Das Wichtigste im Leben © TVNOW / Martin Rottenkolber
Neue Vox-Serie mit Jürgen Vogel

"Das Wichtigste im Leben": Die Fankhausers von nebenan

 

Realitätsnah und einfühlsam schildert Vox in seiner dritten fiktionalen Eigenproduktion den Alltag einer Bonner Familie, in der alle auf der Suche nach sich selbst sind. Das gelingt erst hervorragend. Und kippt dann schnell in die Alltagsmelancholie.

von Peer Schader
05.06.2019 - 10:21 Uhr

„Man sieht nur mit dem Streaming-Dienst-Abo gut. Die Wirklichkeit ist für das deutsche Fernsehen unsichtbar.“ So lautet eine alte Weisheit über die Mühen des Mediums, Realität auch im Fiktionalen so abzubilden, dass sie nicht in Stereotype oder Eskapismus umkippt. An diesem Mittwoch wird sie ein für alle Mal zerschmettert – nicht von den öffentlich-rechtlichen Sendern, denen für Familienserien weiterhin vorrangig Geschichten über Ärzte, Lehrer und Pfarrer einfallen. Sondern von Vox. Und zwar, obwohl auch „Das Wichtigste im Leben“ (Produktion: Bantry Bay) nicht von sich behaupten kann, frei von Klischees zu sein.

„Man hat mehr vom Leben, wenn man positiv denkt. Die schlechten Dinge passieren so oder so“, sagt Sandra Fankhauser, Mutter und scheiternde Youtube-Kochkurs-Anbieterin. Am liebsten möchte man sich da neben sie aufs Sofa setzen und ihr zuflüstern: Dann geh halt ins Erste. Aber bis dahin hat sich Creative Producer Richard Kropf schon so viel Mühe gegeben, mit seiner Serie alles anders zu machen, dass man als Zuschauer bereit ist, dafür die regelmäßig wiederkehrenden Kitschaustrutscher zu verzeihen.

Ganz normaler Familienalltag

Zumal es im Alltag der Fankhausers sonst ganz schön zur Sache geht. Tochter Luna meckert: „Papa, manchmal check ich nicht, was du dir eigentlich denkst.“ Sohn Philipp hat keine Lust mehr, Profisportler zu werden. „Du bist gerade dabei, den größten Fehler deines Lebens zu machen“, mahnt der Vater. Und die Mutter macht die Ansage vorm Geburtstagskaffee bei Opa: „Wär schön, wenn wir uns heute mal alle ein bisschen Mühe geben.“ Da können sich Fankhausers ein Beispiel an denen nehmen, die sie erschaffen haben. Denn die haben schon mal ganz gut vorgelegt.

Das Wichtigste im Leben© TVNOW / Martin Rottenkolber

Der Schuleignungstest von Theo läuft nicht so, wie sich die Eltern das vorgestellt haben.

Das Besondere an „Das Wichtigste im Leben“ ist, dass sich die Serie von Anfang an vollständig frei davon macht, irgendwie besonders sein zu müssen. Es gibt keine klassischen Cliffhanger, keine Schockmomente, keinen Druck, größer sein zu müssen, als das, was man abbilden möchte: den Alltag einer verhältnismäßig durchschnittlichen Familie im Deutschland des Jahres 2019. Mit allen Hochs und Tiefs, Streits und Zweifeln, die dazu gehören. Das gelingt – zumindest in den ersten Folgen – nahezu perfekt. Und ist eine riesige Überraschung, weil es mit den etablierten Sehgewohnheiten bricht, ohne sich dafür besonders verrenken zu müssen

Ambilvalenz der Charaktere

Zum Start singen Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch „Das Leichteste der Welt“ („Ich hab Euch Blumen und Pralinen vom Arsch der Hölle mitgebracht“), und es dauert nicht lange, um in die Welt der neuen Nachbarn hinein zu gleiten. Theo (David Grüttner) soll eigentlich dieses Jahr in die Schule kommen, aber dann läuft ihm Hund Fredo weg und er macht komplett dicht. Luna (Bianca Nawrath) ist heimlich in den Stiefbruder ihrer besten Freundin verliebt. Vater Kurt, genannt Schorly (Jürgen Vogel), kann nicht verschmerzen, dass sein Ältester nicht die Basketball-Karriere machen will, die ihm selbst in seiner Jugend verwehrt blieb. Und Mutter Sandra (Bettina Lamprecht) möchte, nachdem sie Jahre lang nur für die Familie da war, endlich ein eigenes Café eröffnen. Die vielleicht intensivste Entwicklung macht aber Adoptivsohn Phillipp (Sidney Holtfreter) durch, der nicht mehr verheimlichen mag, wofür er wirklich brennt: Ballett. „Ich will tanzen“, lässt er sein überraschtes Umfeld wissen. „Und mir ist ganz egal, ob euch das passt oder nicht.“

