In bester Verfassung © ZDF/Joscha Seehausen
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"In bester Verfassung": Polit-Satire, die zu Klamauk verkommt

 

Mit "In bester Verfassung" bringt das ZDF eine neue Serie an den Start, die vor allem das YouTube-Publikum ansprechen soll. Doch was als Polit-Satire gemeint ist, entpuppt sich zu oft als flacher Klamauk. Dabei bietet die Geschichte eigentlich viel mehr.

von Kevin Hennings
06.06.2019 - 15:31 Uhr

Die Flüchtlingsdebatte. Kaum ein Thema hat die gesellschaftliche Diskussion in den vergangenen Jahren derart geprägt - und auch im Fernsehen wurden bereits viele Seiten beleuchtet. So gesehen durfte man gespannt sein, wie sich das ZDF in seiner neuen Polit-Satire "In bester Verfassung" mit der Thematik auseinandersetzen würde, zumal hinter dem Projekt das "TV-Labor Quantum" der ZDF-Nachwuchsredaktion "Das kleine Fernsehspiel" steht, wo schon andere ungewöhnliche Serien wie die mit einem iEmmy prämierte Produktion "Familie Braun" entstanden sind. Vorweg sei gesagt: Auch "In bester Verfassung" verfolgt einen spannenden Ansatz. Schöner aber wäre es gewesen, hätten Fabian Siegismund und Joseph Bolz diesen mit deutlich mehr Scharfsinn versehen; mit Witz und frischen Ideen.


Stattdessen wirkt die Serie an vielen Stellen, als ginge es nur darum, Klischees zu bestätigen. Dabei ist die Grundidee vielversprechend: Das kleine, nordrhein-westfälische Kaff namens Niederlützel ist ein Dorf wie jedes andere, mit Schweinewiesen und einem Bürgermeister, der glaubt, New York City zu regieren. Tatsächlich ist einzig und allein die kurze RAF-Historie erwähnenswert, die dem Dorf vor einer langen Zeit eine winzige Rolle im Kampf gegen den Terror einbrachte. Die Verfassungsschutz-Dienststelle, besetzt von Mechthild Dombrowski (Gudrun Landgrebe, "Weinberg") und Paul Horner (Uke Bosse), hat aber schon lange keine Daseinsberechtigung mehr. Und so fristen die beiden eine ebenso traurige Existenz wie die restlichen Dorfbewohner.

Als die Zentrale irgendwann endlich beschließt, ihren Standpunkt nach mehr als drei Jahrzehnten wegen Unterbeschäftigung dicht zu machen, ist das Katastrophe für die verbitterte Dombrowski und den Dorftrottel Horner, die ins "verschissene" Rostock versetzt werden sollen. Zum Glück kommt ihnen aber ein Geistesblitz: Durch eine alte RAF-Bombe, die sich noch in ihrem Fundus befindet, erschaffen sie durch eine mehr oder weniger gezielte Sprengung den Anschein, dass sich der Islamische Staat auf Niederlützel fokussiert hat. Der Plan geht zunächst auf, mit dem Ergebnis, dass die leicht reizbare rechte Seite des Dorfes ans Tageslicht befördert wird.

Es ist ein Szenario, das geradezu dazu einlädt, persifliert zu werden, weil es wichtig ist zu zeigen, wie einfach es ist, so manchen Bürger davon zu überzeugen, dass dieses Land ein Problem mit Flüchtlingen hat. Kaum wird in Niederlützel ein Grill geklaut, wird sogleich der dönerbratende Türke als Verdächtiger geführt. Ein vernünftiger Diskurs? Fehlanzeige. Doch auch in "In bester Verfassung" trägt nicht allzu stark für eine gute Kontroverse bei, weil das ansich smarte Konzept viel zu schnell verbraten wird.

So haben Bolz (auch bekannt als YouTuber "DeChangeman") und Co-Autor Siegismund jeden erdenklichen "Ich bin ja (kein) Nazi, aber"-Gag in starres Schauspiel gesteckt, ganz so, als hätten die handelnden Personen die Ansage bekommen, jede Silbe einzeln zu betonen. Schnell stoßen die meisten der Schauspieler an ihr Limit, weil sie durch diese gezwungene Art zu viel Witz in ihre Performance packen wollen - oder müssen. Hauptdarstellerin Gudrun Landgrebe ist von dieser Kritik ausgenommen, sie überzeugt vor der Kamera ebenso wie Autor Fabian Siegismund, der den auf eigene Faust ermittelnden Referatsleiters Matthias Frings verkörpert.

In bester Verfassung© ZDF & Joscha Seehausen

Positiv ist dann zumindest, dass es den vielen unerfahrenen Darstellern mit der Zeit gelingt, sich locker zu machen. Zum Ende hin wirkt einiges stimmiger. Und doch bleibt vieles problematisch: Niederlützel verwandelt sich durch die Fake-News in ein Nazi-Paradies, in dem auf anstrengende Weise gezeigt werden soll, wie verrucht dieses Land doch ist. Ohne jegliche Subtilität wird "GZSZ"-Darsteller Tayfun Baydar in seiner Rolle als Türke als Busengrabscher abgestempelt, Bürgermeister Rösgen-Schmidt tritt stets wutschnaubend mit schmierigem Adolf-Scheitel auf und die senile Oma glänzt in ihrem Vortrag des "Heil Hitler"-Tourettes. Viel offensichtlicher kann man eine solche Geschichte nicht erzählen.

Die gesamte achtteilige Mini-Serie, die ursprünglich für YouTube konzipiert wurde, demnächst aber auch im Fernsehen läuft, fühlt sich daher an wie ein nicht enden wollendes Stand-Up-Programm, in dem Pointe auf Pointe folgt. Dabei wird der Anspruch einer Polit-Satire gegen das Dasein einer Klamaukreihe eingetauscht, die es mit der allerletzten Szene sogar schafft, jeglichen gesellschaftlichen Mehrwert zu zerstören. Anders kann es nicht beschrieben werden, wenn die Serie damit geschlossen wird, dass Niederlützel nun von scheinbar echten Terroristen ins Visier genommen wird. Ein Spoiler, ja, aber gleichzeitig auch ein Twist, den die Welt nicht braucht.

Die Web-Serie "In bester Verfassung" kann ab heute in der ZDFmediathek und auf YouTube gestreamt werden. Im ZDF läuft die Produktion am 17. Juni um 23:55 Uhr.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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