Surviving R. Kelly © A&E
Zur Deutschlandpremiere bei A&E

"Surviving R. Kelly": Wer bin ich, dass ich nicht urteile?

 

Nachdem R. Kelly vor langer Zeit jegliche Missbrauchsvorwürfe bestritten hat und selbst vor Gericht freigesprochen wurde, ging die Diskussion mit "Surviving R. Kelly" von vorne los. Das True-Crime-Format glänzt mit emotionaler Aufmachung und wirft eine Frage auf, die wir uns alle stellen sollten.

von Kevin Hennings
18.05.2019 - 12:48 Uhr

Na, wie wäre es mit einem Ohrwurm? Mit großer Sicherheit müssen Sie direkt mitsummen, wenn "I Believe I Can Fly" angestimmt wird. Nein? Wie wäre es dann mit "Ignition"? Sie wissen schon, der Hit von 2002 mit folgenden Textzeilen: "So baby gimme that toot toot, lemme give you that beep beep." Hach, ein Song, der auch 17 Jahre nach Release auf keiner Karaokeparty fehlen darf. Der Schöpfer beider Songs, R. Kelly, ist jemand, der ein Händchen für einprägsame Musikstücke besitzt. Das kann ihm schwer abgesprochen werden. Doch in den vergangenen Jahren gab es auch immer schwerwiegende Vorwürfe gegen den Musiker: Die R'n'B-Ikone soll mehrere Frauen belästigt, verletzt und vergewaltigt haben. Das war bereits vor der polarisierenden Dokumentation "Surviving R. Kelly" ein Thema.

Die ersten Missbrauchsvorwürfe kamen schon vor 25 Jahren auf. R. Kelly, damals 27 Jahre alt, heiratete die Sängerin Aaliyah – die, wie kurz darauf ans Licht kam, gerade einmal 15 Jahre alt war. Die schnell annullierte Ehe mündete in zahlreichen Meldungen von anderen Frauen, die meinten, sie seien sogar von ihm misshandelt worden. Ein Großteil von ihnen wäre zu diesem Zeitpunkt ebenfalls minderjährig gewesen. 2002 stand R. Kelly außerdem vor Gericht, da er scheinbar im Besitz von Kinderpornografie war. Es handelte sich um ein Video, das ihn angeblich beim Sex mit einer 14-jährigen gezeigt hat. Während all die anderen Anschuldigungen nach und nach aus den Medien verschwanden, wies der zuständige Richter auch diesen Fall ab. R. Kelly sei unschuldig.

Im selben Jahr durfte der Chartstürmer die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City eröffnen. Als sei nichts gewesen. Erst mit der überraschenden Veröffentlichung von "Surviving R. Kelly" scheint sich die Lage um den undurchsichtigen Musiker derart zu verschärfen, wie es bislang noch nicht der Fall war. Es kann auch keinem Zuschauer angekreidet werden, dass er sich von der gezeigten Berichterstattung in "Surviving R. Kelly" zu einem gewissen Maß beeinflussen lässt. Die eigenproduzierte Doku-Serie von A+E Networks kommt mit seiner fein ausgearbeiteten Detailarbeit wie ein Augenöffner daher, dem jedes Wort Glauben geschenkt werden möchte.

In der Tat stellt "Surviving R. Kelly" all das dar, weshalb True-Crime-Formate immer mehr an Beliebtheit gewinnen. Packende Interviewschnipsel, die perfide in die Kleinstarbeit gehen, ergänzen sich wunderbar mit wohlüberlegten Bildern, die alle ihre gewünschtes Ziel der emotionalen Regung erreichen. In Sachen Qualität kann dieser Produktion wirklich nichts nachgesagt werden.

Surviving R. Kelly © A&E

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es kommt jedoch eine ethische Hinterfragung hinzu, die nicht nur die Macher anregen sollten, sondern auch uns als Zuschauer. Die anfängliche Intention des Releases von "Surviving R. Kelly" soll in diesem Zuge jedoch nicht geschmälert werden: Es ist Fakt, dass diese Dokumentation eine Ermittlung ausgelöst hat, die Jahre zu spät kommt. Die ganze Welt hört nun Frauen zu, die potentiell von diesem Mann vergewaltigt wurden. Das ist wichtig und erschütternd zugleich, da es die Möglichkeit aufzeigt, dass die Justiz ohne die mediale Gewalt scheinbar ihren Job verfehlt.

Demgegenüber steht die Eventualität, dass hier eine große Verschwörung herrscht, in der besagte Frauen lediglich an das Geld des bekannten Musikers gelangen möchten. So unschön diese Vorstellung ist, könnte sie möglich sein, solange R. Kelly nicht offiziell verurteilt wurde. Doch spielt dies nach der Ausstrahlung von "Surviving R. Kelly" so gut wie keine Rolle mehr für die allgemeine Zuschauerschaft, die sich durch die spannende Doku-Serie schnell ein gänzlich eigenes Bild machen kann: "R. Kelly ist ein Monster!"

Es ist schlicht Rufmord, der hier einher geht. Michael Jackson ereilte dieses Jahr das gleiche Schicksal: "Leaving Neverland" hinterließ viele Menschen mit der felsenfesten Überzeugung, dass der King of Pop ein pädophiler Verbrecher sei. Nur wurde er wegen genau diesem Fall bereits vor Jahren vor Gericht freigesprochen und kann sich nun, nach seinem Tod, überhaupt nicht mehr zu der Sachlage äußern. Handfeste Beweise gab es auch in diesem Fall nicht.

In beiden Dokumentationen wird mittels Texttafel erklärt, dass die Gegenseite miteinbezogen werden sollte. Diese wollte allerdings nie kooperieren. Mit diesem Wissen ist "Surviving R. Kelly" zwar weiterhin eine einseitige Dokumentation, aber mit der wichtigen Ergänzung, dass der Angeklagte gezielt auf das eigene Wort verzichtet hat. Nun kämpft er um sein Leben.

Sowohl Macher als auch Zuschauer müssen sich also hinterfragen, wie weit diese Dokumentation geht, vor der man sitzt. Stellt sie lediglich Thesen dar, oder geht sie sogar soweit, Urteile zu bilden, die eigentlich nur vor Gericht getroffen werden sollten? Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge, dessen Ausgang erst Monate oder gar Jahre später durch einen Richter entschieden wird. So oder so ist die im Zentrum stehende Person direkt der Gebrandmarkte, der ab sofort in der Lage des Schuldigen steckt. Doch war der Zweifel nicht einst für den Angeklagten?

A&E zeigt "Surviving R. Kelly" vom 18. bis 20. Mai 2019 täglich jeweils ab 20:15 Uhr in Doppelfolgen. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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