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