Es passt den Eltern nur so mittel. Jedenfalls lügt Kurt dem Basketball-Team, das er trainiert, was von einer Verletzung vor, wegen der Philipp nicht mehr kommen kann; und Opa soll auch erst besser nicht erfahren, dass der Sohn dem tradierten Rollenbild nicht mehr gerecht werden mag. Bloß nicht aufregen.

Das Wichtigste im Leben© TVNOW / Martin Rottenkolber

Philipp (2.v.l.) wird für die Ballett-Ausbildung auf der Schule von Dinko aufgenommen.

Die Ambivalenz der Charaktere, die sich in kleine Alltagslügen verstricken, um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, ist eine große Stärke der Serie, einerseits. Und trägt andererseits dazu bei, dass „Das Wichtigste im Leben“ bereits nach zwei Folgen so sehr in die Alltagsmelancholie zu kippen droht, dass es ein bisschen viel wird.

Nicht nur Sandra sagt plötzlich Saint-Exupéry-haft Sinnsprüche auf, die sich mühelos auf Dekoartikel und Badspiegel drucken ließen. Auch Philipps strenger Tanzlehrer Dinko (Aleksandar Jovanovic) balanciert mit seiner Tanzmystik auf einem schmalen Grat zwischen Authentizität und Albernheit. Im Laufe der Zeit wird es anstrengend, mit allen Charakteren gleichermaßen mitzuleiden, nachdem sich jeder in seinen eigenen Problem-Cocoon verpuppt hat. Dann lockert die Erzählung auch noch ihre Realitätslogik, um die benötigten Erzähleffekte zu erzielen: neue Charaktere tauchen aus dem Nichts als Problemlöser auf; mal kurz schmunzeln über die komischen Nachbarn mit ihren Smart-Fridge-Sorgen; am Ende fügt sich alles irgendwie.

Genre-Grundmodernsierung gelungen

Dabei ist die Serie immer dann am besten, wenn sie als eine Art Coming-of-Age-Geschichte funktioniert – und zwar für alle Altersgruppen. Sämtliche Hauptcharaktere kämpfen mit sich und ihrer Identität, müssen eigene Herausforderungen meistern. Dabei versäumen die Macher, zwischendurch doch noch mal Tempo und Tonalität zu wechseln, um aus ihrem eigenen Trott auszubrechen. Genau das wäre aber ganz gut gewesen.

Die Grundmodernsierung des Genres gelingt „Das Wichtigste im Leben“ zwar mühelos; und als Spiegel deutscher Mittelstandsrealitäten ist Kropfs Erzählung jeder anderen aktuellen deutschen Produktion weit überlegen. Aber das reicht bis einschließlich Folge 4 (die Vox vorab zur Verfügung stellte) nicht, um unter Beweis zu stellen, dass die Verantwortlichen mehr wollen als abzubilden (und dabei die richtige Atmosphäre zu treffen). Zum Beispiel: Zuschauer fesseln und überraschen – was ganz unbedingt zum Anspruch guter Fiktion gehören müsste. Erst recht, um Zielgruppen zu erreichen, in deren Alltag das klassische Fernsehen eine immer geringere Rolle spielt – und die trotzdem einschalten sollen, um zu merken: Die sind ja wie wir.

Vox zeigt „Das Wichtigste im Leben“ mittwochs um 20.15 Uhr in Doppelfolgen.


Über den Autor

Peer Schader arbeitet als freier Journalist in Berlin. Schrieb seine erste TV-Kritik 2000 über eine RTL-II-Fahrschuldokusoap (und danach noch ein paar mehr). Mag Fernsehen vor allem dann, wenn es sich richtig viel Mühe gibt, sein Publikum zu fesseln.

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